Heft 5 - Oktober/November 2011

Täterpsychologie und Empathie

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Seite 1: die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit

Wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d.h. ganz so wie sonst nur mein eigenes meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde, und sogar es bisweilen in dem Grade werde, daß ich demselben mein eigenes Wohl und Wehe, diese sonst alleinige Quelle meiner Motive, mehr oder weniger nachsetze? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird ganz so wie sonst ich selbst es bin: also dadurch, daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle wie sonst nur meines und deshalb sein Wohl unmittelbar will wie sonst nur meines. Dies erfordert aber, daß ich auf irgend eine Weise mit ihm identificirt sei, d.h. daß jener gänzliche Unterschied zwischen mir und jedem Andern, auf welchem gerade mein Egoismus beruht, wenigstens in einem gewissen Grade aufgehoben sei. Da ich nun aber doch nicht in der Haut des Andern stecke, so kann allein vermittelst der Erkenntnis, die ich von ihm habe, d.h. der Vorstellung von ihm in meinem Kopf, ich mich so weit mit ihm identificiren, daß meine That jenen Unterschied als aufgehoben ankündigt. Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d.h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern und dadurch an der Verhinderung oder Aufhebung dieses Leidens, als worin zuletzt alle Befriedigung und alles Wohlsein und Glück besteht. Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Arthur Schopenhauer, Über die Grundlage der Moral, § 16, Aufstellung und Beweis der allein ächten moralischen Triebfeder

Bilder: Kohlhaas in Berlin


Christoph Schneider

Täter ohne Eigenschaften. Über die Tragweite sozialpsychologischer Modelle in der Holocaust-Forschung

Die rhetorische Figur der »Ordinary Men«, erstmals von Henry V. Dicks in seiner psychiatrischen Studie Licensed Mass Murder eher beiläufig verwendet, wurde vor allem dank Christopher Brownings herausragendem Buch über das Polizeibataillon 101 zum prominentesten Idiom der neuesten Täterforschung. Im Geleitschutz von sozialpsychologischen Erklärungsansätzen wurde mit den »ganz normalen Männern« eine empirisch belegte Handlungstheorie genozidaler Aktionen in die Holocaust-Forschung eingeführt, die jedoch auf eine tendenziell »ahistorisch-anthropologisierende Erklärung« des Mordens hinauslief. Der zentrale Begriff »Normalität« wurde dabei zur fixen anthropologischen Selbstverständlichkeit, die, obwohl sie den Diskurs maßgeblich strukturierte, weitgehend unhinterfragt blieb. (…)


Anne Kunze

»Das habt Ihr noch nicht gesehen!«. Gewaltpraxen des Novemberpogroms 1938

Der Novemberpogrom gilt als ein gut erforschtes Kapitel in der Geschichte des Nationalsozialismus. Doch versetzt die Gewalt, die sich während zweier Tage und Nächte, dem 9. und 11. November 1938, zu unbekannter Brutalität entfesselte und einen erfahrbaren Ausnahmezustand erzeugte, Historiker wie Öffentlichkeit bis heute in Erstaunen. Um die Grausamkeit der Gewalt – brennende und verwüstete Synagogen, Geschäfte und Häuser, Demütigungen, Misshandlungen und Morde an jüdischen Deutschen – zu erklären, suchte die juristische Aufarbeitung des Novemberpogroms beharrlich nach lokalen Führungspersonen, oft um ihnen die alleinige Verantwortung für das Gewaltgeschehen zuzuschreiben. Die Forschungsliteratur hat die nach 1945 entstandenen Vorlagen aus der Justiz zu großen Teilen übernommen. Aber es zeigt sich selbst bei intensivem Bemühen der Richter und HistorikerInnen um eine möglichst exakte Rekonstruktion, dass sich die verübte Gewalt nicht immer bis auf konkrete Befehle zurückverfolgen lässt. Zwar verficht die Pogromforschung großteils die These, dass die Existenz und der Auftritt von Führungspersönlichkeiten entscheidend für die Entstehung eines Pogroms sind, doch beweisen die gleichförmigen Muster der Pogrompraxen überall in Deutschland etwas anderes. (…)

Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Einleitung

Am 1. und 2. Juli 2011 veranstalteten die Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte ihre dritte Tagung. Das Thema: »Exit Options«: Krisen und Spielräume imperialer Herrschaft. Tektonische Verschiebungen, so die zugrunde liegende Überlegung, definieren historische Wendemarken und gehören seit jeher zu den spannendsten Gegenständen der Historiographie. In den Worten des Historikers D. George Boyce: »The test of any system is found when it is opposed.« Wie reagieren Groß- und Hegemonialmächte auf Herausforderungen durch Konkurrenten? Auf Krisen? Auf eine Infragestellung ihrer realen, symbolischen oder imaginierten Macht? Welche »Exits« stehen offen, welche Optionen werden geschaffen? Dergleichen Fragen drängen sich nicht zuletzt auf, weil sie weit über die unmittelbaren Akteure hinausweisen. Hegemonialmächte nehmen per definitionem auf das Leben und Zusammenleben von Dritten unmittelbar Einfluss, wenn sie es nicht gar bestimmen. Deshalb ist es gerade aus der Perspektive dieser Dritten alles andere als egal, welche Antworten Metropolen auf ihre Probleme formulieren. Es muss nicht besonders betont werden, dass wir heute am Beginn einer derartigen Zeitenwende stehen, die uns vermutlich über Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird – mit verlaufsoffener Dynamik und unabsehbaren Ergebnissen. Insofern ist eine rückwärtsgewandte Betrachtung von »Exit Options« durchaus auch von zeitdiagnostischem Interesse. Wie auch immer: Wenn wir in die Geschichte zurückblicken und im genannten Sinn nach den »Exit Options« fragen, dann führt kein Weg an Imperien als Analyseeinheit vorbei. (…)
Dierk Walter

