Heft 4 - August/September 2008

Medienethik

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Weitere Hefte zu "Medien"

Dokumente: Kommune Bauerstraße, München 1964


Vom Regenwald der Guerilla in den Mediendschungel. Ein Gespräch mit Lothar Menne über die Anfänge der 68er-Bewegung

Vor knapp zehn Jahren ist ein Verleger einmal als »Graue Eminenz des deutschen Bestsellergeschäftes« bezeichnet und mit den Worten charakterisiert worden: »Die wirklich wichtigen Menschen kennt man nicht. Sie stehen nicht in den Klatschblättern und sie treten in keiner Talkshow auf. Das gilt nicht nur für die Vorstandsvorsitzenden bundesrepublikanischer Großkonzerne, nicht zu reden von deren sich stets sorgsam versteckenden Eigentümern, sondern selbst für das Führungspersonal einer so nebensächlichen Kleinindustrie wie den Buchhandel. Als vor inzwischen dreißig Jahren ein schmaler Mann Mitte zwanzig mit einem nicht sehr umfangreichen Manuskript unter dem Arm durch die wichtigsten bundesrepublikanischen Verlage zog und versuchte, einen deutschen Verleger für das bolivianische Tagebuch des Helden der kubanischen Revolution, Ernesto Che Guevara, zu interessieren, da dachte niemand, dass er einmal Deutschlands erfolgreichster Bestselleraufkäufer und -verkäufer werden würde. Schon gar nicht dachte das der junge Mann selbst. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Gewaltopfer – kann man Abstinenz von der Öffentlichkeit fordern?

Das Thema »Öffentlichkeit, Medien und Abstinenz« möchte ich unter folgenden Stichworten angehen: Gibt es ein Recht der Öffentlichkeit auf Information? (1). Was ist eigentlich Pressefreiheit? (2). Ursachen des gewachsenen Interesses an Verbrechensopfern (3). Die widersprüchliche Bedürfnislage des Opfers (4). Die Ausnützung dieser Bedürfnisse durch das Fernsehen – gespielte Intimität und tatsächliche Exhibition (5). Was ist zu tun ? (6). Ich beginne – wie Odo Marquard sagen würde : »üblicherweise« – mit Punkt
1 Gibt es ein Recht der Öffentlichkeit auf Information?
Die Urteile in den diversen Rechtsstreiten, die Caroline von Hannover gegen verschiedene Medien geführt hat, folgen dicht aufeinander. Worin besteht das öffentliche Interesse an dieser Frau? Nun, sie ist die älteste Tochter des verstorbenen Fürsten von Monaco und der – vor längerer Zeit schon an den Folgen eines Unfalls verstorbenen – Schauspielerin Grace Kelly. (…)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Literaturbeilage

Anton Holzer

Gräuel. Die Rückkehr des »schmutzigen« Krieges

Der Erste Weltkrieg markierte einen Höhepunkt in der kollektiven Schaulust der Gewalt, aber die Faszination an Gräuelbildern entstand nicht zwischen 1914 und 1918. Bereits im 19. Jahrhundert gibt es Beispiele dafür, wie das Thema »Kriegsgräuel« öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet und in erstaunliche publizistische (und finanzielle) Erfolge umgemünzt wurde. 1876 erschien William E. Gladstones Pamphlet The Bulgarian Horrors and the Question of the East, das die brutalen Übergriffe türkischer Truppen gegen die bulgarische Zivilbevölkerung geißelte. Es wurde in nur einem Monat 200.000-mal verkauft. Zwar enthielt Gladstones Broschüre noch keine Fotografien, aber in den zeitgenössischen Blättern wurden Holzschnitte der Ereignisse nach Fotografien gedruckt. Verleger und Zeitungsherausgeber erkannten rasch, dass sensationslüsterne Gewaltbilder und  geschichten die Auflagen in die Höhe schnellen ließen. (…)

