Heft 4-5 - Oktober/November 2016

Wenn Pop Geschichte wird

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Editorial

König Pop ist zurück – und zwar mit solcher Macht und Wucht, dass man sich verwundert fragt, ob er zwischenzeitlich wirklich jemals entthront worden oder doch nur kurz Zigaretten holen war. (...) Doch woher rührt die generationenübergreifende Faszination für die Vergangenheit des Potentaten, der das Glück des flüchtigen Augenblicks und die Sehnsucht nach dem noch nie Dagewesenen im Schilde führt? Rührt sie vielleicht aus der Ahnung – der Bauch war dem Kopf als Erkenntnisinstrument schon immer einen Schritt voraus –, dass unsere Geschichte mit der seinen untrennbar verschlungen ist und dass zumal die goldenen Jahre seiner weltumspannenden Herrschaft, die 70er, das erste Jahrzehnt unserer eigenen Gegenwart waren? (...)

Detlef Siegfried

Klingt gut, ist falsch

Um dem Kapitalismus nicht immer neues Futter zu seiner Reproduktion zu verschaffen, betrieb die radikalste Fraktion der 68er unter dem Stichwort der »Liquidierung der antiautoritären Phase« eine systematische Selbstentwöhnung von hedonistischen Elementen des antiautoritären Lebensstils. (...) Der kommunistischen Pflicht, die konterrevolutionäre Natur des Pop zu durchschauen, standen in vielen Fällen allerdings die Hör- und Lebensgewohnheiten der Akteure entgegen.

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Wolfgang Kraushaar

»Good Vibrations« Ein Gespräch mit Wolfgang Kraushaar über Popkultur und Protestbewegung

Wenn man nun die verschiedenen Formen der Intensitätssteigerung zusammendenkt – die im Kollektiverlebnis eines Rockkonzerts, die im Gruppenerlebnis des Straßenkampfes sowie die intimeren in der Sexualität und im Drogenrausch –, dann hält man einen Schlüssel in der Hand, um das, was es mit dieser Art von Revolte auf sich hatte, in einer qualitativ anderen als der üblichen politischen Weise zu deuten.

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Klaus Nathaus

Die Musik der weißen Männer

Rock etablierte in der Populärmusik einen Mechanismus sozialer Differenzierung, dessen Anhänger sich mit dem Anspruch auf ästhetische Avanciertheit und »Authentizität« über einen »Mainstream« erheben. Dabei sind die Insider oft weiß und männlich und die Außenseiter weiblich oder ethnisch marginalisiert.

Jens-Christian Rabe

Fliegende Klassenfeinde

Und so darf man sich die Pioniere der avancierten deutschen Popintelligenz als Feinde der eigenen Klasse vorstellen, denen es nicht darum ging, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie wollten lieber fliegen – und sei es in der hohen Luft der Abstraktion.

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Isabel Richter

Die Osterweiterung des Bewusstseins

Historisiert man das Konzept von »Bewusstseinserweiterung«, dann markieren die 1970er-Jahre eine Phase der Transformation, in der die zuvor in den Jugendsubkulturen dominanten Formen drogeninduzierter psychotropischer Bewusstseinserweiterung durch drogenfreie Techniken und Praktiken wie Meditation und Yoga abgelöst wurden. Bewusstseinserweiterung kam nun auch für Kreise in Frage, die mit LSD, Haschisch und anderen psychoaktiven – und illegalen – Drogen nichts zu tun haben wollten.

Joachim Landkammer

Solide und erfahrungslos

Popularmusik wird ja für viele sogenannte gebildete Menschen zum Thema nur unter dem Vorzeichen des Rückfalls, der Rückkehr zu etwas Vergessenem, zu einer längst überwundenen Schwäche oder zu einer nostalgisch erinnerten Jugendsünde. Das Gleiche gilt für die Provinz, aus der man stammt und aus der man sich natürlich lange verabschiedet hat.

Alexander Simmeth

Krautrock - »Heimatmusik aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet«

Krautrock liefert ein eindrucksvolles Beispiel für die Umkehrung der popkulturellen Transferrichtung. Dass die im globalen Maßstab doch als popkulturelle Provinz zu bezeichnende Bundesrepublik musikalische Ausdrucksformen herausbildet, die in den Metropolen der westlichen Welt Resonanzen hervorrufen, ist eine bemerkenswerte Beobachtung.

Stefan Krankenhagen

Zum Beispiel Hildesheim

Was soll das Studio 54 mit dem be bop zu tun haben, was New York mit Hildesheim? Welche Beobachtungen schärfen sich an der Zusammenschau der Orte, jenseits ihrer offensichtlichen Unvergleichbarkeit? Auf den ersten Blick keine. Doch die greifbare Differenz der Pop-Ikonografie zwischen amerikanischer Großstadt und niedersächsischer Provinz wirft die Frage auf, wie eine genuin urbane Kulturleistung wie die Popkultur im kleinstädtischen Milieu adaptiert und transformiert wurde. Ganz konkret: Wie wurde Popkultur in den 1970er-Jahren in der Provinz gelebt?

Wolfgang Kraushaar

Aus der Protestchronik: 16./17. Juni 1979, Frankfurt am Main

In der hessischen Metropole geht ein Konflikt um die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in die nächste Runde, der die Stadt seit Jahren beschäftigt und dessen Verlauf für den Umgang mit rechtsextremen Kräften von bundesweiter Bedeutung ist. Linke Demonstranten wollen unbedingt verhindern, dass die Anhänger der Partei am symbolträchtigen 17. Juni, der seit 1954 in der Bundesrepublik als »Tag der Deutschen Einheit« begangen wird, den zentralen Platz der Stadt, den Römerberg, in Beschlag nehmen und dort erneut ihr »Deutschlandtreffen « vor dem Rathaus abhalten, wie sie das seit 1974 allen Protesten zum Trotz bereits mehrfach getan haben. (...)

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