Heft 4 - August/September 2011

Die Welt der Lager

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Seite 1: »... die Unmittelbarkeit und Frische des Lagerlebens«

Lieber Freund Andreä
(...) Die moralischen Werte des Krieges schätze ich im Ganzen sehr hoch ein. Aus dem blöden Kapitalistenfrieden herausgerissen zu werden, tat vielen gut, gerade auch Deutschland, und für einen echten Künstler scheint mir, wird ein Volk von Männern wertvoller, das dem Tod gegenübergestanden hat und die Unmittelbarkeit und Frische des Lagerlebens kennt. Darüber hinaus aber verspreche ich mir wenig vom Krieg, und ein erneutes Hurrawesen wird ja wohl nicht ausbleiben.

Hermann Hesse an Volkmar Andreä, Bern, 26.12.1914, in: ders., Gesammelte Briefe, Bd. 1, Frankfurt am Main 1973, S. 255


Bilder: Lager


Bernd Greiner

Lager im »Anti-Terror-Krieg«

Extra-Legalität, Extra-Institutionalität und Extra-Territorialität – diese Gesichtspunkte bieten sich an, um die im Zuge des »Kriegs gegen den Terror« von den USA weltweit eingerichteten Lager für Terrorverdächtige systematisch zu analysieren. Wie es scheint, können damit auch diachrone Vergleiche mit Lagersystemen aus früheren Epochen angestellt und Unterschiede wie Gemeinsamkeiten in den Praktiken demokratischer Staaten und totalitärer Regime thematisiert werden. Letzteres markiert bis dato eine Terra incognita in der historischen Wissenschaft. Ob und wie sie historisch vermessen wird, ist augenblicklich noch nicht abzusehen. (…)

Weitere Beiträge von Bernd Greiner


Andreas Stucki

Aufbruch ins Zeitalter der Lager?. Zwangsumsiedlung und Deportation in der spanischen Antiguerilla auf Kuba, 1868–98

Der Kolonialkrieg auf Kuba (1895–98) und insbesondere der Amtsantritt des spanischen Generals Valeriano Weyler als Generalkapitän im Jahr 1896 markieren in der Literatur oft den Aufbruch ins »Jahrhundert der Lager«. Im Zentrum des vorliegenden Beitrags steht der Versuch, dieses lineare Narrativ zu durchbrechen und zu hinterfragen. Im Folgenden wird daher zuerst am Beispiel Spaniens auf die »Karriere« einer Antiguerillamaßnahme eingegangen, wobei der Charakter der sogenannten reconcentración erörtert und die zentralen »Stationen« angesprochen werden, an denen um 1900 Zwangsumsiedlungen umgesetzt oder zumindest angedacht worden sind. Dabei wird sowohl der Begriffsklärung als auch den historiographischen Debatten der Lagerforschung Rechnung getragen. Abschließend wird versucht, anhand eines strukturellen Ansatzes neue Wege zu einem besseren Verständnis hinsichtlich der Funktion und Wirkung imperialer Umsiedlungslager und Wehrdörfer aufzuzeigen. (…)

Weitere Beiträge von Andreas Stucki


Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Alan Kramer

Editorial

Gibt es das: eine »Erfolgsgeschichte« der Institution Lager? Einer Institution, die von Diktaturen und Demokratien gleichermaßen genutzt wird – und das bis zum heutigen Tag? Mit dieser Frage verbindet sich keinesfalls die Absicht, Totalitarismusdebatten zu neuem Leben zu erwecken oder eine Hierarchie des Bösen zu schreiben. Und doch gilt es, das Lager als Chiffre von Gewalt und Krieg im 20.Jahrhundert auf Entstehungszusammenhänge, Dynamisierung und Funktionen zu hinterfragen. Auch interessiert, ob sich transnationale »Lernprozesse« nachvollziehen lassen. Dazu aber muss der Blick über den deutschen Kontext hinaus geweitet werden. Die gängige Engführung von Lagern als nationalsozialistisches Konzentrationslager wird dem Phänomen nicht gerecht. Das bedeutet ferner, Lager nicht von ihrem radikalen Endpunkt der Vernichtung her zu denken. Nur dann ist es möglich, den historischen Ort dieser Institution näher zu bestimmen. (…)
Richard Overy