Weitere Beiträge von Anton Holzer

Kurt Tucholsky 1930 . Auf dem Nachttisch. Magnus Hirschfeld, Andreas Caspar, »Sittengeschichte des Weltkrieges«

Jan Süselbeck

Perpetuierter Papierkrieg

In Arnolt Bronnens faschistischem Roman O.S. (1929) gibt es eine Figur, deren Beschreibung bestens in die Argumentation von Philipp von Hilgers’ kulturhistorischer Studie über »Kriegsspiele« gepasst hätte. Scheint sie doch als Typus genau aus jener »Geschichte der Ausnahmezustände und Unberechenbarkeiten« hervorgegangen zu sein, die auch der derzeitige Postdoktorand am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in seiner Dissertation nachzuerzählen versucht. Dabei rekurriert von Hilgers allerdings eher auf Autoren wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Bergerhoff heißt Bronnens draufgängerischer Soldatenheld, und er wird dem Leser als »Harzardeur« vorgestellt. Mitten im Europa des 20. Jahrhunderts veranstaltet dieser ausgesprochene Rambo-Typ »Indianerzüge« auf eigene Faust. O.S. steht bei Bronnen für Oberschlesien, und sein Roman handelt von den deutschen Freikorpskämpfen zu Beginn der 1920er Jahre, als polnische Truppen Teile jenes wichtigen Industriegebiets besetzten, das nach dem Ersten Weltkrieg nominell immer noch zu Deutschland gehörte. (…)

Weitere Beiträge von Jan Süselbeck

Jan Süselbeck

Vorsicht, Military Turn! . Die Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften rüsten sich für ein neues Modethema – »Information Warfare«

»Information Warfare«, was heißt das überhaupt? Solche Amerikanismen liest man neuerdings oft in medien- und kulturwissenschaftlichen Büchern. »The Medium is the Missile«, rief uns etwa 2003 eine Studie Steffen Sommers über »Video als Mittel der globalen Kriegführung« zu, Niels Werber spricht in seiner Untersuchung zur »Geopolitik der Literatur« (2007) in Bezug auf eine Joint Vision des Pentagons immer wieder von einer für die US-Army angestrebten »Full Spectrum Dominance«, und Jens Warburg berichtet in seiner 2008 erschienenen Studie »Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges«, dass die USA und die mit ihr verbündeten Staaten, unter anderem die Bundesrepublik Deutschland, eine »Transformation« ihrer Streitkräfte anstrebten – bislang noch eine »Vision«, die man mit der Formel »Network Centric Warfare« (NCW) bezeichne, zu Deutsch so viel wie eine »Vernetzte Operationsführung«. (…)

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Christian Schneider

Die Unfähigkeit zu trauern: Diagnose oder Parole?

Sich anlässlich Alexander Mitscherlichs 100. Geburtstag noch einmal mit der »Unfähigkeit zu trauern«, einem der wichtigsten Texte der zweiten deutschen Republik, auseinanderzusetzen, hat in meinem Fall eine beinahe persönliche Note. Es bedeutet, mich mit Positionen zu konfrontieren, die ich mir vor längerer Zeit zu eigen gemacht habe, und ein Stück der eigenen theoretischen Vergangenheit im Sinne einer kritischen Revision neu zu überdenken. (…)

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Ulrich Bröckling

Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker. Vom Umgang mit der unternehmerischen Anrufung

Unternehmer zu sein ist nicht nur ein Beruf oder eine Berufung, nicht nur ein Modus ökonomischer Aktivität oder ein privatrechtlicher Status. Unternehmer zu sein, genauer: Unternehmer sein zu sollen und zu wollen, ist auch eine Subjektivierungsform, eine Art und Weise, sich selbst und andere zu begreifen und zuzurichten. Unternehmerisches Handeln bezeichnet in diesem Sinne weniger einen Tatbestand als ein Kraftfeld, einen Sog: ein Telos, nach dem die Individuen streben, einen Maßstab, an dem sie ihr Tun und Lassen beurteilen, ein tägliches Exerzitium, mit dem sie an sich arbeiten, und einen Wahrheitsgenerator, in dem sie sich selbst erkennen sollen. Diese Subjektivierungsform ist nicht beschränkt auf selbständig Gewerbetreibende oder Kapitaleigner, sondern eine generalisierte Anforderung, die sich an alle und jeden Einzelnen richtet. Es handelt sich um eine höchst wirkmächtige Realfiktion, die einen Prozess kontinuierlicher Optimierung und Selbstoptimierung in Gang setzen und in Gang halten soll. Entrepreneur ist man immer nur à venir – stets im Modus des Werdens, nie des Seins. (…)

