Heft 4 - August/September 2010

Zur Kommunikation des Beschweigens

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Weitere Hefte zu "Vergessen & Erinnern"

Seite 1: »das ist ganz sicher...«

Crucifixus est dei filius;
non pudet, quia pudendum est.
Et mortuus est dei filius;
prorsus credibile est, quia ineptum est.
Et sepultus resurrexit;
certum est, quia impossibile est.

Gekreuzigt wurde der Gottessohn;
das ist keine Schande, weil es eine ist.
Und gestorben ist der Gottessohn;
das ist glaubwürdig, weil es ungereimt ist.
Und begraben ist er auferstanden;
das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist.

Tertullian (* um 160, † um 222),
frühchristlicher Apologet


Bilder: »Hurra, wir sind genormt«


Júlia Garraio

Vergewaltigung als Schlüsselbegriff einer misslungenen Vergangenheitsbewältigung. Hans-Ulrich Treichels »Der Verlorene« und Reinhard Jirgls »DieUnvollendeten«

Jüngere literarische Verarbeitungen der Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg – unter anderen Gunter Grass’ Im Krebsgang (2002), Tanja Dückers’ Himmelskörper (2003), Christoph Heins Landnahme (2004) – zeichnen sich nicht so sehr durch die Wahl des Themas an sich aus, dem sich Autoren unterschiedlicher ideologischer Provenienz bald nach dem Krieg zu widmen begannen, sondern dadurch, dass sie die transgenerationelle Übertragung dieser traumatischen Erfahrungen aufgreifen. Dargestellt wird nicht, wie die Kriegsgeneration den Zusammenbruch des Dritten Reichs erlebte, sondern wie diese Ereignisse im Familienkreis überliefert und verarbeitet werden, mithin welche Wirkung derlei Erlebnisse und Erfahrungen auf die folgenden Generationen (Kinder, Enkelkinder) ausüben. Die hier zur Debatte stehenden Texte beschäftigten sich nicht vorrangig mit dem Krieg, sondern mit den Jahrzehnten danach und messen Thematiken wie der Integration der Vertriebenen in den deutschen Nachkriegsstaaten ein großes Gewicht bei. (…)

Gaby Zipfel

»Wir werden fein den Mund halten müssen...«. Anmerkungen zurWirkungsmacht des Beschweigens

In ihrer in diesem Heft nachzulesenden Studie zu Hans-Ulrich Treichels Der Verlorene und Reinhard Jirgls Die Unvollendeten beschreibt Julia Garraio, auf welche Weise sexuelle Gewalt in diesen Erzahlungen zugleich als »Leerstelle und als allgegenwärtiges Gespenst« aufscheint und letztlich zum »Schlüsselbegriff einer misslungenen Vergangenheitsbewältigung« avanciert. Mit diesen Eckpunkten widmet sich die Autorin zwei zentralen Fragen, die die theoretische und historische Debatte um die Analyse dessen, was unter sexueller Gewalt zu verstehen ist, bewegen: Das Phänomen sexuelle Gewalt unterliegt offenbar spezifischen Spielregeln der Kommunikation, denen zufolge in unterschiedlichen gesellschaftlichen und zeitlichen Zusammenhängen ein jeweils spezifisches symbolisches Interpretament zu beleuchten ist. Diese in stillschweigender Übereinkunft praktizierten kommunikativen Spielregeln gilt es aufzuschlüsseln, um ein genaueres Bild davon zu gewinnen, wer wann autorisiert ist, über sexuelle Gewalterfahrungen zu sprechen. (…)

Weitere Beiträge von Gaby Zipfel


Julijana Ranc

Ressentiment-Kommunikation in actu. Antijüdische Affekte und Argumentationen

In einer Rede im Rahmen einer Anhörung vor dem Innenausschuss zum Thema Antisemitismus hat Henryk Broder 2008 dafür plädiert, den (auch in der Antisemitismusforschung favorisierten) Terminus Vorurteil durch den des Ressentiments zu ersetzten. Denn: »Vorurteile sind harmlos, man braucht sie, um sich im Leben zurechtzufinden. […] Ein Vorurteil zielt auf das Verhalten eines Menschen, ein Ressentiment auf dessen Existenz«, und »der Antisemitismus gehört in die Kategorie des Ressentiments«, weil der Antisemit, so Broder weiter, »dem Juden nicht übel« nehme, »wie er ist und was er tut, sondern dass er existiert«. Was Broder mit der Kategorie Ressentiment qualitativ angemessener bezeichnet sieht als mit der des Vorurteils, haben Adorno und Horkheimer, ebenfalls bezogen auf den Antisemitismus, psychoanalytisch fundiert und in den Worten des Letzteren, funktional, als Vorurteil »im Dienst zerstörerischer Triebe« spezifiziert. Wie Broders Plädoyer für die Kategorie Ressentiment, fokussiert auch Horkheimers Spezifizierung auf das affektive, aus aversiven Affekten wie Hass, Neid, Ranküne oder auch Häme gespeiste Movens des Antisemitismus:
»Ohne die Maschinerie der Vorurteile konnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen. [...] Im Dienst zerstörerischer Triebe gewinnt das Vorurteil die Funktion, die hier zur Rede stehe. Aus der Verkürzung des Gedankens, die ein Mittel bei der Erhaltung des Lebens ist, wird es zum Schlüssel, eingepreßte Bosheit loszulassen.«
Wenngleich Broders Einwand gegen die Kategorie Vorurteil mit Blick auf funktionale Definitionen wie diese zu präzisieren wäre, gibt es eine ganze Reihe guter Gründe, darüber nachzudenken, ob sie ihrem Gegenstand, wo es um Antisemitismus geht, adäquat ist. (…)

