Heft 5 - Oktober/November 2010

Das Alter von heute

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Weitere Hefte zu "Sozialpolitik"

Seite 1: »… dieß leblose vollkommene Zusammengegangenseyn der subjectiven Thätigkeit mit der Welt«

(...) In der wirklichen Welt dagegen ist die Erfahrung von Veränderung – und sei es nur die des Alterns – die allgemeinste und unausweichlichste. Aber diese primäre Erfahrung kann man nicht auf sich beruhen lassen – ihr muss fortwährend entgegengewirkt werden.

Luc Boltanski, Soziologie und Sozialkritik


Bilder: FÜR DICH, Altern vor dem Mauerfall


Thema

Stephan Lessenich

Das Alter von heute. Ambivalenzen von Alterspolitik und Alter(n)serfahrung

Über kaum etwas anderes wird in Gesellschaft so viel gesprochen wie über das Alter – das Wetter natürlich ausgenommen. Die Alltagskommunikation ist angefüllt mit intersubjektiven Verständigungen über die je konkreten klimatischen Bedingungen, die in der Regel nicht zur Zufriedenheit der Gesprächspartner ausfallen: Mal ist es zu kalt, mal zu warm, dann regnet es zu viel, ein anderes Mal zu wenig, überhaupt war das Wetter früher besser als heute – und wenn wir schon bei Vergleichen sind, so lässt sich entweder das andernorts stets bessere Wetter beneiden oder wahlweise gemeinsame Erleichterung darüber zum Ausdruck bringen, dass es in unseren Breitengraden (einstweilen noch) recht gemäßigt ausfällt. (…)

Weitere Beiträge von Stephan Lessenich

Silke van Dyk, Stephan Lessenich

Die Potenziale des Alters und die Soziologie

In der Gesellschaftswissenschaft firmiert die Soziologie des Alter(n)s gewöhnlich als eine unter vielen anderen »speziellen« Soziologien, die das Fach historisch hervorgebracht hat und im Zuge gesellschaftlicher Differenzierung beständig hervorbringt. Dabei ließe sich – heute vielleicht mehr denn je – mit Fug und Recht behaupten, dass dem Alter eine zeitdiagnostische, sozialtheoretische und gesellschaftskritische Relevanz zukommt, die sich mit der Bedeutung gesellschaftlicher Zukunftsfragen – von der Globalisierung bis zur ökologischen Krise – messen kann. Eine zeitgemäße Soziologie des Alter(n)s vermag daher durchaus Aufschluss über die »großen Fragen« der Soziologie zu geben: Faktisch ist sie damit befasst, in welcher Gesellschaft wir leben, wie deren Vergesellschaftungsmodi zu verstehen sind und welche intendierten und nicht-intendierten sozialen Effekte diese zeitigen. (…)

Weitere Beiträge von Silke van Dyk, Stephan Lessenich

Tina Denninger, Silke van Dyk, Stephan Lessenich, Anna Richter

Die »Aufwertung« des Alters. Eine gesellschaftliche Farce

Deutschland altert, und dies – was die absehbare Zukunft angeht – unweigerlich. Nachdem dieses Faktum hierzulande längere Zeit – sicher auch wegen der unseligen bevölkerungspolitischen Vergangenheit Deutschlands – keine bedeutsame öffentliche Resonanz erfuhr, ist spätestens seit Beginn der 2000er Jahre ein gesellschaftliches Bewusstsein der anstehenden Veränderungen und ihrer vermeintlichen Dramatik produziert worden. Der Deutschland (und nicht nur Deutschland) in unregelmäßigen Abständen heimsuchende »apokalyptische Bevölkerungsdiskurs« wird nun praktisch permanent geführt, demographiepolitische Motive wie die »Schrumpfung«, »Überalterung« und »Alterslast« der Gesellschaft sind zum festen Bestandteil der gegenwärtigen Wissensordnung geworden. (…)

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Weitere Beiträge von Tina Denninger, Silke van Dyk, Stephan Lessenich, Anna Richter

Stefanie Graefe

Altersidentität. Zum theoretischen und empirischen Gebrauchswert einer prekären Kategorie

Während sie im Kontext neuerer sozialwissenschaftlicher Debatten in den letzten beiden Jahrzehnten einer gründlichen Problematisierung unterzogen wurde, genießt die Kategorie Identität in der Alter(n)sforschung ein vergleichsweise ungestörtes Dasein. Dass ein Phänomen namens »Altersidentität« nicht nur existiert, sondern auch erforschbar ist, gilt hier als weitgehend unumstritten. Zahlreiche Studien untersuchen die Möglichkeiten älterer Menschen, eine situationsadäquate, mithin altersgemäße Identität auszubilden. Viele betonen darüber hinaus, dass erst eine solche, möglichst stabile und kohärente Identität die notwendige Voraussetzung für ein »gelingendes« oder »erfolgreiches« Leben im Alter liefert. (…)
Tina Denninger, Anna Richter

