Heft 4 - August/September 2013

Vernetzte Gesellschaft

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Weitere Hefte zu "Gesellschaftsentwürfe"

Seite 1: »Der grand chef ist ein sympathischer Autokrat«

»Im übrigen aber wird das Land konsequent und vollständig beherrscht vom Atatürk und seinen anatolischen Türken, einem naiven, mißtrauischen, ehrlichen, etwas unbeholfenen und bäurischen,dabei sehr emotiven Menschenschlag; weil härter und unverbindlicher, unliebenswürdiger, unbiegsamer als europäische Südländer sonst, aber doch wohl gut zu leiden und mit viel Lebenskräften, gewohnt an Sklaverei und harte, aber langsame Arbeit. Der grand chef ist ein sympathischer Autokrat, klug, großzügig und witzig, vollkommen verschieden von seinen europäischen Kollegen: indem er nämlich wirklich dieses Land zum Staat gemacht hat, und auch, indem er absolut phrasenlos ist (…)«

Istanbul, am 3. Januar 1937. Aus einem Brief von Erich Auerbach, in die Emigration getriebener Romanist und bedeutender Literaturwissenschaftler, an Walter Benjamin


Bilder: Karriere in der NSA


Urs Stäheli

Entnetzt euch!. Praktiken und Ästhetiken der Anschlusslosigkeit

Der Netzwerker brilliert dadurch, dass er scheinbar mühelos neue Verbindungen knüpft – ja, dass er die ganze Welt als potentielle Erweiterung seines Netzwerkes sieht. Für ihn ist jeder kontaktierbar, er kennt keine Grenzen. Sein Erfolg zeigt sich gerade darin, ehemals als getrennt oder gar als unvereinbar geltende Bereiche zusammenzubringen. Die Verknüpfung ist sein Existenzmodus: Durch ihn strömen Informationen und Kontakte, die er ständig zu vermehren sucht. Dazu muss der Netzwerker selbst zum Medium der Verknüpfung werden. Offenheit ist sein Gebot. Ein Netzwerker soll für alles empfänglich sein, möglichst vorurteilslos handeln und flexibel denken. Dieser Anspruch schlägt sich auch auf seine emotionale Konstitution nieder: Weder schüchtern noch zu sehr von sich eingenommen soll er sein. Er darf keine Angst haben, zurückgewiesen zu werden, und darf nicht zu stolz sein, einen Kontakt zu initiieren. Denn innere Vorbehalte könnten den beständigen Fluss von immer neuen Verknüpfungen ins Stocken bringen. Der Netzwerker – und mehr noch, die netzwerkförmige Organisation – entwickelt eine monokulturelle Kompetenz der unendlichen Vernetzung. Er folgt einem unumstößlichen Diktat, Netze nicht nur zu pflegen, sondern sie beständig zu vergrößern, um selbst zum gut positionierten »obligatory passage point« zu werden. (...)

Valentin Groebner

Nach der Megabit-Bombe. Wissenschaftliches Publizieren im Zeitalter des Internets, historisch gesehen

Ich bin eingeladen worden, über die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens zu sprechen, als Historiker. Das Verhältnis zwischen der Geschichtswissenschaft und den Entwicklungen der Zukunft lässt sich knapp zusammenfassen: Wir sind dafür nicht zuständig. Was Historiker beschäftigt, ist von gestern. Den meisten Leuten, denen wir nachforschen, tut schon lange nichts mehr weh, und der größte Teil der Institutionen, die wir erforschen, sind mittlerweile kaputt oder pleite. Historiker kommen von Berufs wegen immer zu spät. Dieses Zu-spät-dran-Sein ist gleichzeitig so etwas wie unsere unique selling proposition, weil sie Abstand erzeugt und eine bestimmte Art von Fragen erlaubt; nämlich unpassende. (…)

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Nikola Tietze

Soziologie und Verschwörung. Plädoyer für die konflikttheoretische Erweiterung der Soziologie der Konventionen, der Rechtfertigung und der Kritik

In John Le Carrés Roman Marionetten stellt der deutsche Nachrichtendienstler Günther Bachmann für sich und seine Kollegen aus der Spezialeinheit »Hintergrund« fest: »Wir sind keine Polizisten, wir sind Spione. Wir nehmen unsere Zielperson nicht fest.« Und mit Blick auf eine solche Zielperson erklärt er dann: »Wenn Abdullah nicht zu einem bekannten Netzwerk gehört, sorge ich persönlich dafür, daß er sich einem anschließt. Und wenn es sein muß, erfinde ich ein Netzwerk ganz für ihn alleine.« Das Zitat spielt auf die Verschwörung an, von der in Le Carrés Marionetten die Rede sein wird und die sich nach den Terroranschlägen von 9/11 in Hamburg angesiedelt findet. Wie man an diesem Spionageroman zeigen kann, besteht eine Verschwörung in aller Regel darin, dass ein Kollektiv – bei Le Carré die Berufsgruppe der staatlichen Geheimdienstler – in verdeckter Weise eine Wirklichkeit konstruiert, um dadurch Einfluss auf die Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen auszuüben. Verschwörungen und die ihr korrespondierenden Wirklichkeitskonstruktionen zu thematisieren, ist – wie Luc Boltanski in seinem jüngsten Buch Énigmes et complots. Une enquête à propos d’enquêtes darlegt – konstitutiv für das Genre des Spionageromans. (…)

