Heft 3 - Juni/Juli 2013

Kredit, Keynes & Krieg

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Seite 1: »So einfach ist das«

»Der eine spart, der andere braucht Geld, das er noch nicht hat. Das muss organisiert werden. Das nennt man Bank. So einfach ist das.«
Wolfgang Schäuble, 20. November 2008

Bilder: Paper Money


Martin Bauer

Editorial

Ein gerne zitiertes Bonmot will wissen, dass die Phönizier das Geld zwar erfunden haben, aber leider zu wenig davon. Historisch ist die Behauptung falsch, aber ihre Pointe bleibt richtig: Wer über Geld verfügt, beobachtet dessen Knappheit.
Solange die Münzen aus kostbaren, nämlich seltenen Edelmetallen geprägt wurden und Gold- oder Silberreserven der nationalen Zentralbanken den Wert des Geldes deckten, schien diese Beobachtung in das Geld selbst eingebaut zu sein. Anders als es die klassische und bis heute geläufige Deutung annimmt, bildet das Geld jedoch keine vermeintlich naturgegebene Knappheit ab, vielmehr muss die Knappheit des Geldes, wie die Phönizier schon wussten, bei seiner Erzeugung in einem paradoxen Schöpfungsakt miterzeugt werden.
In der modernen Gesellschaft entsteht das Geld aus dem Akt der Kreditaufnahme, den ein Gläubiger mit einem Schuldner verabredet. Wenn unsere Guthaben letztlich aus zahllosen Verabredungen in Märkten geboren werden, stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Geburtsvorgang auch für die notwendige Verknappung des Geldes sorgt. Dass er dazu nicht in der Lage ist, haben die Finanzkrise und die Rolle der Banken bei der Erzeugung wie der Vernichtung immenser Guthaben gezeigt. Seither streiten die Geister darüber, was die Politik tun kann und muss, um der sozialen Natur des Geldes Rechnung zu tragen.
Dazu hat in der letzten Ausgabe des Mittelweg 36 Richard Duncan bereits Stellung bezogen, indem er die These vertrat, dass der neue Kapitalismus in Wahrheit ein »Kreditismus« sei, den die Politik allenfalls mitgestalten könne. Diesen Faden greift Aaron Sahr mit seinem Beitrag zu einer Soziologie des Geldes auf, kommt freilich, was die Handlungsspielräume der Politik anlangt, zu entschieden skeptischeren Schlussfolgerungen.
Ein historisches Seitenstück zu solchen Problemlagen steuert der Wirtschaftshistoriker Roman Köster bei, der die Rezeption des Ökonomen John Maynard Keynes in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ausleuchtet, dem geschichtlichen Referenzrahmen unserer Gegenwart.
Was diese beiden Aufsätze mit Martin Schaads Sondierungen zur Biografie eines Stalinisten, der das bolschewistische Ritual der Selbstkritik zu einer gegen Selbstzweifel imprägnierten Rechtfertigung in Romanform umfunktioniert, und Klaas Voß’ Forschungen zur politischen Funktion von Söldnern, die hinter den Fassaden des Kalten Krieges den Vorgaben ihrer Auftraggeber nachkommen, am Ende verbindet, ist eine normative Problemstellung: Dürfen komplexe Gesellschaften Handlungsräume tolerieren, die sich der öffentlichen Rechenschaftsgabe gänzlich entziehen?

Weitere Beiträge von Martin Bauer


Aaron Sahr

Von Richard Nixon zur 1.000.000.000.000-$-Münze. Kreditgeld als politische Verknappungsaufgabe

