Heft 4 - August/September 2009

Ein neues Deutschland?

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Seite 1: »Wenn das stimmt, werde ich Terrorist«

So 16. Juni 1991
Eine Katastrophe bahnt sich an: »Im Bundestag zeichnet sich eine klare Mehrheit für Bonn ab.« – Wenn das stimmt, werde ich Terrorist. Leute sind für Bonn, denen man das nicht zugetraut hat: Genscher! Sie verweisen auf Den Haag und Washington und denken, dass, wenn Berlin Hauptstadt wird, sofort irgendwelche Kolonnen marschieren.

Walter Kempowski, Somnia. Tagebuch 1991, S. 221


Perry Anderson

Ein neues Deutschland?. Die Bundesrepublik 20 Jahre nach dem Mauerfall

In dem internationalen Getöse, das den Beginn der gegenwärtigen Wirtschaftskrise umgab, schien Deutschland oft so etwas wie der stille, ruhende Mittelpunkt. Doch verdeckt diese scheinbare Passivität die enormen strukturellen Veränderungen, die das Land seit dem Fall der Mauer durchlaufen hat. Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft waren starken, akuten, oft widersprüchlichen Belastungen ausgesetzt. Es ist kaum ein Jahrzehnt her, dass durch einen Umzug fünfhundert Kilometer gen Osten Berlin zur neuen Hauptstadt wurde. Noch weniger Zeit ist vergangen, seit die D-Mark verschwand und Deutschland seine dominierende Position innerhalb der Eurozone einnahm. (…)

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Jan Philipp Reemtsma

Der Held, das Ich und das Wir

(…) Wenn wir uns darüber verständigen, was ein Held ist – ob primär gewalttätig oder nicht, ob jemand, der etwas »für uns« tut oder nur für sich – müssen wir die Ansicht teilen, dass es etwas Großartiges ist, was er tut. Und damit verständigen wir uns über unsere Kultur oder darüber, in was für einer Kultur wir leben wollen. Deshalb hat Christian Schneider Recht, wenn er unterstreicht: »Was ein Held ist, wird letztlich durch das soziale Koordinatensystem bestimmt, das die Tat bewertet und auf diesem Weg Heldentum definiert (…) dieselbe Handlung, die einen hier zum Helden werden lässt, kann ihn dort, in einem anderen Koordinatensystem, zum Verbrecher oder Narren machen.« Freilich verlangt eine derart abstrakte Aussage eine Pointierung: Kurz nach dem 11. September konnte man im Fernsehen – man fragt sich, warum – ein Interview mit Horst Mahler und Reinhold Oberlercher sehen, in dem sie die Gruppe um Mohammed Atta als »Helden« bezeichneten. Wir nennen sie üble Mörder. Wir nennen Leute, die unter Einsatz ihres Lebens Geiseln befreien, Helden, die Geiselnehmer nennen sie üble Mörder. Das klingt nach dem bekannten »Für die einen sind es Terroristen, für die anderen sind es Freiheitskämpfer«. Anders als man meint, führt diese Sentenz allerdings nicht zum schieren Relativismus. (…)

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Bernd Greiner

Angst im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick

Es ist Samstag, der 10. Mai 1952 kurz vor 14 Uhr – der Tag und die Stunde, die als Beginn des Dritten Weltkrieges in schrecklicher Erinnerung bleiben werden. Marshall Tito empfängt in Belgrad eine Delegation von 120 serbischen Bauern. Genauer gesagt: Von 118 Bauern, denn zwei Männer waren nicht zu Ehren des jugoslawischen Staatschefs erschienen, sondern hatten sich im Auftrag Stalins unter die Menge gemischt. Bis auf wenige Meter an Tito herangekommen, zünden sie zwei Handgranaten. Wie durch ein Wunder kommt der Marschall mit wenigen Blessuren davon; aber auf den weiteren Gang der Dinge hat er keinen Einfluss mehr. Radio Belgrad ist bereits in der Hand kremltreuer Milizen und meldet einen erfolgreichen Aufstand des jugoslawischen Volkes gegen den »Faschisten«, »trotzkistischen Banditen« und »Wall-Street-Lakaien« Tito. Innerhalb der nächsten Stunde besetzen Putschisten alle strategisch relevanten Orte, Truppen der rumänischen, bulgarischen, ungarischen und albanischen Armee fallen in Jugoslawien ein, 15 Divisionen der Roten Armee – knapp 160.000 Mann – stehen auf Abruf zu ihrer Unterstützung bereit. (…)

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Aus der Protest-Chronik

22. April 1969
Ein an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt seit Monaten anhaltender Konflikt zwischen Professoren der Kritischen Theorie und ihren Schülern, in ihrer überwiegenden Mehrheit Mitglieder im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), tritt in ein neues Stadium. Nachdem Theodor W. Adorno am 31. Januar von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht hat, um das Institut für Sozialforschung durch die Polizei räumen zu lassen, gilt das Verhältnis als tief gestört. Nach einem Freisemester, in dem er an seiner Ästhetischen Theorie gearbeitet hat, soll nun nach längerer Zeit seine erste Vorlesung stattfinden. Dazu kommt es nicht. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal V wird Adorno bereits kurz nach dem Beginn seiner »Einführung in das dialektische Denken« von einem Zuhörer, der plötzlich von einer der hintersten Reihen aus das Wort ergriffen hat, unterbrochen. Während der Student den Ordinarius zur öffentlichen Selbstkritik auffordert, betritt ein anderer das Podium und schreibt dort wortlos folgende Zeilen an die Wandtafel: »Wer nur den lieben Adorno läßt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten.« Nachdem Unruhe ausbricht, Zwischenrufe laut werden, die sich zum Teil auch gegen die Intervention richten, fordert Adorno die Anwesenden auf: »Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit. Entscheiden Sie, ob meine Vorlesung stattfinden soll oder nicht.« (…)