Heft 4 - August/September 2012

Facetten imperialer Herrschaft

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Weitere Hefte zu "Imperien"

Seite 1: Luhmanns Telefon

Das Telefon klingelt. Ich nehme den Hörer ab (obwohl ich den Satz, den ich schreibe, unterbrechen muß und später möglicherweise – so jedenfalls meine Erfahrung – nicht mehr weiß – weil ich den Hörer abgenommen hatte –, wie ich ihn vollenden wollte), um am Telefon hören und sprechen zu können. Die Vielzahl der Möglichkeiten, die ich am Telefon gewinne, ist zumeist attraktiver als die, die ich durch das Aufnehmen des Hörers verderbe (und selbst wenn die Milch überkocht!). Sie ist im Moment attraktiver, vor allem, weil sie noch unbestimmt ist, wenn ich mich zum Hörerabnehmen entschließen muß. (Wenn ich wüsste, wer anruft, würde ich fast nie abnehmen.)

Niklas Luhmann, »Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution« [circa 1980], in: ders., Ideenevolution. Beitrage zur Wissenssoziologie, hrsg. von Andre Kieserling, Frankfurt am Main 2008, S.16

Bilder: Unter den Yorckbrücken


Gerrit Walczak

WikiLeaks und Videokrieg. Warum wir noch immer nicht wissen, was wir im »Collateral Murder«-Video sahen

Die Gebrauchsanweisung für den analogen Videorekorder schließt mit dem Hinweis, das Zurückspulen der Kassette wurde bis zu drei Minuten in Anspruch nehmen. Am 12. Juli 2007 im Hi-8-Format aufgezeichnet, setzt der Film mit der Sicht auf ein Wohnviertel Bagdads im fünften Jahr der Besatzung ein, gesehen durch die elektronische Zieloptik eines amerikanischen Kampfhubschraubers AH-64D Apache mit dem Rufzeichen »Crazyhorse 18«. Die Aufnahmen zeigen, wie Männer durch das Feuer einer 30 mm-Maschinenkanone aus der Luft getötet werden. Sie zeigen, wie weitere Salven in einem Kleinbus einschlagen, aus dem Retter dem einzigen Überlebenden zu Hilfe kommen. Sie zeigen schließlich, wie nacheinander drei Hellfire-Flugkörper in einem Gebäude explodieren, und sie bestätigen den seit jeher an Gewissheit grenzenden Verdacht, der von den Militärs seit zwei Jahrzehnten simulierte »Videokrieg ohne Opfer« hätte zu keiner Zeit die Wirklichkeit abgebildet. Abstrakt bleibt einzig, was die Soldaten sahen, die nach den Attacken die Szenerie betraten: »I have never seen anybody being shot by a 30-millimeter round before. It didn’t seem real, in the sense that it didn’t look like human beings. They were destroyed.« (…)

Bernd Greiner

Es geht um die Wahrnehmung, Dummkopf!. Amerikas Aufstandsbekämpfung von Vietnam bis Afghanistan

Haben Sie schon einmal versucht, Suppe mit einem Messer zu essen? Nun, satt sind Sie bestimmt nicht geworden. Und vermutlich ging es auch nicht ohne Blessuren ab. Dass man überhaupt auf die Idee kommen kann, politisches oder militärisches Handeln mit dieser Metapher zu umschreiben, sagt eigentlich alles – man muss es mit einem reichlich absurden Vorgang zu tun haben. Genauer gesagt mit Akteuren, die entweder nicht wissen, was sie tun, oder schlichtweg davon ausgehen, sich mit Wille und Vorstellung über alle Erfahrung hinwegsetzen zu können.
Seit 2006 ist die Rede vom »eating soup with a knife« wieder und mit inflationärer Häufigkeit im Umlauf. Und zwar im Gefolge des rasanten Aufstiegs von General David Petraeus und seiner Mitstreiter, die auf frappierende Art und Weise das Thema »Aufstandsbekämpfung« auf die politische Agenda in Washington setzten. (…)

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Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Mischa Gabowitsch

Gewaltfreier Widerstand. Vergleichende Betrachtung zu Dynamik und Erfolgsbedingungen