Das Konzentrationslager. Eine internationale Perspektive

Die Vorstellung, das Konzentrationslager sei eine das Dritte Reich definierende Institution gewesen, ist zu einem Gemeinplatz über die 1930er Jahre geworden. Dies gilt ebenso für die Annahme, dass die deutschen Lager brutalere Instrumente waren, um Geist und Körper ihrer menschlichen Fracht zu brechen, als jede andere Form der Internierung. 1940 veröffentlichte der ungarische Autor und Journalist Arthur Koestler einen Bericht über seine Erfahrungen als Kommunist und Jude in Le Vernet, einem französischen Konzentrationslager für feindliche Ausländer. Zu seinem Glück wurde Koestler aus dem nahe der spanischen Grenze gelegenen Lager entlassen, bevor die Deutschen eintrafen. Er verglich Le Vernet, ein unerbittliches Arbeitslager, in dem es nur wenig zu essen und kaum medizinische Versorgung gab, mit dem berüchtigtsten deutschen Lager in Dachau (…)

Die Welt der Lager: Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Gewalt in transnationaler Perspektive . Internationale Tagung vom 14. bis 16. April 2011


Heather Jones

Kriegsgefangenenlager. Der moderne Staat und die Radikalisierung der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg

Die historische Erforschung des Umgangs mit Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg hat in den vergangenen fünfzehn Jahren mit der Publikation einer Reihe von eingehenden Monographien und Aufsätzen gewaltige Fortschritte gemacht. Angesichts dieser Welle neuer Forschungsergebnisse lässt sich die Kriegsgefangenschaft nicht mehr als unbedeutender Nebenkriegsschauplatz betrachten. Rund neun Millionen Gefangene wurden im Ersten Weltkrieg gemacht – somit geriet fast ein Siebtel aller mobilisierten Soldaten in Gefangenschaft. Bis in die 1990er Jahre ignorierte die historische Zunft die Kriegsgefangenschaft weitgehend. Sofern Diskussionen zu diesem Thema stattfanden, beschränkten sie sich auf militärhistorische Debatten, die sich um die strategische Bedeutung von Kapitulationen für den Kriegsausgang drehten. Die jüngsten historiographischen Arbeiten haben jedoch den Nachweis erbracht, dass es sich bei der Kriegsgefangenschaft um ein zentrales Phänomen des Kriegs handelte, das die europäischen Regierungen, Armeen und Bevölkerungen gleichermaßen beschäftigte und das eine ganze Reihe gesellschaftlicher Sphären weit abseits vom Schlachtfeld beeinflusste – zu denen vor allem der wirtschaftliche, der humanitäre, der rechtliche und der mediale Sektor zählten. (…)

Michael Wildt

Funktionswandel der nationalsozialistischen Lager

Die Bilder, die wir von den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Kopf haben, stammen von Fotografien und Filmen, die die alliierten Armeen bei der Befreiung der Lager aufgenommen haben: Ohrdruf, Dachau, Bergen-Belsen, Auschwitz. Baracken, in denen gänzlich abgemagerte, entkräftete Menschen von alliierten Soldaten versorgt werden, Todeskammern, in denen sich noch die Leichen stapeln, britische Soldaten, die mit Bulldozern die toten Körper in Massengräber schieben. Filme, die zum ersten Mal im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher gezeigt und wenig später – wie zum Beispiel der bekannte Film »Death Mills/Todesmühlen« – neu zusammengeschnitten in den Kinos der westlichen Besatzungszonen der deutschen Bevölkerung gezeigt wurden, um ihr vorzuführen, was in ihrem Namen an kaum glaublicher Gewalt geschehen war. (…)

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Aus der Protest-Chronik

21. August 1968 
Der Versuch, einen sozialistischen Staat unter der Vorherrschaft der Sowjetunion zu demokratisieren und zu reformieren, der sogenannte »Prager Frühling«, wird mit einem von langer Hand vorbereiteten Militärschlag beendet. Nachdem drei in rascher Folge von der sowjetischen Führung angesetzte Konferenzen verschiedener Ostblockstaaten über den umstrittenen Reformkurs der Kommunistischen Partei der CSSR (KPČ) gescheitert sind und Manöver der Warschauer-Pakt-Truppen entlang der Grenzen zur ČSSR stattgefunden haben, beginnt eine mehrere hunderttausend Mann umfassende Armee unter dem Oberbefehl des stellvertretenden sowjetischen Verteidigungsministers General Iwan Pawlowski mit ihrer Invasion. Zur Begründung heißt es, man komme damit einem »Hilfeersuchen« tschechoslowakischer Politiker nach, die um den Bestand des sozialistischen Systems in Sorge seien. (…)