Heft 5 - Oktober/November 2008

Unsichere Zeiten

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Weitere Hefte zu "Prekäre Verhältnisse"

Dokumente: Die Lesbarkeit der Revolte


Thema

Stephan Lessenich, Silke van Dyk

Unsichere Zeiten. Die paradoxale »Wiederkehr« der Unsicherheit

Dass wir es in Zeiten von Sozialstaatsumbau und persistenter Massenarbeitslosigkeit, von zunehmender Entkollektivierung sozialer Risiken und der fortschreitenden Flexibilisierung und Destandardisierung von Arbeitsverhältnissen mit einer »Wiederkehr der Unsicherheit« in die spätindustriellen Gesellschaften zu tun haben, ist – ganz unabhängig von der Frage der politisch-normativen Bewertung dieser Entwicklung – in den letzten Jahren zur populären Zeitdiagnose geworden. Die Diskussion über die »gespaltene Gesellschaft« (Lessenich/Nullmeier 2006), in der sich neben den integrierten zunehmend marginalisierte Bevölkerungsgruppen bewegen, die sich sozialstrukturell zu einer neuen »Unterschicht« verdichten oder den Abstieg in dieselbe fürchten müssen, füllt zunehmend die Seiten von Feuilletons und akademischen Publikationen. (…)

Weitere Beiträge von Stephan Lessenich, Silke van Dyk

Heinz Bude

Nostalgische Reserven

Silke van Dyk und Stephan Lessenich zielen auf einen bestimmten nostalgischen Komplex im Gesellschaftsdenken der Gegenwart. Die Kritik der Gegenwart beruht auf einem verklärten Bild der Vergangenheit. Der Leitbegriff dafür ist weder die Gleichheit noch die Freiheit, auch keine davon abgeleitete Konzeption von Gerechtigkeit, sondern das, was von der Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit übrig geblieben ist: die Sicherheit. Nach Maßgabe dieses Appellwortes sozialer Eingebettetheit, das Vorstellungen von Versorgtheit, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit anspricht, war früher alles besser: ganz früher, als die Menschen noch wussten, wohin sie gehörten und wo die vielfältigen Gefahren der Lebensführung als Schicksal hingenommen werden konnten, vor allem aber in einer gerade erst vergangenen Zeit, die in bester Erinnerung aufleuchtet, wo einem bestimmte Anrechte garantiert und die grundlegenden Gefährdungen der Existenz als Risiken des Lebenslaufs unter Kontrolle waren. Man kontrastiert nach Belieben die nervöse Jetztzeit, in der alles und jedes zum Projekt der Selbstverwirklichung wird, mit einer unbekümmerten Vorzeit, wo die Mehrheit der Menschen von der Hand in den Mund in den Tag hinein lebte, – oder ein vom Gespenst der Prekarität heimgesuchtes Heute mit einem von langfristigen Erwartbarkeiten und kollektiven Versorgtheiten geprägten Gestern. (…)

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Weitere Beiträge von Heinz Bude

Martin Kronauer

Die Materialität sozialer Unsicherheit

In ihrem Text »Unsichere Zeiten. Die paradoxale ›Wiederkehr‹ der Unsicherheit« argumentieren Silke van Dyk und Stephan Lessenich zu Recht, dass die mittlerweile immer zahlreichere sozialwissenschaftliche Literatur zur sozialen Unsicherheit von einer erheblichen Unsicherheit über den Sicherheitsbegriff gekennzeichnet ist. Sie machen ihren Befund exemplarisch an einem für die Diskussion wegweisenden Autor, Robert Castel, und dessen Buch Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat fest. Mit ihrem Beitrag schärfen sie den Blick für argumentative Widersprüche und Ungereimtheiten. Zudem entwerfen sie ein Fünf-Felder-Schema der »Dimensionen der Sicherheitsproblematik «, das die zu berücksichtigenden Aspekte in einer Unterscheidung von materiellen und symbolischen Merkmalen noch einmal klärend gegeneinander abhebt. (…)

Weitere Beiträge von Martin Kronauer

Nicole Burzan

Fragen an eine dynamisierte Heuristik der Unsicherheit

Im erfreulich systematisch-analytischen Beitrag von Silke van Dyk und Stephan Lessenich wird (Un-)Sicherheit mit dem Ziel einer grundsätzlichen Klärung und analytischen Schärfung diskutiert, wobei eine Fülle zu berücksichtigender Aspekte angesprochen wird. Diese sachlich weitgehend überzeugenden Aspekte können angesichts der klaren Zielsetzung nicht gleichermaßen vertieft werden, dafür bieten sie vielfältige Anschlussmöglichkeiten zur Weiterentwicklung des Konzepts sowie für den wissenschaftlichen Dialog.
Ich möchte mich an dieser Stelle insbesondere auf die heuristische Matrix der Unsicherheitsdimensionen konzentrieren, die im Text unter anderem dazu dient, die jeweiligen blinden Flecken der Lesarten des »Paradoxons« und der »Rückkehr« von Unsicherheit auszuloten. Die Matrix wird durch die Achsen institutionell–individuell und materiell–symbolisch bestimmt, zudem spielt der Zeitaspekt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Rolle; auf einer anderen Ebene kommt später die Differenzierung zwischen Kontingenztoleranz und sozialem Schutz hinzu. (…