Die populäre Literatur zu gewaltfreiem Widerstand besteht zu einem großen Teil aus Erfahrungsberichten und Handlungsanleitungen wie denen von Gene Sharp und seiner Albert Einstein Institution, dem International Center on Nonviolent Conflict in Washington, DC oder dem Belgrader Centre for Nonviolent Action and Strategies. Es handelt sich dabei vor allem um strategische Anleitungen oder Methodenkompendien, die für oder aus der Perspektive von Aktivisten formuliert werden. Ihre Analyse bewegt sich zumeist auf der Handlungsebene, weshalb einzelne Formen gewaltfreier Aktion kategorisiert und auf ihre Effektivität hin befragt werden. Ein großer Vorteil dieser Vorgehensweise ist die leichte internationale Übertragbarkeit. Streiks, Sitzblockaden, Boykotte, Befehlsverweigerung, öffentliche Trauerzüge und andere gewaltfreie Widerstandspraktiken sind in ihrer Ähnlichkeit über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg fassbar und können daher als nützliche Ansatzpunkte für den Vergleich dienen. Gemeinsamer Nenner ist Gene Sharps Theorie der Gewalt als ein den Beherrschten, nicht den Herrschenden eigenes Gut, das den vermeintlichen Machthabern daher durch einfache Verweigerung entzogen werden kann. (…)

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Mischa Gabowitsch

Gewalt und Gewaltfreiheit in der Bewegung für faire Wahlen in Russland

Im Dezember 2011 gaben vielfach dokumentierte Verstöße bei der Wahl zu Russlands Staatsduma den Anstoß zu einer Protestbewegung für faire Wahlen und gegen Korruption. In über hundert Städten des In- und Auslands fanden wiederholt Aufmärsche statt; in Moskau versammelten sich mehrmals über hunderttausend Demonstranten. Seit der Perestroika waren nie so viele Menschen auf die Straßen gegangen, auch nicht während der Sozialproteste in den Jahren 2004 bis 2006. Neben klassischen Kundgebungen organisierten einige der – meist hochgebildeten – Teilnehmer ab Mai in einer Reihe von Städten ständige, am Occupy-Prinzip orientierte Protest- und Diskussionslager. Wichtigstes Organisations- und Austauschmedium waren soziale Plattformen im Internet, allen voran Facebook, vkontakte, Livejournal und Youtube. Die meisten der zunächst deklarierten Ziele, darunter Neuwahlen, wurden nicht erreicht. Zwar wurde das Parteienrecht formal liberalisiert, doch ließ sich Wladimir Putin am 7. Mai nach einer wiederum unfairen und gefälschten Wahl zum dritten Mal als Präsident vereidigen und anschließend das Parlament im Schnelldurchgang das Versammlungs- und Vereinsrecht weiter einschränken. (…)

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Ramin Jahanbegloo

Die Grüne Bewegung und der gewaltfreie Kampf im Iran

Drei Jahre liegt der iranische Frühling inzwischen zurück, doch sind dessen Nachbeben noch immer deutlich zu spüren – im Iran wie in der Welt. Die Proteste, die im Juni 2009 ihren Ausgang nahmen, erweisen sich im Rückblick als ein Schlüsselmoment in der iranischen Geschichte. Was als Aufstand gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen und die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad begonnen hatte, weitete sich zu einer Massenbewegung für bürgerliche Freiheiten und ein Ende des theokratischen Regimes im Iran aus. Die Demonstrationen – nicht allein Reaktion auf die unfairen Wahlen – brachten jahrelang aufgestaute Frustration, Unzufriedenheit und Wut über die repressive Herrschaft im Iran zum Ausdruck. Als junge, gewaltfreie und zivilgesellschaftliche Bewegung für einen Wandel innerhalb der iranischen Gesellschaft kämpfte die Grüne Bewegung für eine rechtmäßige und ihre Handlungen verantwortende Regierung. Der Wahlbetrug im Iran bot, wie in der Folge deutlich wurde, dem iranischen Volk die Gelegenheit, nicht nur ihre wenigen demokratischen Rechte zu verteidigen, sondern den Versuch zu wagen, neue Fundamente für ein wahrhaft demokratisches Regime zu legen. Die Islamische Republik schien sich langsam aufzulösen und ein jähes Ende zu nehmen, während die Grüne Bewegung wuchs und an Stärke gewann. (…)
Véronique Dudouet

Die Erste palästinensische Intifada (1987–91). Ein erfolgreiches Beispiel gewaltfreien Widerstands?