In den ersten Wochen des Jahres 2013 hätten die Vereinigten Staaten von Amerika fast die Knappheit abgeschafft – mit einem Geschenkartikel. Die in die Jahre gekommene Weltmacht stand vor einer drohenden Katastrophe, dem zumindest teilweise selbst verantworteten Staatsbankrott. Seit 1917 begrenzt ein Gesetz die Höhe der öffentlichen Schulden, ein ähnlicher Mechanismus, wie er in der EU als »Schuldenbremse « umgesetzt wird. Die regelmäßige Erhöhung dieser Obergrenze, mit der bereits beschlossene Ausgaben immer wieder – allein 74-mal seit 1962 – durch neue Schulden finanziert werden, hatte sich ob seiner Alternativlosigkeit längst zu einem der Parteienkonkurrenz enthobenen, turnusmäßigen Ritus entwickelt. Im Jahr 2011 allerdings nutzten die Republikaner ihre Mehrheit im Kongress als Machtmittel gegen den demokratischen Präsidenten Obama. Sie drohten an, ihre Zustimmung zu weiterer Verschuldung zu verweigern, würde der Präsident nicht in einigen innenpolitischen Fragen auf ihre Linie umschwenken. Da man sich nicht einigen konnte, wurde eine erneute Erhöhung der Grenze auf den Jahresanfang 2013 vertagt. In dieser Situation verfestigter Fronten drang über eine Reihe ökonomischer Weblogs plötzlich eine seltsam anmutende Idee an die Öffentlichkeit. Selbst prominente Vertreter der Zunft, wie etwa der Nobelpreisträger und New York Times-Kolumnist Paul Krugman, unterstützten den Vorschlag. (…)

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Weitere Beiträge von Aaron Sahr


Roman Köster

Vor der Krise. Die Keynes-Rezeption in der Weimarer Republik

In der Geschichte des ökonomischen Denkens hat wohl kaum ein Jahr eine solche fast magische Signifikanz wie das Jahr 1936. Es handelt sich um das Erscheinungsjahr der »General Theory of Employment, Interest, and Money«, dem Hauptwerk des wohl berühmtesten Ökonomen des 20.Jahrhunderts, John Maynard Keynes. Joseph Schumpeter berichtete später, nicht ganz frei von Neid, dass die Studenten in Harvard es nicht erwarten konnten, das Buch über den Buchhandel zu erhalten, und eine Vorbestellung organisierten. Kaum angekommen, so berichtet eine andere Quelle, rissen sie das Buch geradezu aus der Verpackung, um gleich mit der Lektüre beginnen zu können. In der angelsächsischen Welt knüpften sich an den Namen Keynes also bereits vor der »General Theory« gigantische Erwartungen.
In Deutschland hingegen war die Aufnahme des Werkes um einiges kühler. Das hatte nicht nur mit der durch den Nationalsozialismus veränderten Wissenschaftslandschaft zu tun, welche die Rezeption eines ausländischen Autors erschwerte.4 Noch wichtiger war, dass Deutschland, anders als die USA, das ökonomische Desaster der Weltwirtschaftskrise bereits überwunden hatte und im Jahr 1936 annähernd Vollbeschäftigung erreichte. Letztlich schien man die neue Theorie also gar nicht zu brauchen, zumal der Wirtschaftsaufschwung als genuine Leistung des neuen, nationalsozialistischen Geistes gefeiert wurde. (…)

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Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Martin Schaad

Black Box Moskau

»Die Partei hat immer Recht!« Wie gelangt man zu der Überzeugung, dass eine kleine Führungsclique die Parteilinie festlegen könne und darüber zu entscheiden habe, was als Abweichung von der Parteilinie bekämpft werden muss sei es durch Einschüchterung, Zensur, Verhaftung oder gar Schlimmeres? Wer um die Vielfalt menschlicher Neigungen, Wünsche und Talente weiß, kann nicht umhin, den Gedanken, man dürfe allen alles vorschreiben, anmaßend zu finden. Aus heutiger Sicht erscheint die Vorstellung, man könne auf Dauer allen alles vorschreiben, völlig abwegig. Um zu verstehen, wie jemand auf einen solchen Gedanken verfallen kann, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Entwicklung seines individuellen Selbstverständnisses und Menschenbilds. Denn schließlich wird niemand als Stalinist geboren. Wie also wird man Stalinist? Dieser Frage soll kasuistisch, also am Beispiel eines konkreten Falles nachgegangen werden. Das Beispiel liefert der »Berufsrevolutionär«, Schriftsteller und DDR-Kulturfunktionär Alfred Kurella (18951975). Kurella, der nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil im Jahr 1955 als Gründungsdirektor an das Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig berufen wurde, sollte in der Folgezeit an entscheidenden Positionen die Kulturpolitik der jungen sozialistischen Republik prägen zunächst als Institutsdirektor, später als Leiter der Kulturkommission des Politbüros und auch nach seinem Ausscheiden aus der offiziellen Politik als Vizepräsident der Akademie der Künste. (…)