Krisen und Spielräume. Eine Skizze zur Einführung

Claudia Weber

Krisen und Krisenwahrnehmung

Klaas Voß

Protokoll zur Tagung »Exit Options«. Krisen und Spielräume imperialer Herrschaft

Dierk Walter

Imperiale Aushandlungsprozesse

Claudia Weber

Transformation politischer Herrschaftspraxis

Bernd Greiner

Gewalt als Handlungsoption

Literatur


Steven E. Aschheim

Über die politische Ökonomie des Mitgefühls

Glaubt man dem aktuellen Trend in der evolutionären Psychologie und Neurobiologie, dann gehört das Mitgefühl oder Einfühlungsvermögen zur menschlichen Grundausstattung, ja es ist nicht einmal auf die Menschen beschränkt, sondern in unterschiedlicher Abstufung und Form auch in Teilen der Tierwelt, vor allem im Reich der Primaten anzutreffen. Obendrein verkünden Sozialwissenschaftler und Philosophen, dass wir im Zeitalter der Globalisierung die Geburt einer noch nie dagewesenen empathischen Zivilisation beobachten – in unserem globalen Dorf verwandelten wir uns alle in mitfühlende Akteure. Diese Befunde, so die wunderbare Nachricht, laufen auf nicht weniger als eine Revision des gewöhnlichen Hobbes’schen Bilds vom Menschen als egoistisch, materialistisch und streitlustig hinaus. Die Menschheit, lautet jetzt die Gegenthese, ist auch eine kooperative, oft selbstlos großzügige, in der Tat mitfühlende Gattung. Nach diesem Verständnis zivilisierenden Fortschritts werden ältere, primitiv gruppenbezogene Loyalitäten von einem nachaufklärerischen Universalismus abgelöst, der empathische Beziehungen hervorbringt und den Ideen von Würde und Menschlichkeit zum Durchbruch verhilft. Die 1960er und 1970er Jahre, behauptet Jeremy Rifkin, hätten in der entwickelten Welt »zur größten Empathiewelle in der Geschichte der Menschheit geführt«. Für ihn gilt: »Wenn wir davon sprechen, dass wir uns zivilisieren, dann meinen wir in Wirklichkeit, dass wir mitfühlen.« Betrachtet aus dem eher bodenständigen Gesichtswinkel, den zumindest ich vertrete, erscheint diese verallgemeinernde Sichtweise als äußerst rosig eingefärbt. Das Mitgefühl mag ja durchaus biologisch und bis zu einem gewissen Grad kulturell fundiert sein, doch was seine gruppenübergreifenden, kollektiven Ausdrucksformen anlangt, entgeht uns mit seinen jüngsten Deutungen vielleicht gerade jenes Charakteristikum, das es historisch ausgezeichnet hat und bis auf den heutigen Tag prägt, die Tatsache nämlich, dass Empathie gemäß eines weiten Spektrums kultureller, ideologischer, religiöser, rassischer, ethnischer, nationaler, geographischer oder sonstiger interessegeleiteter Faktoren politisch strukturiert, kanalisiert und dirigiert, ermutigt oder gehemmt wird. (…)

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Aus der Protest-Chronik

Oktober 1966
Am Aldwych Theatre in London wird ein Stück uraufgeführt, das sich gegen den Vietnamkrieg richtet und seiner provokativen Formen wegen schlagartig heftigste Reaktionen auslöst. Es trägt den ebenso kurzen wie doppelsinnigen Titel »US«. Offenbar gibt er zu verstehen, dass die Vorgehensweise des US-Militärs in Vietnam nicht nur das Problem der Amerikaner, sondern jedes Zeitgenossen sein sollte. Darsteller sind die Schauspieler der legendären Royal Shakespeare Company. Und Regisseur ist der 41-jährige Peter Brook, Sohn russisch-jüdischer Immigranten, der schon mit 21 Jahren für Aufsehen sorgte, als er das Shakespeare-Festival in Stratford- upon-Avon organisierte. Seine vornehmste Aufgabe sieht er darin, den Zuschauer mit Sätzen aufzustören, die aus dem Munde einer Schauspielerin, die eine moderne Kassandra verkörpert, etwa so klingen: »Hunde sollen auf englischem Rasen mit einer abgerissenen Hand spielen, und auf englische Blumenausstellungen sollen Napalmbomben fallen.« (…)