In der wissenschaftlichen Literatur zum gewaltfreien Widerstand wird die Erste palästinensische Intifada häufig als Paradebeispiel für eine Kampagne nationaler Selbstbestimmung herangezogen, die von Strategien gewaltfreier Aktion und langjährigen Erfahrungen im unbewaffneten Volkswiderstand geprägt ist. Dagegen beziehen sich israelische wie internationale Medienanalysen des israelisch-palästinensischen Konfliktes nur selten auf diese Episode aus der Geschichte des palästinensischen Antibesatzungskampfes. In den Medien wird stattdessen der gewaltsame Charakter des palästinensischen Widerstandes betont und die Notwendigkeit herausgestellt, konstruktivere Wege zu einer friedlichen Koexistenz mit Israel zu finden. Wie lässt sich eine derart selektive Wahrnehmung erklären? Welche Rolle spielte Gewaltfreiheit tatsachlich während der Ersten Intifada? Und wie ist ihr Erfolg einzuschatzen: Brachte der gewaltfreie Widerstand die Palästinenser ihrem Ziel der nationalen Selbstbestimmung näher? (…)

Flavio Eichmann

Expansion und imperiale Herrschaft. Zum epochenübergreifenden Charakter des Imperialismus

Die Imperialismusforschung, die sich mit den Ursachen, Strukturen und Verlaufsformen der europäischen Expansion im 19. und 20. Jahrhundert befasste, scheint sich seit dem Ende des Kalten Krieges in einem Dornröschenschlaf zu befinden. Die Hauptursache für das schwindende Interesse der Forschung am Imperialismus dürfte im Ende des Kalten Krieges zu suchen sein. Der Imperialismusdiskurs speiste sich nämlich vor allem nach 1945 aus dem ideologischen Ost-West-Gegensatz. Die im Ostblock dogmatisch vertretene These Lenins, wonach der Imperialismus das letzte Stadium vor der sozialistischen Weltrevolution sei, bildete eine andauernde Herausforderung für viele Historiker des Westens. Die marxistisch-leninistische Forschung des Ostblocks implizierte damit nicht nur eine imperialistische Kontinuität im sozioökonomischen
System des Westens. Sie stellte auch dessen baldigen Untergang in Aussicht, denn der Ausbruch der sozialistischen Weltrevolution schien aus dieser Perspektive unmittelbar bevorzustehen. Mit dem Ende des Kalten Krieges verschwand diese Reibungsfläche. In der Folge gewannen globalhistorische Ansätze an Bedeutung, die weniger nach Ursachen, Verlauf und Strukturen von imperialistischen Expansionsprozessen frag ten, sondern globale Vernetzungsprozesse analysierten, wie sie im Zuge der europäischen Expansion hervortraten. Vor diesem Hintergrund etablierte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine besonders von den Politikwissenschaften geprägte Forschung zum Phänomen des Imperiums. (…)

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Aus der Protest-Chronik

23. Februar 1974
Das Frankfurter Westend ist seit mehreren Jahren Schauplatz eines erbittert ausgetragenen Konfliktes. In dem zwischen Innenstadt und Universität gelegenen, an das Großbürgertum vergangener Zeiten erinnernden Viertel, wo mehr Hauser als in irgendeinem anderen Stadtteil den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben, sollen wertvolle, zumeist aus der Gründerzeit stammende Gebäude abgerissen werden. Man will Platz für den Bau von Hochhäusern schaffen, insbesondere für Großbanken. Die Pläne sind nicht nur der Aktionsgemeinschaft Westend ein Dorn im Auge, in der sich Bürger organisiert haben, um der Zerstörung erhaltenswerter Bausubstanz Einhalt zu bieten, sondern auch zahlreichen Studierenden, die unter enormer Wohnungsnot zu leiden haben. Nachdem sie im September 1970 ein erstes Haus besetzt haben und ihrem Beispiel auch andere soziale Gruppen vor allem aus dem Milieu von Arbeitsimmigranten gefolgt sind, hat sich der Häuserrat gebildet, der beansprucht, die Interessen von Hausbesetzern und Mietstreikenden mit juristischen und anderen Mitteln zu vertreten. (…)