Heft 3 - Juni/Juli 2011

Stuttgart 21 - reflexiv

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Protest"

Seite 1: Frage

Frage

»Gibt es etwas auf Erden, was Bedeutung hätte und sogar den Gang der Ereignisse nicht nur auf Erden,auch in anderen Welten ändern könnte?« fragte ich meinen Lehrer.
»Ja, das gibt es«, antwortete mir mein Lehrer.
»Und was ist es?« fragte ich.
»Es ist ...«, begann mein Lehrer und verstummte.
Ich stand und wartete gespannt auf seine Antwort.
Aber er schwieg.
Auch ich stand und schwieg.
Auch er schwieg.
Wir standen beide und schwiegen.
Hollahi!
Wir stehen beide und schweigen!
Hollaho!
Ja, ja, wir stehen beide und schweigen!
16. - 17. Juli 1937

Daniil Charms, Zwischenfälle


Bilder: Protest


Heinz Bude

»Stuttgart 21 – reflexiv«

Mit der Reihe »Stuttgart 21 – reflexiv« hat sich das Hamburger Institut in Kooperation mit dem Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin zu Wort gemeldet. Die Absicht bestand darin, sich als Ort des Gesellschaftsdenkens da kenntlich zu machen, wo die Agenda der fürs Ganze relevanten politischen Themen gesetzt wird und die zentralen politischen Entscheidungen gefällt werden. Hier will sich das Institut mit seinen Deutungen, Definitionen und Darstellungen zum Stand der Dinge ins Spiel bringen. Wissenschaft, die sich öffentlich macht, kann freilich keine Position des Besserwissens für sich in Anspruch nehmen. Politiker, Lobbyisten, Künstler, Journalisten, Bewegungsunternehmer, Architekten oder freie Autoren und beamtete Abteilungsleiter denken mit. Besonders die Wissenschaft des Sozialen und der Gesellschaft muss sich mit anderen Anbietern von Wissen in Konkurrenz setzen und mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hat, versuchen, eine Schneise zu schlagen. Die Einsicht in diese Vielstimmigkeit ist für ein selbstbewusstes Gesellschaftsdenken Voraussetzung dafür, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden. Das kann ihr in dem Maße gelingen, wie sie Begriffe zur Verfügung stellt, die geläufige Beschreibungen sozialer Probleme problematisieren oder den Kontext eines rumorenden Unbehagens erhellen. Öffentliche Wissenschaft fordert die Anstrengung des Begriffs, ohne damit den Anspruch zu erheben, eine Lösung für die Probleme parat zu haben. (…)

Weitere Beiträge von Heinz Bude


Wolfgang Kraushaar

Protest der Privilegierten?. Oder: Was ist wirklich neu an den Demonstrationen gegen »Stuttgart 21«?

Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre einem der Gedanke, einmal über Protestereignisse in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu sprechen, ziemlich utopisch erschienen. Denn es gibt vermutlich keine andere deutsche Großstadt, die in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht so zufrieden und deshalb für Proteste jeglicher Art so wenig disponiert zu sein scheint wie Stuttgart. Alle ökonomischen und sozialen Daten sprechen eigentlich dagegen, gerade hier besonders nachhaltige Proteste zu erwarten. Im Hinblick auf das Bruttosozialprodukt, die Bildungsabschlüsse und die Zufriedenheit seiner Einwohner konkurriert Stuttgart zumeist mit München um die jeweiligen Spitzenpositionen. Aber vielleicht hat der Bohei, der in den letzten Monaten um die Proteste gegen Stuttgart 21 gemacht worden ist, gerade auch etwas mit diesem an sich so unwahrscheinlichen Ort zu tun. (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Wolfgang Kraushaar


Aaron Sahr, Philipp Staab

Bahnhof der Leidenschaften. Zur politischen Semantik eines unwahrscheinlichen Ereignisses