Autoren


Literaturbeilage

Thomas Medicus

Katastrophensammeln auf der Geisterinsel. Hat der Schriftsteller W. G. Sebald »Holocaust-Literatur« geschrieben? Anmerkungen zu einem Missverständnis

Im kommenden Jahr, wenn sich die Gründung der Bundesrepublik zum sechzigsten und die deutsche Einheit zum zwanzigsten Mal jährt, wird auch eines anderen Datums zu gedenken sein. Zehn Jahre wird es dann her sein, dass der eine heftige Debatte auslösende Essay Luftkrieg und Literatur des Schriftstellers W. G. Sebald erschien. Sebald hat der Koinzidenz dieser Daten keine Bedeutung zugemessen und seinen Beitrag auch nie im Kontext der die Neunzigerjahre prägenden bundesdeutschen Geschichts- und Erinnerungsdebatten betrachtet. Vielmehr wähnte sich der zum damaligen Zeitpunkt seit gut dreißig Jahren in England lebende Schriftsteller auf seinem Lehrstuhl für deutsche Literatur an der University of East Anglia in Norwich in Bezug auf sein Geburtsland exterritorial. Diese Haltung hätte er nur um den Preis seiner literarischen Produktivität aufgeben können. Deren Bedingung aber war ein imaginäres Deutschland, das mit den neuen Realitäten als Folge des Jahres 1989 so gut wie keine Ähnlichkeit besaß. (…)

Weitere Beiträge von Thomas Medicus


Aram Mattioli

Die Resistenza ist tot, es lebe Onkel Mussolini!. Vom Umdeuten der Geschichte im Italien Berlusconis

In allen Ländern Europas, die von der Dampfwalze des Zweiten Weltkrieges überrollt wurden, nimmt die Weltkriegserfahrung im kollektiven Gedächtnis bis heute einen zentralen Platz ein. Dieser Befund gilt selbstverständlich auch für Italien. Allerdings war und ist die italienische Erinnerungskultur zum Zweiten Weltkrieg durch Eigentümlichkeiten geprägt, die in einer komparativen Perspektive besonders deutlich ins Auge springen. Jahrzehntelang stand in der Republik Italien nicht – wie in der Bundesrepublik Deutschland – die eigene faschistische Tätervergangenheit, sondern die zwanzig Monate dauernde Zeit der deutschen Okkupation und insbesondere die sich seit Herbst 1943 gegen die deutschen Besatzer formierende Resistenza im Zentrum des Erinnerns. Die Tatsache, dass das faschistische Italien als engster Verbündeter des »Dritten Reiches« und im Fahrwasser von Hitlers versuchter »Neuordnung Europas« mehrere Angriffs- und Eroberungskriege entfesselte, die in Afrika, auf dem Balkan und in Russland unermessliches Leid über Hunderttausende von Menschen brachten, fand nie in angemessener Weise Eingang in das kollektive Gedächtnis der Italiener. (…)

Aus der Protest-Chronik

30. August 1983
Der Selbstmord eines politischen Flüchtlings stellt den in der Bundesrepublik geübten Umgang mit Asylbewerbern massiv infrage und löst eine heftige Kontroverse aus. Schauplatz des Geschehens ist das gegenüber dem Bahnhof Zoo gelegene Verwaltungsgericht in West-Berlin. An einem Dienstagmorgen ist der Beginn des zweiten Verhandlungstages im Asylverfahren des 23-jährigen Cemal Kemal Altun für 8:30 Uhr vorgesehen. Der junge Türke betritt in Handschellen wenige Minuten vor Sitzungsbeginn den im sechsten Stock gelegenen Gerichtssaal. Nachdem ihm die Fesseln abgenommen worden sind, nimmt er zwischen einem Dolmetscher und seinem Anwalt Wolfgang Wieland Platz. Ohne jede Vorankündigung erhebt er sich plötzlich, dreht sich um, geht schnurstracks auf das hinter ihm liegende Fenster zu, öffnet es, setzt einen Fuß auf das Sims und springt in die Tiefe. (…)

 
Pressestimmen
»Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen brisanten Aufsatz von Thomas Medicus, der in der aktuellen Oktober/November-Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 die Katastrophen-Faszination des Schriftstellers W.G. Sebald untersucht. In einer psychoanalytischen Pointe unterstellt Medicus zunächst eine negative Fixierung Sebalds. Die Offiziers-Vergangenheit des Vaters in der Wehrmacht sei beim Sohn in einen ›Selbsthass‹ umgeschlagen, den dieser an seinem angeblichen Nazi-Namen Winfried festmachte. In seinen Vorlesungen über ›Luftkrieg und Literatur‹, manifestiere sich bei Sebald dann eine heillose Geschichtsphilosophie, die er selbst als eine Naturgeschichte der Zerstörung gedeutet hat: ›Die Ursehnsucht des Kriegskindes‹, so Medicus, ›gilt … dem Zustand einer ursprünglichen Zerstörtheit, deren melancholisches Glück in der Unerlösbarkeit von geschichtlichem Unglück besteht.‹ Wenn nicht alle Zeichen trügen, könnte sich an solchen Thesen erstmals eine ernsthafte Debatte über den ästhetischen Rang des bislang unantastbaren Autors W.G. Sebald entzünden.«
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 21. Oktober 2008