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Jost Dülffer

Ost-West-Konflikt und Globalisierung. Neue Forschungen zum Kalten Krieg

Wenn man sich nach dem Kalten Krieg über eines einig ist, dann darüber, dass er vorbei ist. Was an seine Stelle im internationalen Staatensystem getreten ist, bleibt allerdings umstritten. Zum einen halten die Deutungskontroversen über die Entwicklung nach 1989 unvermindert an, zum anderen verändern sich mit wachsendem zeitlichem Abstand die Perspektiven auf die Zeit davor. Es ist ebenso richtig wie banal: Geschichte entwickelt mit dem Fortschreiten zu einer je neuen Gegenwart auch stets neue Sichtweisen auf die Vergangenheit. Die jeder Historiografie eigene Perspektivität spielt bei einem Thema wie dem Kalten Krieg, das sich aus einer Vielzahl nationaler und regionaler Blickwinkel und von unterschiedlichen geschichtspolitischen Standorten her betrachten lässt, eine besondere Rolle. Und so tauchen auch immer neue Kernfragen auf. (…)

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Alfons Söllner

Mehr Universität wagen!. Helmut Schelsky und die Hochschulpolitik der 1960er Jahre

Anders als die Universitätsgeschichtsschreibung, die auf eine lange und honorige Tradition zurückblicken kann, ist die Hochschulpolitik noch kein etablierter Gegenstand der Geschichtsforschung. Das hängt nicht nur mit ihrer relativen Novität zusammen, sondern auch damit, dass in der modernen pluralistischen Demokratie eine Vielzahl von Akteuren an ihr beteiligt ist: Neben dem Staat, der immer schon der zentrale Akteur war, wirken die Hochschulen und ihre Vertreter, aber auch die politischen Parteien und die gesellschaftlichen Gruppen an der Hochschulpolitik mit. Eine Möglichkeit, dieser Diversität Rechnung zu tragen, könnte darin bestehen, die Leitideen herauszuarbeiten, auf die sich die verschiedenen und bisweilen gegensätzlichen hochschulpolitischen Protagonisten einigen oder besser: einigen müssen, sowohl um ihren Zielen Konturen zu verleihen als auch um zu fassbaren Ergebnissen zu kommen.
Die Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bietet sich für ein solches Verfahren deswegen an, weil in dieser Periode die Hochschulpolitik überhaupt erst erfunden wurde. (…)

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Ariane Leendertz

»Finalisierung der Wissenschaft«. Wissenschaftstheorie in den politischen Deutungskämpfen der Bonner Republik

Am 24. und 25. März 1976 berichteten mehrere Zeitungen über eine von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierte Konferenz zum Thema »Gefährdete Wissenschaft«, die gerade in München zu Ende gegangen war. Die Titelzeilen in der Süddeutschen Zeitung, im Münchner Merkur und in der Welt entwarfen ein potentielles Bedrohungsszenario: »Gefährdete Wissenschaft?«; »Wie Wissenschaft in der Bundesrepublik bedroht wird«; »Droht der deutschen Wissenschaft ein 1984?«; etwas neutraler sprach die Frankfurter Allgemeine Zeitung von »Widerspruch aus der Wissenschaft«. Die vier Artikel lösten eine etwa zwei Monate währende Debatte in der deutschsprachigen Presse aus. Im Fadenkreuz stand die 1973 von einer Gruppe Starnberger Wissenschaftler formulierte Theorie über die »Finalisierung der Wissenschaft«. Diese Theorie, so die in der Presse kolportierte und später bekräftigte Anschuldigung von Teilnehmern der Münchner Konferenz, diene in Wahrheit nur der Rechtfertigung und Durchsetzung einer neomarxistischen und linkstotalitären Ideologie, die nicht nur die Freiheit der Wissenschaft beseitigen wolle, sondern auch die Demokratie gefährde. (…)

Aus der Protest-Chronik

21. Mai 2013
Neben dem Eiffelturm und dem  Louvre gehört Notre Dame zu den am meisten frequentierten touristischen Anziehungspunkten von Paris. Mit ihren beiden charakteristischen, im gotischen Stil errichteten Türmen zählt die aus dem Mittelalter stammende, auf der Seine-Insel Île de la Cité gelegene Kathedrale mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie wird täglich von über 38.000 Gläubigen und Touristen besucht; auf das Jahr hochgerechnet sind das nicht weniger als 14 Millionen Menschen. Auch an einem Dienstagnachmittag im Mai befinden sich 1500 Besucher aus aller Welt in dem berühmten Kirchenschiff. Es ist kurz vor 16 Uhr. Ein älterer Herr mit schütterem Haar und Brille, unauffällig in einen Mantel gekleidet, alles in allem eine bürgerlich-konservative Erscheinung, die einemgläubigen Katholiken entspräche, geht zielstrebig zum Altar von Notre Dame. Dort hält er inne und legt zunächst einen Brief auf einer der Stufen ab. (…)