Heft 3 - Juni/Juli 2010

Freundschaft und Zerwürfnis

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Weitere Hefte zu "Soziale Beziehungen"

Seite 1: Unaware of how they look

Mary [McCarthy]: »A discovery I have made in Vietnam is that those who seek to project an ›image‹ are unaware of how they look. The truth they are revealing has become invisible to them.«

Hannah Arendt, Denktagebuch 1950–1973, Zweiter Band, München 2002, S. 666

»Liebe Hannah Arendt ...«. Ein Briefwechsel zwischen Leni Yahil und Hannah Arendt, 1961–1971

Jerusalem 5/5/61

Liebe Hannah Arendt,
ich würde mich freuen, wenn diese alte jemenitische »Glückshand« Sie nicht nur als gute Erinnerung an die hier verbrachten Tage und als Omen für Ihre Arbeit begleiten würde, sondern Sie auch gelegentlich darauf hinwiese, dass dieses Land und der Staat in ihrer heutigen Form aus der historisch gewordenen Wirklichkeit des jüdischen Volkes gewachsen sind – wie revolutionär die Wege auch gewesen sein mögen. Diese Wirklichkeit – die faktische, die geistige und die institutionelle – ist die Wurzel, und nichts wäre verhängnisvoller, als uns von diesen Wurzeln gewaltsam abzutrennen – selbst wenn es im Namen allgemeiner, richtiger oder in vielen Teilen der modernen Welt gültiger Prinzipien geschieht.
Aber das eigentlich nur nebenbei. Ich hoffe, dass Ihnen das alte Stück ganz einfach gefallen wird und Sie es gerne mitnehmen.
Mit herzlichen Grüssen und allen guten Wünschen für Reise und Arbeit
Ihre
Leni Yahil

Dan Michman, Sarit Shavit

Hannah Arendt und Leni Yahil. Eine Freundschaft, die nicht standhielt

Die »Arendt-Kontroverse«, die sich an der Veröffentlichung von fünf Artikeln der jüdischen US-Philosophin deutscher Herkunft Hannah Arendt im New Yorker im Februar und März 1963 entzündete und sich mit dem Erscheinen eines auf den Artikeln basierenden Buchs im gleichen Jahr weiter verschärfte, stellte sowohl für die wissenschaftliche wie die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust einen Meilenstein dar. In seinem Eintrag in der Enzyklopädie des Holocaust stellt Prof. Richard I. Cohen, der die Kontroverse ausführlich untersucht hat, Folgendes fest:
»Eichmann in Jerusalem führte zu einer öffentlichen Diskussion, an der sich Journalisten, Intellektuelle, Juristen, Sozialwissenschaftler, Historiker und andere beteiligten, Juden wie Nichtjuden […Es] provozierte Reaktionen von Überlebenden und interessierten Beobachtern in Amerika, Europa und Israel, die sich häufig zum ersten Mal öffentlich äußerten [. . . ] Darüber hinaus regte Arendts Buch, obwohl es zunächst Empörung und Ressentiments hervorrief, ernsthafte Überlegungen und historische Studien an.«
Die Kontroverse wurde jedoch bis heute nicht vollständig beigelegt. (…)

Literaturbeilage

Christian Schneider

Eine Mesalliance mit Folgen. Adorno und die Psychoanalyse

Die Behauptung, Theodor W. Adorno sei derjenige, der nach Krieg und Nazismus die Psychoanalyse wie eine »gefährliche Konterbande« in den Wissenschaftsbetrieb der Bundesrepublik eingeschmuggelt habe, mag eine Übertreibung sein. Wenigen ist indes so sehr tatsächlich das Verdienst zuzurechnen, der Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 wieder Gehör und öffentliche Geltung verschafft zu haben, wie Adorno, auf den das Statement zurückgeht, an ihr sei »nichts wahr als ihre Übertreibungen«. Nimmt man dieses Wort ernst, so wird schlagartig die innere Verwandtschaft dieses einzigartigen Theoretikers und der wohl wichtigsten geisteswissenschaftlichen Theorie des 20. Jahrhunderts deutlich: Beide leben vom Geist der »Übertreibung« – wenn darunter die Fähigkeit zu verstehen ist, Sachverhalte ohne Rücksicht auf Konventionen auf den theoretischen Punkt zu bringen.
Ein prominentes Beispiel dafür ist das erste, unter Adornos Leitung durchgeführte empirische Forschungsprojekt des nach Deutschland zurückgekehrten Instituts für Sozialforschung. Das Gruppenexperiment, eine Studie, mit der das politische Bewusstsein der Deutschen erforscht werden sollte, lebt von psychoanalytisch inspirierter Hypothesenbildung und Interpretation (GS 9/2, S. 121-324), eine Pioniertat in der Wissenschaftslandschaft der frühen 1950er Jahre. Denn die Psychoanalyse, im NS-Staat als »jüdische Wissenschaft« verfemt, hatte keinen Platz im akademischen Kosmos der Nachkriegsgesellschaft gefunden. (…)

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Weitere Beiträge von Christian Schneider


