Heft 2 - April/Mai 2017

Neues Deutschland

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Ulf Bohmann, Paul Sörensen

Multikulturalismus reloaded. Demokratie in Zeiten von Flucht und Migration

Am 7. September 2016, und damit ziemlich genau ein Jahr nachdem die oftmals als Zauderin gescholtene Bundeskanzlerin mit ungeahntem politischem Mut kurzerhand die Grenzen der Bundesrepublik für in Ungarn festsitzende geflüchtete Menschen hatte öffnen lassen, beschloss Merkel ihre ganz im Zeichen der sogenannten »Flüchtlingskrise« stehende Rede zum Bundeshaushalt für 2017 mit den Worten: »Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem, was uns daran lieb und teuer ist.« Mag diese geradezu beschwörende Formel angesichts des Erstarkens einer parteiförmigen Konkurrenz am rechten Rand unter taktischen Gesichtspunkten noch irgendwie nachvollziehbar erscheinen, so ist sie aus soziologischer Sicht als naiv und unter dem Blickwinkel politischer Rationalität als verheerend zu bewerten.

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Charles Taylor

Werden, was wir sind. Interkulturalismus und Demokratie im Zeichen der »Flüchtlingskrise«

Zweifellos haben die Gesellschaften Europas gegenwärtig eine Herausforderung ungeahnten Ausmaßes zu bewältigen. Doch erteilt uns die sogenannte »Flüchtlingskrise« zugleich eine Lektion über das Wesen moderner Demokratien. So tragen die Migrationsströme der jüngsten Vergangenheit am Ende vielleicht dazu bei, stärkere und bessere politische Gemeinschaften zu formen. Dann hätte eine Krise, die augenscheinlich die Fundamente demokratisch verfasster politischer Gemeinwesen erschüttert, wie ein Funke gewirkt, der das demokratische Feuer wieder anfacht, das in Zeiten einer allenthalben konstatierten Postdemokratie bereits verloschen schien.

Hartmut Rosa

Anverwandlung statt Versteinerung. Zwei Antworten auf die »Flüchtlingskrise«

(...) Nimmt man die Resonanzüberlegungen ernst, so kann ein gemeinschaftliches Projekt, dessen Ziel ein demokratisches Zusammenleben in gleichberechtigter Koexistenz und wechselseitiger Achtung sein soll, nicht in der Durchsetzung einer dominanten Mehrheits- oder Leitkultur bestehen, der sich alle anderen Gruppen zu assimilieren hätten, wie es heute wieder vielerorts gefordert wird. Entgegen einem Wahlkampfslogan der CDU von 1957 und ganz im Sinne John Deweys gilt es heute mehr denn je, Experimente zu wagen und ganz im Sinne Charles Taylors die Frage danach, wie wir solidarisch und gut miteinander leben wollen, offensiv zu stellen. (...)

Peter A. Kraus

Identitätspolitik unter Bedingungen komplexer Vielfalt

(...) Das Konzept der komplexen Vielfalt soll eine Konstellation umreißen, in der kulturelle Identitäten und soziale Spaltungslinien sich in veränderlichen Formen überlappen und ineinander verflochten sind. Die Gesellschaften Europas sind zum einen dadurch vielfältiger geworden, dass sie neue Schichten von Diversität inkorporiert haben. Zum anderen – und das ist hier der entscheidende Punkt – weisen die einzelnen Segmente oder Schichten von Vielfalt ihrerseits ein wachsendes Maß an Binnenheterogenität auf. Dementsprechend gilt es, keine Identität als starre und politisch »selbstverständliche« Größe zu begreifen. (...)

Volker M. Heins

Multikulturalismus in der Ära Trump

(...) Der Backlash gegen den Multikulturalismus wird inzwischen überboten und verschärft durch völkischen Nationalismus und weiße Identitätspolitik, die von der Neuen Rechten in Europa oder vom neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump betrieben und verkörpert werden. Insbesondere der »Trumpismus« ist schon jetzt, unabhängig davon, ob und wie er sich in Maßnahmen wie dem Bau von Mauern gegen Einwanderer oder deren massenhafter Deportation materialisiert, die gegenwärtig beunruhigendste Ausformung eines militanten Antiliberalismus in der euroamerikanischen Weltregion. (...)

Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Mischa Gabowitsch

Diesseits der Kremlmauern. Für einen anderen Blick auf die russländische Gesellschaft

Die publizistische, aber auch die interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Debatte über das heutige Russland konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die Funktionsweise des politischen Systems, Aussagen seiner Vertreter und Fragen des Machterhalts oder -wechsels. Mit schöner Verlässlichkeit sind es immer wieder Wladimir Putin, seine Umgebung und die breiteren politischen Eliten, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Die Gesellschaft kommt in der Diskussion allzu oft nur als »abhängige Variable« vor – quasi als Masse, die von der Politik nach Belieben geformt werden kann. (...)

Weitere Beiträge von Mischa Gabowitsch

Stephen Lovell

Kontinuität und Wandel in Russlands Gesellschaft seit den 1960er-Jahren

Beobachter der russländischen Gesellschaft tun sich oft schwer, die Balance zu halten zwischen einer Betrachtungsweise, die überall schier erdrückende Kontinuitäten konstatiert, und einer gegenteiligen Sicht, die den radikalen Wandel betont. Einerseits weisen etwa bestimmte Merkmale patrimonialer und imperialer Herrschaft sowie ein Hang zur Ablehnung des Fremden in der longue durée unleugbar eine erstaunliche Zählebigkeit auf; entsprechend leichtfertig ist manch einer heute dabei, von einem »neuen Kalten Krieg«, einem sowjetischen, ja einem Romanow’schen oder gar moskowitischen Erbe zu sprechen. Nimmt man andererseits Zäsuren wie die von 1917 bis 1921 oder 1990 bis 1992 in den Blick, sieht man sich mit einer übergroßen Zahl an möglichen Wendepunkten konfrontiert. (...)
Laurent Thévenot

Von Russland lernen. Für eine Entprovinzialisierung der Soziologie und Historiografie des Politischen

Der ständige Dialog zwischen Soziologen und Historikern, für den diese Beilage mit Blick auf Russland wirbt, ist ein wesentlicher Bestandteil der intellektuellen Abenteuer, an denen ich in den letzten Jahrzehnten als Soziologe beteiligt war. (...)Zwar bin ich kein Experte für den russischen Kulturkreis. Dennoch ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit Kollegen aus Russland oder solchen, die sich mit Russland beschäftigen, für mich zu einer maßgeblichen Inspirationsquelle geworden, um die Borniertheiten einer allgemeinen Gesellschaftswissenschaft zu überwinden, die aus deren historischer Verankerung in westlichen Gesellschaften folgen. (...)

Aus der Protestchronik: 15. April 1974, San Francisco

15. April 1974, San Francisco – Eine schwer bewaffnete Kommandogruppe der Symbionese Liberation Army (SLA) überfällt in der südlich des Golden Gate Parks gelegenen Noriega Street eine Filiale der Hibernia Bank und erbeutet eine Summe von über 10 000 Dollar. Beim Verlassen der Bank schießen die Täter auf zwei Kunden und verletzen sie schwer. Anhand der Aufnahmen einer Überwachungskamera kann die Polizei einige der Bankräuber zweifelsfrei identifizieren. Unter anderem deutlich zu erkennen: die mit einer Maschinenpistole bewaffnete Milliardärstochter Patricia »Patty« Hearst. (...)

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