Bilder des Alters im Sozialismus. Eine Reminiszenz

Über das Alter in der DDR wollte die gesamtdeutsche Öffentlichkeit nach der »Wende« – wie über vieles andere aus »vierzig Jahren Sozialismus« auch – nicht mehr viel wissen. Der aktuelle Diskurs um die Potenziale des Alters, durch deren aktive, politisch geförderte Nutzung Risiken und Nebenwirkungen des demographischen Wandels womöglich zu bannen seien, lässt einen Blick zurück auf das sozialistische Deutschland und seine Politik mit dem Alter jedoch interessant erscheinen. In der gegenwärtigen öffentlichen Debatte allfällig wiederkehrende Wendungen wie die der »gesellschaftlich nützlichen« oder »wirtschaftlich produktiven« Tätigkeiten, denen ältere Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachgehen sollten, waren im Leitbild des sozialistischen Alters ebenfalls fest verankert. Kehrt mit der Aktivierung des Alters womöglich ein Stück sozialistischen Gesellschaftsbildes in die Sozialordnung der Bundesrepublik ein? Und wie »sozialistisch« war das real existierende Alter in der DDR eigentlich? (…)

Weitere Beiträge von Tina Denninger, Anna Richter


Literaturbeilage

Manfred Bauschulte

Gefahr und Tabu. Zur Aktualität der Sozialanthropologie von Franz Baermann Steiner

Lange Zeit bildeten »Klassifikation« und »Vergleich« zentrale Methoden der europäischen Religionswissenschaft. Von der Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert, von Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt bis zu Friedrich Heiler und Mircea Eliade, wurden hermeneutische, philologische und typologische Mittel bemüht, um Religionen methodisch zu erfassen und ihre geschichtlichen Evolutionen systematisch zu verklammern. Schon als die Berichte von Forschungsreisenden aus Australien und Afrika im 19. Jahrhundert in Europa eintrafen, erwies sich ein solcher, eher statischer Rahmen als unzureichend. Im frühen 20. Jahrhundert traten daher ethnographische Praktiken wie »Ergriffenheit« (Leo Frobenius) und »teilnehmende Beobachtung« (Bronislaw Malinowski) als Korrektive auf den Plan. In der Folge entwickelten französische Ethnosoziologen (aus der Schule von Marcel Mauss, Marcel Granet, Marcel Griaule etc.) und englische Sozialanthropologen (der Oxford und Manchester School) ein reiches Repertoire an anthropologischen Perspektiven, das erhellende Innen- wie Außensichten auf die Religionen ermöglichte. (…)

Weitere Beiträge von Manfred Bauschulte


Aus der Protest-Chronik

28. September 1985
Am Rande von Protesten gegen die rechtsextreme Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) kommt es in Frankfurt zu einem Todesfall, der tagelange gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei auslöst. Gegen eine mit ihrem Parteivorsitzenden Martin Mußgnug für einen Samstagabend geplante Wahlkampfveranstaltung im Bürgerhaus des Frankfurter Stadtteils Gallus, in dem der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zweiundzwanzig Jahre zuvor den ersten Auschwitz-Prozess durchgeführt hatte, ist ein breites Bündnis linker Gruppen und Organisationen angetreten. Es reicht vom DGB über die SPD und die Grünen bis zu den Autonomen. Auf einem von NPD-Aktivisten über dem Podium aufgespannten Spruchband ist zu lesen: »Wir sind die Kraft, die Ordnung schafft.« Aus Protest gegen diese Unverfrorenheit, insbesondere aber gegen die Ausländerfeindlichkeit der Nationaldemokraten, veranstalten deren Gegner auf dem Hof der ganz in der Nähe gelegenen Günderrode-Schule ein multikulturelles Fest. An ihm beteiligen sich über 1000 Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Das »rote Gallus« gilt als traditionelles Arbeiterviertel und stellt für die radikale Linke seit dem Ende der Studentenbewegung einen besonderen Anziehungspunkt dar. Über ein Drittel der Bewohner sind Ausländer, und der Anteil an Arbeitslosen ist überproportional hoch. Seit langem wird der Stadtteil in der Main-Metropole abschätzig auch »Kamerun« genannt. (…)


 
Pressestimmen
"Mit feiner und, wenn nötig, auch verschärfter Ironie, doch nie den Pfad der Wissenschaftlichkeit verlassend, gelingt es den Autoren, den feststellbar merkwürdigen (und auch von den Nachdenkseiten immer wieder aufgegriffenen) Altersdiskurs in Politik und Medien der letzten 25 Jahre zielsicher aufzuspießen und die darin zum Teil 'auf geradezu penetrant anmutende Art und Weise' gebetsmühlenhaft runtergeleierten Plattheiten, Absurditäten und Manipulationen deutlich werden zu lassen."
Seniorenforum Würzburg, 22. Oktober 2010