Heft 3 - Juni/Juli 2008

Freundschaft

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Weitere Hefte zu "Soziale Beziehungen"

Dokumente: Fritz Protokolle, Reihengespräche in der Kommune I, 1967


Thema

Heinz Bude

Die Aktualität der Freundschaft

Freundschaft gilt als eine vernachlässigte soziologische Kategorie, aber aus diesem Grunde auch als geheimer Begriff einer ins Neue vorstoßenden Gesellschaftstheorie. Seitdem Georges Bataille die Freundschaft im Anschluss an Marcel Mauss als eine Beziehungsform der Gabe gekennzeichnet hat, die die »begrenzte Ökonomie« des Vertrages hinter sich lässt, fehlt es nicht an Versuchen, in seiner Nachfolge eine auf den Gesetzen der Reziprozität beruhende Theorie der zwischenmenschlichen Verpflichtung, der politischen Ordnung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu entwerfen. Zu denken ist hier an Michel Foucaults Reflexionen über die Freundschaft von 1984, an Jacques Derridas Meditationen über eine »Politik der Freundschaft« von 1994, an Jean-Luc Nancys und Maurice Blanchots Überlegungen über die »undarstellbare« oder die »uneingestehbare Gemeinschaft«, aber auch an Jacques Rancières oder Chantal Mouffes Rekonstruktionen einer Theorie des Politischen. (…)

Weitere Beiträge von Heinz Bude

Janosch Schobin

Sechs Farben und drei Rotationsachsen. Versuch über Verpflichtungen in Freundschaften

Dem Versuch, Freundschaft als Beziehungsform aufzufassen, auf die man sich verlassen kann, wenn es ernst wird, stehen einige ihrer zentralen soziologischen Bestimmungen im Weg. Freundschaft wird von Soziologen als eine informelle und freiwillige Beziehung klassifiziert. Unrecht haben sie damit auf den ersten Blick nicht. Freundschaften werden nicht durch Verträge vor Zeugen geschlossen. Es gibt keine implizite oder explizite Satzung der Freundschaft, über die eine sanktionsmächtige Instanz wachen würde, und anders als unsere Verwandtschaft können wir uns unsere Freunde aussuchen. Die Kopplung dieser beiden Bestimmungen hat eine ärgerliche Konsequenz: Weder kann man eine Freundschaft mit jemandem aufnehmen, der sie nicht wünscht, noch auf der Fortführung einer begonnenen Freundschaft bestehen, falls dies der/die andere nicht will. (…)

Weitere Beiträge von Janosch Schobin

Michaela Gummerum, Monika Keller

Freundschaftskonzepte und Handlungsvorstellungen in Freundschaft. Der Einfluss von Entwicklung und Kultur

Freundschaften spielten bereits in der Antike eine wichtige Rolle: Für den griechischen Philosophen Aristoteles waren Freundschaften ein wichtiger Bestandteil eines glücklichen (und moralischen) Lebens, und auch der Römer Cicero diskutierte die Bedeutung, Definition und Entwicklung von Freundschaft in seinem Werk »De amicitia«. Auch heute ist Freundschaft sowohl für Erwachsene als auch für Kinder eine wichtige Beziehung: Laut einer Umfrage von Unicef (2006) hat für 6- bis 14- jährige deutsche Kinder Freundschaft den höchsten Stellenwert und ist damit weit wichtiger als Geld oder materieller Besitz. (…)
Sasha Roseneil

Neue Freundschaftspraktiken. Fürsorge und Sorge um sich im Zeitalter der Individualisierung

Dieser Aufsatz greift auf Ergebnisse zurück, die für das britische Forschungsprogramm »The ESRC Research Group for the Study of Care, Values and the Future of Welfare« erarbeitet wurden. In diesem Programm ging es uns darum, Veränderungen der Praxis und der normativen Einstellungen im Bereich der Fürsorge zu untersuchen. Den Hintergrund der Fragestellung bildeten die jüngsten Debatten über die Individualisierung und die mit ihr verbundenen langfristigen Entwicklungen in den Geschlechterbeziehungen und Mustern der Familienbildung. Die vorliegenden Ausführungen basieren auf dem »Friendship and Non-Conventional Partnership Project«. Dieses Teilprojekt des Forschungsprogramms war darauf angelegt, auch die psychischen und affektiven Dimensionen der Fürsorge sowie unkonventionelle, antiheteronormative Fürsorgepraktiken zu erforschen, die von der Soziologie bislang weitgehend ausgeblendet worden sind. (…)