Wolfgang Kraushaar hat die Trägerschaft der Proteste um S 21 unlängst als eine »Wanderdüne« identifiziert. Sein Befund nimmt soziologisch zu Reaktionen vieler Medienvertreter Stellung, die nicht nur das durchschnittlich doch beachtlich hohe Alter der Protestteilnehmer überrascht hatte, sondern auch der auffallende Wohlstand und die Bürgerlichkeit der Demonstrierenden. Gewisse Teile der Berichterstattung meinten einen Aufstand rücksichtsloser Alter beobachten zu können, die nur an sich dächten und mit ihren partikularistischen Forderungen eine gemeinsame städtische Zukunft aufs Spiel setzten. In Stuttgart habe sich etwas vollkommen Neues, tendenziell Bedrohliches gezeigt. So machte der Begriff des »Wutbürgers« die Runde. Darauf repliziert Kraushaar mit einer ernüchternden Antwort, die sich zugespitzt folgendermaßen paraphrasieren lässt: Auch bärtige Spontis, jugendbewegte AKW-Gegner, militante Antiimperialisten, Stadtteilengagierte und Maoisten werden alt und in der Bundesrepublik als Freiberufler, Akademiker und Verwaltungsbeamte auch wohlhabend. Auf den Stuttgarter Straßen sind uns also Routiniers des Protests begegnet, nämlich in die Jahre gekommene 68er und 78er.Was an diesem, im Grunde doch altbekannten Personal und dessen Mobilisierung gegen ein Großprojekt historisch neu sei, war für den Chronisten bundesrepublikanischer Protestbewegungen schwer auszumachen. (…)

Weitere Beiträge von Aaron Sahr, Philipp Staab


Ulrich Bielefeld

Der Auftritt des Volkes auf der leer geräumten Bühne. Repräsentation, Darstellung und Demokratie

Die öffentliche Erregung ging vom »Bahnhof« auf eine »Doktorarbeit« über, zwei Dinge, die zumindest nicht an sich und aus sich selbst heraus schon kollektive Leidenschaften hervorrufen. Sie betreffen unsere Lebenspraxis und, im doppelten Sinne, Beförderung und Karriere, aber kaum und nur ausnahmsweise unsere Existenz (höchstens deren Form). Die meisten Themen öffentlicher Erregung treten nach einer Weile in den Hintergrund, oft bevor ihre reflexive Verarbeitung beginnt. Züge, so ein kleines Detail der jüngsten Weltkatastrophe, aber können nicht nur »oben« oder »unten« fahren, sie können aus den Gleisen geworfen werden. Wie immer die Erfahrung der japanischen Katastrophe verarbeitet wird: Für lange Zeit wird die Welt eine andere sein. Das Unvorstellbare ist möglich, das Unerwartete kann geschehen, das Nichtvorgestellte wirklich werden. Der für eine Zeit nationalisierte Lokalkonflikt um den Bahnhof tritt dagegen notwendig zurück. Denn wir reden über das Vorstellbare und sollten und müssen dies tun, damit das Unvorstellbare nicht beginnt, unsere Vorstellungen weitgehend zu beherrschen. Es kann eintreten – und deshalb ist das Vorstellbare so zu gestalten, dass wir damit leben können. (…)

Weitere Beiträge von Ulrich Bielefeld


Literaturbeilage

Tim B. Müller

Der Erwartungshorizont der Moderne und die Verwissenschaftlichung des Politischen im Kalten Krieg. Neuere Beiträge zur Ideen- und Wissenschaftsgeschichte