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Autoren


Aus der Protest-Chronik

19. November 1996
Eine Staatsaffäre erschüttert die Türkei. Ganz zufällig ist eine schier unglaublich anmutende Verflechtung von Politik und organisiertem Verbrechen ans Tageslicht gekommen. Wegen der ungeklärten politischen Hintergründe eines Vorfalls, der sich in der im westlichen Landesteil gelegenen Provinz Balikesir abgespielt hat, kommt es zu zahlreichen Protestaktionen, die als Reaktion auf den Verdacht, dass ein Teil der politischen Klasse in kriminelle Machenschaften verwickelt sei, auch eine neue Qualität des zivilen Bewusstseins demonstrieren. Immer mehr türkische Staatsbürger fordern auf Demonstrationen und Kundgebungen, mit Fackelzügen und Unterschriftensammlungen eine saubere Gesellschaft (temiz toplum). Ihre Hauptforderung erinnert an Gorbatschows Glasnost-Politik und lautet: »Es muss Licht ins Dunkel gebracht werden.« (…)

 
Pressestimmen
»Von einer Riesenriege der Achtundsechziger hat das Publikum in diesem Jahr so viel hören können, dass man bald nicht mehr hinhören wollte. Hier, bei einem, der sich bisher aus dem Jubiläumstrubel herausgehalten hat, lohnt es sich noch einmal. In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36, herausgegeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), meldet sich Lothar Menne, Jahrgang 1944, zu Wort. Seinen Weg vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund über konkret, den S. Fischer Verlag sowie Hoffmann und Campe zum Chefeinkäufer des Springer-Verlags bei Verlagen wie Ullstein schildert er in einem Gespräch mit Wolfgang Kraushaar, das in einem dichten Menne-Monolog hineinmäandert. Erkennbar wird die Dialektik einer Karriere, die ähnlich derjenigen Joschka Fischers – so unwahrscheinlich wie folgerichtig erscheint. (…) So lesenswert wie luzide in dieser inhaltsstarken Ausgabe des Mittelweg 36 ist auch das mit Verve verfasste Plädoyer von Institutsleiter Reemtsma für eine Abstinenz der Öffentlichkeit im Umgang mit Traumatisierten. Seine zornige Medienkritik kulminiert im analytischen Sezieren eines Auftritts des Moderators Kerners, als der eine 13-jährige Vergewaltigte präsentierte. Aufmerksam gemacht wird hier auf ein Phänomen allgegenwärtiger Barbarei, das sich harmlos ausnimmt, während es symptomatisch ist für brutale Ignoranz.«
Caroline Fetscher, Der Tagesspiegel, 1. September 2008
»Ein besonderer Lesetipp gilt der Zeitschrift Mittelweg 36, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegeben wird. Die August/September-Ausgabe 2008 ist besonders in Bezug auf Lothar Menne lesenswert, da das Buch, das er zum Thema 68er versprach, nie erschien. Als einer der ersten Aktivisten der 68er-Bewegung wollte Menne über seine Erfahrungen berichten, doch laut eigener Aussage sah er keinen Bedarf weiterer Beiträge zum Jahr 68. Nun betreibt Menne ›oral history‹ und erzählt in Mittelweg 36 von seinen politischen Aktivitäten, wie diese begannen und von seinem Weg durch die Medien.«
Buchmarkt, 1. Oktober 2008