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Autoren


Literaturbeilage

Manfred Bauschulte

Erfahrung und Selbstzerstörung. Klaus Heinrichs faszinationsgeschichtliche Analysen der Zivilisation

In seinen soziologischen Analysen der Weimarer Republik prognostiziert Siegfried Kracauer die Heraufkunft einer »durchrationalisierten zivilisierten Gesellschaft«, in der »der bindungslose Intellekt seinen Endsieg erfochten hat, ein nur mehr äußeres Bei- und Durcheinander der Figuren und Sachen, das fahl und verwirrend anmutet, weil es die künstlich ausgeschaltete Wirklichkeit zur Fratze hat«. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett kommt rund siebzig Jahre später in seinem Buch »The corrosion of character« (1998) zu einem vergleichbaren Befund, wenn er den »flexiblen Menschen« innerhalb moderner ökonomischer Kontroll- und Machtstrukturen untersucht. Dieser sei ebenso anpassungsbereit wie fragmentiert, so bindungs- wie verantwortungslos, d.h., er agiere zivilisatorisch auf einer durchrationalisierten, jedoch erfahrungs- und reflexionslosen Basis. (…)

Weitere Beiträge von Manfred Bauschulte


Ulrich Bielefeld

Nation und Weltgesellschaft

Wenn von Gesellschaft gesprochen wurde, war im alltäglichen wie akademischen Gebrauch bis vor nicht langer Zeit eine bestimmte nationale Gesellschaft gemeint. Auf der Ebene nationaler Gesellschaften ließen sich Institutionen verorten, Sozialstrukturen beschreiben, Öffentlichkeiten erfassen, dort konnte Recht gesetzt und gesprochen sowie Politik gemacht werden, nicht zuletzt wurden hier Wahlen durchgeführt, wurde Gesellschaft demokratisiert und Herrschaft überhaupt legitimiert. Trotz aller tatsächlichen oder behaupteten Ortlosigkeit moderner Individuen definierte die nationale Gesellschaft ihre Zugehörigkeit. Sie ist und bleibt die Quelle menschlicher Zugehörigkeitsgefühle, nicht nur für die kurze Zeitspanne international ausgetragener Sportveranstaltungen. Und sollte sich die Stabilität moderner Gesellschaft gerade aus den Differenzen zwischen ihren unterschiedlichen Teilen ergeben, so wurde gesellschaftliche Einheit doch als nationale vorgestellt und realisiert. So war und ist man mit sicherlich variierender Emphase und angesichts durchaus unterschiedlicher Anlässe Franzose, Engländer, Deutscher etc. (…)

Weitere Beiträge von Ulrich Bielefeld


Aus der Protest-Chronik

23. Mai 1989
In China spitzt sich eine von Studenten angeführte Demokratisierungsbewegung immer weiter zu. Ihren Ausgang hatte sie einen Monat zuvor in der Hauptstadt genommen und sich von dort über das gesamte Land ausgebreitet. Zentraler Ort ihrer Aktivitäten ist der Tien-an-men, der Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Hier hat Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 nicht nur die Volksrepublik ausgerufen, hier befindet sich wie ein Zeichen der Mahnung, die Errungenschaften des Langen Marsches nicht aus den Augen zu verlieren, auch das Mausoleum mit dem einbalsamierten Leichnam des einstigen kommunistischen Staats- und Parteiführers. (…)

 
Pressestimmen
»›Freundschaft‹ gelte als ›geheimer Begriff einer ins Neue vorstoßenden Gesellschaftstheorie‹ schwärmt der Soziologe Heinz Bude in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die sich mit dem Freundschaftsthema beschäftigt. Freundschaften sollen die Seelen heilen, wenn eine Paarbeziehung zerbrochen ist und der Partnerschaftsmarkt allzu brutal und kalt erscheint.«
Barbara Dribbusch, die tageszeitung, 4. August 2008
Pressetext
Autor, Quelle, 21. Mai 2008