Heft 3 - Juni/Juli 2009

Europäische Gesellschaft?

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Seite 1: ... auch ohne uns

Der Lehrer: Si Fu, nenne uns die Hauptfragen der
Philosophie!
Si Fu: Sind die Dinge außer uns, für sich, auch ohne uns,
oder sind die Dinge in uns, für sich, nicht ohne uns?
Der Lehrer: Welche Meinung ist die richtige?
Si Fu: Es ist keine Entscheidung gefallen.
Der Lehrer: Zu welcher Meinung neigt zuletzt die
Mehrheit unserer Philosophen?
Si Fu: Die Dinge sind außer uns, für sich, auch ohne uns.
Der Lehrer: Warum bleibt die Frage ungelöst?
Si Fu: Der Kongress, der die Entscheidung bringen sollte,
fand, wie seit zweihundert Jahren, im Kloster Mi Sang
statt, welches am Ufer des Gelben Flusses liegt. Die Frage
hieß: Ist der Gelbe Fluss wirklich, oder existiert er nur
in den Köpfen? Während des Kongresses aber gab es eine
Schneeschmelze im Gebirge, und der Gelbe Fluss stieg
über seine Ufer und schwemmte das Kloster Mi Sang
mit allen Kongressteilnehmern weg. So ist der Beweis,
dass die Dinge außer uns, für sich, auch ohne uns sind,
nicht erbracht worden.

Bertolt Brecht, Turandot oder der Kongress
der Weißwäscher (Stücke, Band 14, S. 36)

Bilder: Sicherheitsbedarf

© Max Andree


Thema

Theresa Wobbe

Vom nation-building zum market-building. Der Wandel von Vergesellschaftungsformen im europäischen Integrationsprozess

Die Soziologie hat sich eine Weile etwas schwer damit getan, ihr Instrumentarium für die Analyse des europäischen Integrationsprozesses zu nutzen. Ihre etwas längere »warming up«-Phase in diesem Bereich trug gewiss dazu bei, den Integrationsprozess als Forschungsgegenstand anderen Disziplinen zu überlassen wie etwa der Politikwissenschaft, die sich vor allem für die Frage nach den europäischen Entscheidungsstrukturen interessiert und dafür, wie diese auf die Nationalstaaten als Grundeinheiten des internationalen Systems zugerechnet werden können (vgl. Jachtenfuchs/Kohler-Koch 1996; Moravcsik 1998). Die Soziologie schien für die (nationale) Sozial- und Gesellschaftsstruktur zuständig zu sein, die Rechts- und Politikwissenschaft dagegen für das Gemeinschaftsrecht und das Regieren. (…)
Maurizio Bach

»Europäische Gesellschaft«. Politische Integration und gesellschaftliche Desintegration in Europa

Ob es eine europäische Gesellschaft gibt oder nicht, ist letztlich eine empirische Frage. Dies in mehrerer Hinsicht: Entweder in dem Sinne, dass für die Leute die Vorstellung von einer europäischen Gesellschaft ein sinnvolles Deutungsmuster mit einer normativen Verpflichtungskraft ist, an dem sie sich irgendwie orientieren. Oder in dem Sinne, dass es politische Akteure oder Institutionen gibt, für welche Europa als Gesellschaft eine Legitimation stiftende Referenzeinheit darstellt.
Die erste Variante der »europäischen Gesellschaft«, die Beobachtungsperspektive der Leute, können wir mit Blick auf die demoskopischen Befunde getrost auf sich beruhen lassen. Zwar fühlen sich viele Bürger als Europäer, die Identifikation bleibt aber meist ziemlich diffus. Die europäische Ebene ist für sie überwiegend nicht besonders bedeutungsvoll. Das Interesse an der EU ist äußerst gering, außer unter den europäischen Eliten in Politik, Verwaltung und Wissenschaft. (…)
Steffen Mau

Ungleichheitsdynamiken im europäischen Raum

Die Ungleichheitssoziologie beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Ungleichverteilung knapper und begehrter Güter und Positionen innerhalb von Gesellschaften. Die Formulierung »innerhalb von Gesellschaften« war bis vor wenigen Jahren noch gänzlich unumstritten, da der Begriff der Gesellschaft ganz automatisch die Vorstellung einer Nationalgesellschaft einschloss: Ungleichheiten innerhalb von Nationalgesellschaften waren im Fokus, Ungleichheiten zwischen Nationalgesellschaften nahezu invisibilisiert (Beck/Grande 2004). Zentrale Ungleichheitskonzepte wie Klassen, Schichten, Berufsgruppen, Einkommensverteilungen und Bildung sind dementsprechend innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens entwickelt worden. Die Darstellungen der Sozialstruktur als Zwiebel von Karl Martin Bolte oder als Haus von Ralf Dahrendorf stellen unterschiedliche Ränge und Positionierungen innerhalb eines geordneten und abgegrenzten Ganzen dar. Ebenso beruhen die Maßstäbe und Vergleichsgesichtspunkte des Mehr oder Weniger, auf die die Ungleichheitsanalyse ja angewiesen ist, letztlich auf Vorstellungen einer nationalen Sozialstruktur. Ein zweiter Schwerpunkt soziologischer Ungleichheitsanalyse sind komparative Ansätze, die mit Hilfe sozialstatistischer Daten Unterschiede und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Länder herausarbeiten (Glatzer 1993, Immerfall 1994, Therborn 1995, Hradil/Immerfall 1997, Crouch 1999). Hier werden Länder ebenfalls als abgeschlossene Einheiten behandelt und in verschiedenen Dimensionen miteinander verglichen. (…)
Maximilian Müller-Härlin