Klaas Voß

Falls etwas schiefgeht. Washingtons Söldner in den Stellvertreterkonflikten des Kalten Krieges

Im Morgengrauen des 24. November 1964 begann in der Demokratischen Republik Kongo eine höchst ungewöhnliche Koalition verschiedener Streitkräfte mit einer konzertierten Militäroperation: Rund 600 belgische Fallschirmjäger sprangen aus einem Dutzend US-amerikanischer Transportflugzeuge über der Stadt Stanleyville ab, dem heutigen Kisangani. Ihr Auftrag war die Befreiung von rund 1500 europäischen Geiseln, die von kongolesischen Rebellen, den sogenannten »Simbas«, mit dem Tode bedroht wurden. Fast zeitgleich rückte eine weitere Streitmacht in die Außenbezirke von Stanleyville vor. Sie bestand aus knapp 300 europäischen und südafrikanischen Söldnern, denen kongolesische Regierungstruppen folgten, die ebenfalls unter dem Kommando von Söldneroffizieren und ausländischen Militärberatern standen. Die Operation zur Geiselrettung lief unter dem Codenamen Dragon Rouge. Die internationale Söldnertruppe wurde von US-Militärberatern begleitet, die über eine Funkverbindung zur amerikanischen Botschaft ein koordiniertes Vorgehen aller beteiligten Kräfte gewährleisten sollten. Als sich die Söldner um 9 Uhr dem Stadtzentrum näherten, entzündeten sie das vereinbarte grüne Signalfeuer und »verbanden sich mit den Einsatzkräften von Dragon Rouge«. Es kam zu einem Gemetzel: Die Simbas erschossen und zerhackten 33 europäische Geiseln; die belgischen Fallschirmjäger und die einrücken den Söldner töteten einen Großteil der Rebellen. (…)

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Aus der Protest-Chronik

18. März 1968
Der Film- und Theaterschauspieler Wolfgang Kieling befindet sich zur Zeit der Studentenbewegung auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Erste Bekanntheit hat der 1924 in Berlin-Neukölln geborene Darsteller noch in der Weimarer Republik als Star im Kinderfunk erlangt. Schon 1936 gab er in einem Veit-Harlan-Film sein Leinwanddebüt. In den frühen 1950er Jahren avanciert Kieling zu einem der meistbeschäftigten deutschen Schauspieler; seit den 1960ern tritt er auch immer häufiger im Fernsehen auf. Seine Popularität ist allerdings nicht ganz ungebrochen, da er meist etwas undurchsichtige Figuren spielt oder in die Rolle ausgesprochener Bösewichte schlüpft. Für seine Verkörperung eines Stasi-Mannes im Hitchcock-Thriller Der zerrissene Vorhang (1966) gewinnt er auch internationale Anerkennung. Eine makabre Szene des Films zeigt, wie der ostdeutsche Agent von einem amerikanischen Kernphysiker, den er während dessen Aufenthalt in der DDR zu überwachen hat, umgebracht wird. Der von Paul Newman dargestellte Wissenschaftler steckt ihn, unterstützt von einer einheimischen Bäuerin, mit dem Kopf voran in die Röhre eines Backofens und dreht den Gashahn auf. Der ebenso brutale wie symbolträchtige Akt soll verhindern, dass die geplante Flucht des Physikers von Leipzig nach West-Berlin auffliegt. Natürlich ahnt das amerikanische Publikum nicht, wie stark gerade Kielings Biografie vom Wechsel zwischen Ost und West geprägt ist. Der deutschen Öffentlichkeit hingegen ist das keineswegs verborgen geblieben. (…)

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