Und was, wenn es der Gedanke an die Möglichkeit gesellschaftlicher Reform ist, den uns der Kalte Krieg hinterlassen hat? Wenn nicht nur nukleare Arsenale, ideologische Konflikte und ökologische Katastrophen zur Signatur dieses Zeitalters gehören, sondern Visionen der Moderne, die oft genug im Dienste der Herrschaft standen und zugleich den Übergang in eine bessere und gerechtere Welt vorbereiten wollten? Der Kalte Krieg als Epoche der sozialen und ökonomischen Reform, der Transformation des Kapitalismus, der politischen Liberalisierung, der intellektuellen Vielfalt und wissenschaftlichen Innovation – das ist eine Seite des Ost-West-Konflikts, die in der jüngsten Literatur zu Wissenschaft und politischem Denken, bei aller Berücksichtigung der Schattenseiten dieser Jahre, immer deutlicher hervortritt, eine Seite, die nun vielleicht über Gebühr betont wird, die aber nicht nur als Korrektiv zu vertrauten düsteren Erzählungen Plausibilität beanspruchen kann. Nebenbei wohnt diesen Forschungen auch ein überzeugender Periodisierungsvorschlag inne, der eine fundamentale Zäsur in die siebziger Jahre setzt. Damals endete ein Zeitalter der Reform, das im Ersten Weltkrieg begonnen und nach 1945 seinen Höhepunkt erreicht hatte. Diese chronologische Verschiebung führt zu neuen Einsichten. Sie ist weniger den politischen Ereignissen verhaftet als die gerade unter deutschen Historikern verbreitete Unterscheidung, wonach es sich beim Kalten Krieg um die spannungsgeladenen Anfangsjahre vor »Koexistenz« und Entspannung handelte oder um die Krisen, die die Welt an den Rand der nuklearen Vernichtung brachten, während die längerfristige Grundspannung gern als Ost-West-Konflikt bezeichnet wird. Als Gegensatz von Kapitalismus und Staatssozialismus oder von Kommunismus und Demokratie kann der Systemantagonismus dann auch schon vor 1945 beginnen, etwa mit der Russischen Revolution. Es ist die Sicht der politischen und ideologischen Führungsfiguren der Epoche, die hier hindurchschimmert. (…)

Weitere Beiträge von Tim B. Müller


Jens Hacke

Die lange Dauer des technischen Staates. Grenzen einer Legitimation durch Verfahren

Der Titel dieses Beitrags mag nicht gerade nach einem attraktiven Einstieg für eine Vorlesungsreihe über Stuttgart 21 klingen – keine Wutbürger, kein demokratischer Protest, keine Zivilgesellschaft scheinen darin vorzukommen, aber auch von schützenswerten Bäumen, Immobilienprojekten, Denkmalschutz und Finanzierungsvorbehalten wird im Folgenden wenig die Rede sein. Es scheint also ein Gutteil dessen zu fehlen, was man mit den Auseinandersetzungen um Deutschlands mittlerweile berühmtestes Bahnhofsprojekt assoziiert. Nun streben die Beiträge unserer Veranstaltungsreihe nicht an, eine erschöpfende zusammenfassende Einordnung der Stuttgarter Vorgänge zu liefern oder gar alternative Lösungen für den Bahnhofsbau aufzuzeigen, auf die während des Schlichtungsprozesses leider niemand gekommen ist. Es wäre verfehlt, wenn sich Sozialwissenschaftler anmaßen würden, von technischen, naturwissenschaftlichen, finanziellen und ökonomischen Problemen mehr zu verstehen als Gutachtergremien und Expertenkommissionen. Stuttgart reflexiv – diese Aufforderung kann aus der Warte der Politikwissenschaft dazu anregen, den Bürgerprotest unter demokratietheoretischer Fragestellung in den Blick zu nehmen. (…)

Weitere Beiträge von Jens Hacke


Aus der Protest-Chronik

17. Dezember 2010
Der Selbstmord eines jungen Straßenhändlers löst in Tunesien einen Aufruhr aus, der sich schließlich wie ein Flächenbrand über die meisten arabischen Staaten ausbreitet. Die ebenso tragische wie folgenreiche Geschichte spielt sich in einer 200 Kilometer südlich von Tunis liegenden und rund 40 000 Einwohner zählenden Provinzstadt namens Sidi Bouzid ab. Der 26-jährige Mohamed Bouazizi soll zwar das Abitur gemacht haben, aber wegen mangelnder finanzieller Voraussetzungen kein Studium beginnen können. Als fliegender Obst- und Gemüsehändler, der seine Waren von einem Holzkarren aus anbietet, ist er seit dem Tod des Vaters der Haupternährer seiner Mutter und seiner fünf jüngeren Geschwister. Auch an diesem Freitagmorgen wartet er im Stadtzentrum auf seine Kunden. Da er jedoch über keine Genehmigung verfügt, zeichnet sich wie schon an anderen Tagen ein Problem ab. (…)