Europäisierung? . Nation und Europa in Parlamentsdebatten zur Europäischen Integration

Folgt man weiten Teilen der zeithistorischen und politikwissenschaftlichen Europa-Forschung, so hat sich in den letzten 40 bis 60 Jahren alles »europäisiert«: Die Politik, die Gesellschaft, das Recht, die Diskurse, die nationale Identität und die Bundesrepublik hätten sich demzufolge im europäischen Rahmen angeglichen, angenähert, harmonisiert oder gar homogenisiert. Läuft also alles wie weiland auf die Nation nun auf Europa hinaus? Zweifel scheinen angebracht, da zumindest vier anerkannte Entwicklungslogiken der Europäisierung sich potentiell in die Quere kommen, jedoch kaum zu ihr ins Verhältnis gesetzt werden. Zu reden ist einerseits von der Globalisierung und ihrer vielbeschworenen kleinen Schwester, der Regionalisierung. Des Weiteren fragt manch einer immer noch und wieder – mit guten Gründen – nach der Verwestlichung, nur wenige allerdings nach einer Nationalisierung oder Renationalisierung, so damit nicht lediglich ein rückwärtsgewandter Nationalismus gemeint ist. Nachzudenken wäre darüber hinaus über eine mögliche »Veröstlichung« einzelner Länder, Regionen oder der EU nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Beitritt der mittelosteuropäischen Länder, die aber kaum diskutiert wird. (…)

Literaturbeilage

Jan Süselbeck

Der erfrischende Machetenhieb. Zur literarischen Darstellung des Genozids in Ruanda am Beispiel des Romans »Hundert Tage« von Lukas Bärfuss

Robert Stockhammer hat in seiner komparatistischen Studie »Ruanda. Über einen anderen Genozid schreiben« darauf hingewiesen, dass Synekdochen zur Durchkreuzung herrschender Synekdochen offenbar unvermeidbar sind. Das Setzen eines konkreten Begriffs für einen umfassenderen abstrakten, also etwa »der Hutu« für den Täter schlechthin, oder überhaupt die Weiterverwendung der ethnischen Konstruktionen von »Hutu« und »Tutsi« beziehungsweise »Bahutu« und »Batutsi«, wie Stockhammer sie wiedergibt, sind aber problematisch. Laut Stockhammer ist das Schreiben über einen Genozid auf sprachkünstlerische Verfahren angewiesen, die diese willkürlichen Setzungen, die einmal einen konkreten Völkermord ausgelöst haben, unterlaufen: »Es geht, anders gesagt, nicht einfach darum, nicht zu nennen, sondern darum, die eigene Benennungsmacht zu reflektieren.«
Lukas Bärfuss hat das in seinem 2008 vorgelegten Ruanda-Roman »Hundert Tage« offensichtlich getan. Die Worte »Hutu« und »Tutsi« kommen in dem Text tatsächlich gar nicht vor, die damit bezeichnete »Rassentrennung« wird aber dadurch nicht etwa ausgeblendet. (…)

Weitere Beiträge von Jan Süselbeck


Bettina Greiner

Speziallager? Was für Speziallager?. Zum historischen Ort der stalinistischen Verfolgung in Deutschland

Vor fast 60 Jahren, am 17. Januar 1950, wurde im Neuen Deutschland die Auflösung von Lagern bekannt gegeben, die es offiziell gar nicht gab: die Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes (NKWD/MWD). Mindestens 154.000 Deutsche waren seit 1945 in der SBZ unter grauenvollen Haftbedingungen gefangen gehalten worden – in ihren Reihen finden sich so prominente Namen wie Ulrich Freiherr von Sell und Justus Delbrück (beide dem Widerstand des 20. Juli zugehörig), Horst von Einsiedel (»Kreisauer Kreis«), Ewald Pieck (Stadtrat von Ost-Berlin), Heinrich George, Gustaf Gründgens und Marianne Simson (Schauspieler), Georg Kohn (Leiter der jüdischen Gemeinde Berlin), Gerhard Wischer, Hans Heinze (Euthanasie-Ärzte), Stella Goldschlag (Protagonistin aus Peter Wydens Stella), Otto Koch (NS-Bürgermeister von Weimar), Eduard Zimmermann (TV-Journalist), Karl Ritter von Halt und Otto Nerz (NS-Sportfunktionäre), Max Emendörfer (Kommunist), Friedrich Griese (NS-Schriftsteller), Wieland Förster (Künstler) und Walter Kempowski (Schriftsteller). (…)

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Aus der Protest-Chronik

1. Dezember 1960 – 8. Oktober 1961
Eine Gruppe von Atomwaffengegnern startet einen zehnmonatigen Friedensmarsch, in dessen Verlauf sie rund 10.000 Kilometer zurücklegen wollen und der sie von San Francisco nach Moskau führen soll. Von einem Transatlantik-Flug von New York nach London und einer Schiffsfahrt über den Ärmelkanal einmal abgesehen, wollen die Teilnehmer ausschließlich zu Fuß von Ort zu Ort und von Land zu Land, zunächst von der amerikanischen West- zur Ostküste und dann von West- nach Osteuropa ziehen. An den verschiedenen Stationen werden sich die während des Kalten Krieges vorherrschenden Kräfteverhältnisse wie in einem Brennspiegel bündeln. Und es wird sich zur allgemeinen Überraschung zeigen, dass weder die totalitäre Sowjetunion noch ein anderes kommunistisches Regime, sondern ein westeuropäisches Land die größeren Schwierigkeiten macht, eine kleine Gruppe pazifistischer Demonstranten zu akzeptieren – das Mutterland der Revolution. (…)