Heft 3 - Juni/Juli 2017

Antun und erleiden

€ 9,50 Print

€ 7,99 E-Journal

Weitere Hefte zu "Gewalt"

Wolfgang Knöbl

Perspektiven der Gewaltforschung

(...) Ist man nämlich tatsächlich der Auffassung, dass Ethnografen nicht nur genaue Beschreibungen, sondern eben auch »Erklärungen« liefern, dann kann die Strategie für eine zukünftige Gewaltforschung nur lauten, dass es ihr darum gehen muss, ihren phänomenologischen Blick stärker als bisher zu schärfen. »Nur weiter so!«, möchte man daher den Innovateuren der Gewaltforschung zurufen. Freilich wäre ein solcher Zuruf – so es denn allein bei einem solchen bliebe – doch eher enttäuschend. Ich will deshalb (...) auf fünf Punkte aufmerksam machen, deren Berücksichtigung mir geeignet erscheint, der Gewaltforschung neue und, so denke ich, fruchtbare Perspektiven und Fragestellungen zu eröffnen.

Weitere Beiträge von Wolfgang Knöbl


Peter Imbusch

»Strukturelle Gewalt«. Plädoyer für einen unterschätzten Begriff

Als Johan Galtung Ende der 1960er-Jahre seinen Begriff der »strukturellen Gewalt« entwickelte, hatte er damit nichts anderes im Sinn, als in einer generell eher kritisch eingestellten politischen Öffentlichkeit Phänomene auf den Punkt zu bringen, für die es bis dato seiner Meinung nach keine befriedigende Bezeichnung gab – und die er als eine Form der unsichtbaren, aber effektiven Gewalt betrachtete. (...) Im vorliegenden Beitrag möchte ich den nun beinahe 50 Jahre alten Begriff erneut aufgreifen und nicht nur nach seinem (un)möglichen Beitrag zur Gewaltforschung fragen, sondern ihn auch als kritischen Begriff zur Gesellschaftsanalyse verstehen.

Weitere Beiträge von Peter Imbusch


Teresa Koloma Beck

Gewalt als leibliche Erfahrung. Ein Gespräch mit Teresa Koloma Beck

(...) HistorikerInnen, die an Gewalt interessiert sind, werden sich Quellen suchen, die über genau diesen Gegenstand Auskunft geben. Dass auf diese Weise der Eindruck entstehen kann, die Gewalt hätte alles bestimmt, leuchtet mir ein. Wenn ich aber als Sozialwissenschaftlerin einen Kriegskontext ethnografisch oder anhand anderer qualitativer Methoden erschließe, zeigt sich notwendigerweise ein anderes Bild, denn dann sehe ich nicht nur »Gewalt«, sondern die ganze Vielfältigkeit sozialen Lebens: Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen, Essen kochen, ihre Kinder großziehen, Gäste empfangen, sich mit Nachbarn streiten, Pläne machen, Pläne ändern, lachen, weinen … Kurz: Man sieht Alltag. In der Organisation dieses Alltags ist das Problem der Gewalt eingelassen, er muss sich um sie herum organisieren.

Beitrag lesen


Jan Philipp Reemtsma

Erklärungsbegehren

In meinem Vortrag »Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet« habe ich mich kritisch – manche würden sagen abschätzig – über das den Sozialwissenschaften angetragene und von ihnen aufgenommene Begehren geäußert, etwas erklärt zu bekommen. (...) Zwar ist mir der Gestus nicht behaglich, den Nietzsche und Heidegger einnehmen, wenn sie dekretieren, es habe einen Sündenfall gegeben, früh, als vom Pfade der Vorsokratiker abgewichen wurde. Doch kommt man nicht umhin, zu sehen, wie ein Ereignis, nämlich der Peloponnesische Krieg und die Niederlage Athens, eine für das Abendland folgenreiche Weichenstellung im griechischen Denken bewirkt, indem in der Tat eine Frage aufkam, die sich auch und wieder im 20. Jahrhundert angesichts des Holocaust (wenn auch mit anderen Implikationen) stellte: Wie ein solches Ereignis möglich gewesen sei?

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Aus der Protest-Chronik: 8. Mai 1945, Sétif 104

(...) In den Morgenstunden des 8. Mai versammeln sich in der am Fuße der noch immer schneebedeckten Atlasberge gelegenen Stadt Sétif mehrere tausend Einwohner zu einer Demonstration. Die französischen Behörden haben den Umzug genehmigt, obwohl die Sache politisch in gewisser Weise einen doppelten Boden enthält. Einerseits wollen die Teilnehmer ihre Freude über das Ende des Krieges kundtun und zugleich der in diesem Krieg gefallenen Landsleute gedenken, andererseits aber geht es um ein Zeichen gegen die französische Kolonialherrschaft, bietet der Tag doch die willkommene Möglichkeit, die Feier zur Befreiung Europas mit eigenen Forderungen nach Freiheit und nationaler Selbstbestimmung zu verbinden.

Weitere Beiträge von Wolfgang Kraushaar