Heft 3 - Juni/Juli 2012

Koloniale Gewalt

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Imperien"
Weitere Hefte zu "Gewalt"

Seite 1: »the dirty work of Empire at close quarters«

In Moulmein, in Lower Burma, I was hated by large numbers of people – the only time in my life that I have been important enough for this to happen to me. I was sub-divisional police officer of the town, and in an aimless, petty kind of way anti-European feeling was very bitter. No one had the guts to raise a riot, but if a European woman went through the bazaars alone somebody would probably spit betel juice over her dress […]

Bilder: Für einige Wenige


Dierk Walter

Editorial: Gewalt, Gewaltentgrenzung und die europäische Expansion

Die Welt der Gegenwart ist das Ergebnis eines fünfhundertjährigen Ausbreitungsprozesses des westlichen Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, westlicher Kultur, westlicher Rechtsvorstellungen und westlicher Philosophie. Friedlicher Austausch, informelle Diffusion, allenfalls struktureller Gewalt zuzuschreibende Marktdynamiken trugen zu dieser Überformung der übrigen Welt im Sinne unseres Weltbildes bei. Aber im Kern basierte die europäische Expansion auf physischer Gewalt. Diese Gewalt mochte angedroht oder real eingesetzt werden. Sie mochte von Individuen ausgehen oder von organisierten bewaffneten Organen. Sie mochte im Namen eines einzelnen Imperiums ausgeübt werden oder im Namen einer wie immer definierten westlich geprägten (Welt-)Gemeinschaft. Fast stets waren die Gewaltakteure mehrheitlich Angehörige der zu beherrschenden, der nichtwestlichen Völker. Die Vertreter der Imperien stellten in aller Regel lediglich die Gewaltelite, die Manipulateure und Profiteure der lokalen Gewaltdynamik. Die Zusammenarbeit lokaler gesellschaftlicher oder ethnischer Gruppen mit der westlichen Vormacht war militärisch ebenso wichtig wie politisch; sie folgte nicht der Unterwerfung, sondern machte sie überhaupt erst möglich. (…)

Weitere Beiträge von Dierk Walter


Wolfgang Knöbl

Imperiale Herrschaft und Gewalt

»Imperialismus« ist in den Kultur- und Geisteswissenschaften derzeit mindestens aus zwei Gründen ein modisches Thema. Zum einen hat der Boom der Weltgeschichtsschreibung und die zunehmende Zahl derjenigen, die transnationale Geschichte beziehungsweise Verflechtungsgeschichte betreiben, dazu geführt, dass gerade das »Andere« des vermeintlich isolierten »westlichen« Nationalstaates in den Blick genommen wurde, ebenjene imperiale »Unterseite«, die allzu lange vernachlässigt oder als ein eher abseitiges Sonderthema exotisiert worden ist. Nicht zufällig – so das Argument – hatten aber die stärksten und mächtigsten Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts immer auch eine imperiale Grundstruktur, die man ernst nehmen muss, will man die heutige Welt verstehen. Zum anderen – und dies hängt mit dem ersten Grund durchaus zusammen – haben sich seit einiger Zeit postkoloniale Theoretiker darangemacht, den »westlichen« Blickwinkel zu verfremden oder gar zu brechen, wobei in diesem Fall die Perspektive der Herrschaftsunterworfenen, also all derjenigen, die als imperiale Subjekte behandelt wurden, besondere Fruchtbarkeit zu versprechen scheint. Auch aus theorieimmanenten und eben nicht bloß empirischen Gründen scheint eine intensive Beschäftigung mit dem Imperialismus eine ebenso notwendige wie vielversprechende Angelegenheit zu sein. (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Wolfgang Knöbl


Literaturbeilage

Benjamin Ziemann

Eine »neue Geschichte der Menschheit«?. Anmerkungen zu Steven Pinkers evolutiver Deutung der Gewalt

»Eine neue Geschichte der Menschheit«. Nichts weniger als dieses Versprechen soll das neue Buch des in Harvard lehrenden Psychologen Steven Pinker einlösen, zumindest dem etwas vollmundigen Untertitel der deutschen Ausgabe zufolge. Im amerikanischen Original heißt es deutlich präziser, das Thema sei »the decline of violence in history and its causes«. Dennoch, der Anspruch bleibt gewaltig, und niemand wird Pinker den Respekt verweigern wollen für sein kühnes Unterfangen. Dieses Buch ignoriert die durch Fächergrenzen aufgeworfenen Hindernisse ebenso großzügig wie die kleinteilige Vorgehensweise des Wissenschaftsbetriebs gerade in den Human- und Sozialwissenschaften, in denen feld- und epochenübergreifende Deutungsversuche eine seltene Ausnahme sind. Pinker verfolgt die Geschichte der Gewalt von prähistorischen Stammesgesellschaften der Jäger und Sammler bis in das frühe 21. Jahrhundert hinein – und zwar in globaler Perspektive. Allein dieser Teil seiner Darstellung macht die Einbeziehung und Strukturierung einer Fülle von Material unabdingbar, das Pinker aus anthropologischen, archäologischen, historischen und politologischen Studien bezieht. Er nutzt solche Daten zur Entfaltung seiner Kernthese: Pinker behauptet, dass die Ausübung von physischer Gewalt im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer weiter zurückgegangen ist, nicht notwendigerweise irreversibel, aber doch so eindeutig, dass er von der Gegenwart als der »friedlichsten Epoche« spricht, »seit unsere Spezies existiert« (S. 11). (…)