Dagmar Reese

Zum Stellenwert der Freiwilligkeit. Hitler-Jugend und NSDAP-Mitgliedschaft

Unter den Beiträgen, die sich in jüngerer Zeit mit den NSDAP-Mitgliedschaften ehemaliger Hitler-Jugend-Angehöriger beschäftigt haben, sticht ein Interview von Martin Zips mit Dieter Hildebrandt heraus. Mit seiner Überschrift »Vielleicht war es meine Mutter« – ein Zitat Hildebrandts aus ebendiesem Interview – präsentiert Zips den Kabarettisten auf zwei unterschiedlichen Ebenen: als ehemaliges NSDAP-Mitglied, das sich seiner Verantwortung jahrelang entzog, sowie als »Muttersöhnchen«, das sich dazu der Person seiner Mutter bedient. Die Verwendung der Überschrift ist bezeichnend, gibt sie doch dem Zorn der Nachgeborenen auf die Nazi-Vergangenheit der eigenen Elterngeneration Ausdruck und verweist zugleich auf Geschlechterklischees, die die Zeitläufe unbeschadet überstehen: Als »Muttersöhnchen« wurden gerade auch in der Hitler-Jugend gern diejenigen bezeichnet, deren Verhalten man bekämpfen wollte. Hildebrandts Äußerung regt dazu an, genauer nach Lebensumständen und Handlungsspielräumen der Hitler-Jugend-Generation in den letzten Kriegsjahren zu fragen und deren Weg in die Partei, der fortlaufend stärker reglementiert wurde, nachzuverfolgen. (…)

Markus Pöhlmann

Planet Terror. Krieg und Bürgerkrieg im Zombiefilm seit 1968

Zombiefilme sind cineastische Zumutung. Sie sind dies nicht so sehr wegen des Übermaßes an Gewaltdarstellung; hier scheint das Subgenre des Horrorfilms längst vom Killerspiel als auch von der epidemischen digitalen Verbreitung von Darstellungen realer kriegerischer Gewalt in der Gegenwart in den Schatten gestellt. Zombiefilme sind vielmehr Zumutungen an die Erwartungen des Publikums im Bezug auf darstellerische Leistung und das narrative Potenzial von Film an sich. Bei den cineastischen Mitteln, mit denen sie Horror zu erzeugen suchen, entfalten die Filme des »Goldenen Zeitalters des Zombiefilms« von 1968 bis 1983 heute allenfalls noch unfreiwillige Komik, ein wohliges Prickeln von Pulp. Gleichwohl lässt sich für die letzten zehn Jahre eine regelrechte Renaissance des Zombiefilms feststellen, wobei diese neuen Filme in ihren Mitteln der filmischen Darstellung, der Komplexität der Narrative und den Budgets nur mehr wenig mit den Vorgängern zu tun haben. Sie spiegeln gesellschaftliche Ängste und Ungleichheiten und die politisch-militärischen Veränderungen seit dem 11. September. Sie bieten damit Anlass, sich dem weitgehend unterbelichteten Zusammenhang von Untoten, Krieg und Militär zu nähern. (…)

Aus der Protest-Chronik

8. Juli 1972 
Die 34-jährige Filmschauspielerin Jane Fonda fliegt von Los Angeles nach Hanoi, um von dort aus gegen den Vietnamkrieg der USA zu protestieren. Der Hollywood-Star, der erst einige Monate zuvor für seine Rolle in dem Thriller Klute mit dem Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, ist bereits seit einigen Jahren in der Antikriegsbewegung aktiv und will nun seine Prominenz einsetzen, um zur Beendigung des Kriegs beizutragen. Sie ist keineswegs die erste, die zu einer solchen Reise aufbricht. Vorgänger waren etwa der ehemalige Generalstaatsanwalt und zeitweilige US-Justizminister Ramsey Clark, der Bürgerrechtler Dick Gregory sowie ihr späterer Ehemann Tom Hayden, führender Aktivist der Studentenbewegung, der bereits 1965 nach Nordvietnam flog und dem es beim Vietcong gelungen war, drei amerikanische Soldaten freizubekommen und sie in die Vereinigten Staaten zurückzubringen. (…)


 
Pressestimmen
Während Hannah Arendt 1961 in Jerusalem war, um dem Eichmann-Prozess beizuwohnen, freundete sie sich mit Leni Yahil an, einer in Deutschland geborenen Holocaust-Forscherin. Schnell zerstreiten sie sich über Eichmann, bis dahin aber schreiben sie sich einige wunderbare Briefe, die Mittelweg 36 abdruckte und die bei Eurozine jetzt online zugänglich sind. Zum Beispiel Arendt an Yahil, vom 23. Juli 1961: „Basel (Jaspers) war besonders schön! Aber danach habe ich die Dummheit gemacht, mich nochmals nach Deutschland einladen zu lassen. Studenten - Diskussionen. Und nun will ich nichts wie weg. Kommentar überflüssig. Übrigens trotz meiner Irritation: Von Antisemitismus nirgends eine Spur! Aber dass es mit dieser sog. Bundes-Demokratie schief gehen wird, ist mir beinahe sicher. Ohne Einflüsse von Aussen wird es eine Art Militärdiktatur geben. Und Atomwaffen, auch im Rahmen der Nato, würde ich den Herrschaften auch nicht für 5 Minuten anvertrauen. Aber all das natürlich entre nous.“
Perlentaucher, 29. Juli 2010