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Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Bernd Greiner, Susan Neiman

Editorial

Seit März 2010 richten das Hamburger Institut für Sozialforschung und das Einstein Forum Potsdam die »Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte« aus. Zeithistoriker – so die Prämisse dieser Tagungen – sollten ihr Engagement nicht allein der Geschichtswissenschaft widmen, sondern auch zahlreiche andere Gebiete im Blick behalten und für soziologische, philosophische, psychologische und nicht zuletzt moralische Fragen offen sein. Dass Schriftsteller, Literatur- oder Biowissenschaftler ebenso willkommen sind, dass der intellektuelle Austausch vor allem über nationale Grenzen hinaus geführt wird, unterstreicht die Absicht, dem Unerwarteten Raum zu geben – in überschaubarer Größe und informeller Struktur. Im Grunde sind diese Zusammenkünfte als Laboratorien gedacht, als Forum für neue, provokante Ansätze und Ort des Ausprobierens verschiedener Wege. Unabhängig von den Zwängen des traditionellen akademischen Betriebes geben sie mithin Raum für Gedankenexperimente – für eine oft geforderte, aber selten geförderte Art des Dialogs. Weder unverbindlich noch rigide, orientieren sich die Tagungen an drei miteinander verzahnten Leitsätzen: Das Ziel der Empirie ist die Theorie; die Theorie erprobt sich in empirischen Forschungen; der Stachel der Aktualität muss spürbar sein. Erst dann erfüllt Zeitgeschichte nämlich ihren eigentlichen Zweck: als Wissenschaft im Streit mit ihrer Zeit. (…)

Weitere Beiträge von Bernd Greiner, Susan Neiman

Christopher H. Pyle

Eine Regierung der Optionen. Zur Wieder herstellung der Rechtsstaatlichkeit in den USA

Seit mittlerweile über einem Jahr geben seine leidenschaftlichsten Anhänger Präsident Obama einen Vertrauensbonus und unterdrücken ihre Zweifel. Sie wissen, dass er vor enormen Herausforderungen steht, hoffen aber immer noch, dass er zu gegebener Zeit dazu kommen wird, die Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen und das Versprechen, das Amerika ausmacht, zu erneuern. Leider ist diese Hoffnung unbegründet. Das Amerika der Gründervater, das während der Jahre unter Präsident Bush vom Amerika der Cowboys gekapert wurde, ist unverändert in der Hand derselben gesetzlosen Kräfte. Statt den Verfechtern eines unbegrenzten Kriegs und der kriminellen Verhöre, die mit ihm einhergegangen sind, die Stirn zu bieten, hat Präsident Obama vor ihnen kapituliert – so sicher wie Präsident Lyndon B. Johnson, der es seinerzeit vorzog, den Vietnamkrieg, von dem er wusste, dass er ihn nicht gewinnen konnte, auszuweiten, anstatt sich von den Republikanern vorwerfen zu lassen, er und seine Partei seien »nachgiebig gegenüber dem Kommunismus«. (…)
Tim B. Müller

Workshop »Imperial Presidency«. Einstein Forum, Potsdam, 19./20. März 2010


Bernd Greiner

Ökonomie im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick

Gegen Zukunftsangst und Alltagspanik im Kalten Krieg hielten Amerikaner wie Sowjets eine gemeinsame Rezeptur bereit: »Permanent Preparedness«. »Allzeit bereit« klingt gefälliger als »totale Mobilisierung«, meint aber dasselbe – nämlich eine umfassende Indienstnahme wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und technologischer Ressourcen zum Zwecke der Abschreckung und des Aufbaus einer kriegstauglichen, sprich überlegenen Militärmaschinerie. Deren Wert wurde nicht mehr mit Infanteriedivisionen angegeben, sondern an der Stückzahl und Sprengkraft von Atom- und Wasserstoffbomben samt ihrer Trägersysteme bemessen. Mit der Folge, dass militärische Auftraggeber ein nie gekanntes Interesse an Forschung und Technologie entwickelten und eine dauerhafte Allianz mit industriellen Anbietern auf den Weg brachten. (…)

Weitere Beiträge von Bernd Greiner


Aus der Protest-Chronik

7. November 2004
In dem seit Jahren organisierten Widerstand gegen den Transport von Atommüll, der mit der Bahn von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben führt, kommt es bei dem in der Nähe von Nancy gelegenen Ort Avricourt zu einem tragischen Todesfall. Wie viele deutsche Atomkraftgegner, so protestieren auch französische Umweltaktivisten gegen die unablässig anhaltende Produktion von Atommüll. Wieder einmal versuchen sie einen mit radioaktivem Abfall beladenen Zug auf seiner Fahrt nach Deutschland aufzuhalten. Ihr Ziel ist es, mit einer illegalen Blockade der Gleise die Zugfahrt vorübergehend zu unterbrechen, um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass es keine Lösung sein kann, den bei der Wiederaufbereitung anfallenden radioaktiven Müll in ein Lager zu transportieren, das die nötigen Voraussetzungen für eine Endlagerung nicht bietet. Einige der lothringischen Aktivisten haben in dem unter den Gleisen befindlichen Kiesbett Metallrohre verlegt, an denen sie sich festketten wollen, um den Zug mit dem Atommüll für unbestimmte Zeit aufzuhalten. Derartige Aktionen sind hochgefährlich, da sie darauf setzen, dass der Zugführer den Blockadeversuch rechtzeitig erkennt und noch einen ausreichenden Bremsvorgang einleiten kann. (…)