Weitere Beiträge von Benjamin Ziemann


Matthias Häußler, Trutz von Trotha

Brutalisierung ›von unten‹. Kleiner Krieg, Entgrenzung der Gewalt und Genozid im kolonialen Deutsch-Südwestafrika

Strafjuristen brauchen ›Schuldige‹. Im gleichen Maße benötigen sie strafwürdige Absichten. Das gilt auch für einen großen Teil der Genozidforschung, und für diejenige über den Genozid an Herero und Nama im kolonialen Deutsch-Südwestafrika allemal. Von Beginn an war die Erforschung des Genozids mit der Aufgabe beschwert, den Genozid im Lichte des Völkerrechts zu betrachten und ihn in Übereinstimmung mit dem Genozidbegriff der entsprechenden UN-Konventionen zu sehen. Wenn die DSW-Forschung mit dieser ausdrücklichen oder stillschweigenden völkerrechtlichen Zielsetzung den Juristen nicht gleich die Schuldigen liefern konnte, dann musste es wenigstens die genozidale Intention sein. Folglich wird diese Absicht schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt und bei den politisch wie militärisch Verantwortlichen lokalisiert, das heißt, ›von oben‹ her gefasst.4 Sie ist in Ideologien wie der des Rassismus oder im Besonderen des »Rassenkampfes«, »des Imperialismus« oder in den Strukturen der imperialen Herrschaft eingelagert und entfaltet sich, einer Entelechie gleich, mehr oder minder planmäßig und reibungslos, bis sie schließlich ihr Ziel, die Ausrottung der Herero und Nama, verwirklicht. (…)

Weitere Beiträge von Matthias Häußler


Dierk Walter

Kein Pardon. Zum Problem der Kapitulation im Imperialkrieg

Wer sich im Krieg ergibt, also die Waffen niederlegt und auf Schonung durch den Gegner vertraut, verlässt sich auf ein stillschweigendes Einvernehmen über die Regeln des Konfliktes, das in der Regel nur innerhalb derselben Kultur funktioniert (und auch da nicht immer). Imperialkrieg aber – die europäisch-außereuropäische Gewaltbegegnung im Rahmen der europäischen Expansion – ist transkulturell und schließt daher ein solches Einvernehmen fast definitorisch aus. Imperialkriege gelten zudem meist als interne Auseinandersetzungen, die nicht dem internationalen Recht unterliegen. Die Konfliktparteien sprechen sich gegenseitig das ius ad bellum ab, das Recht, Krieg zu führen, und damit auch die Privilegien des ius in bello, des Kriegsvölkerrechts. Wo Kriegsgegner einander als Barbaren, Rebellen, Verräter oder Kriminelle ansehen, ist es von vornherein eher unwahrscheinlich, dass jemand durch freiwillige Aufgabe das eigene Leben der Milde des Siegers ausliefert. (…)

Weitere Beiträge von Dierk Walter


Aus der Protest-Chronik

1. Januar 2006
Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es immer wieder zur Gründung von Parteien gekommen, die in der Folge von Konkurrenten, Kommentatoren oder Beobachtern als »Protestparteien« (ab-)qualifiziert worden sind. Entstehen konnten sie nur, weil die etablierten Parteien die Beweggründe ihrer Mitglieder nicht ernst genommen oder es nicht geschafft hatten, ihnen einen ausreichenden Gestaltungsspielraum zu geben. In den neuen Parteien bündelten sich Gefühle des Unmuts, des Übergangenwordenseins und der Unzufriedenheit. Dabei ging es gewöhnlich um spezifische Belange wie etwa Fiskal- und Währungsfragen oder ökologische, energiepolitische und verkehrstechnische Großprojekte, niemals jedoch um allgemeine Angelegenheiten, wie sie für sogenannte Volksparteien charakteristisch sind. Wenn eine »Protestpartei« es schließlich fertigbrachte, sich im parlamentarischen System zu etablieren, verlor sich das Spezifikum ihres Aufbruchs nach einiger Zeit zumeist von allein. Aus der Neugründung wurde über kurz oder lang – wie es am Beispiel von Bündnis 90/Die Grünen zu beobachten ist – eine Partei im üblichen Sinne. (…)