Heft 5 - Oktober/November 2012

Dienst am Gemeinwohl

€ 9,50 Print

Weitere Hefte zu "Arbeit"

Seite 1: »ein bisher nicht gesehener Charakter des Lebens«

» – es deckt einen Zug an dieser Manneswelt auf, der konsequent aus dieser Anlage hervorgeht: daß sie als eine Welt des Spiels, beherrscht von Spielregeln und dem obersten Gesetz der Fairneß, auf Wiederholbarkeit, auf den ›new deal‹ der Chancen angewiesen ist. Die Enttäuschung des alternden Mannes gründet darin, daß in diesem Spiel nur einmal gegeben wird und man immer zu wenig Trümpfe hat. Das Leben wird für ihn zum Inbegriff dessen, was man hätte tun können; es ist wesentlich so, dass man es noch einmal leben müßte, weil man das, als unvermerkte Voraussetzung eines ›Spiels‹, immer erwartet hatte. Ist das ein faires Spiel, in dem nur einmal gespielt wird und alles an dem Zufall dieser einen Konstellation hängt? Oder zeigt sich da ein bisher nicht gesehener Charakter des Lebens, ein Einmaliges, nicht Zurückfordendes, dem ›Spielregeln‹ überhaupt inadäquat sind?«
Hans Blumenberg, »Die Peripetie des Mannes. Über das Werk Ernest Hemingways«, in: Hochland, 48. Jahrgang, Februar 1956, S. 230

 


Bilder: Riskante Spiele


Berthold Vogel

Schrumpfende Zukunft. Warum sich die Soziologie für öffentliche Dienstleistungen interessieren muss

In Zeiten ihrer Verknappung und ihrer fiskalischen wie normativen Problematisierung kehren die öffentlichen Dienstleistungen in das Bewusstsein der europäischen Gesellschaften zurück. Die Hintergrundselbstverständlichkeit eines funktionsfähigen arbeitenden Staates, der für sozialen Ausgleich und finanzielle Entschädigung sorgt, der wirtschaftliche Daseinsvorsorge und technische Infrastruktur garantiert, geht verloren. Die »zweite Natur« des modernen, industriegesellschaftlich geprägten Lebens – die für die Allgemeinheit erbrachten Leistungen und Dienste – werden mehr denn je zur politischen Verteilungsfrage. Hier geht es nicht mehr nur um soziale Sicherung oder Rentenzahlungen, es geht auch um die staatlich verbürgte und rechtlich garantierte Verfügbarkeit von Wasser, Strom und Mobilität. Es geht um den Staat als Investor und Arbeitgeber. Wer stellt zu welchen Bedingungen für welche gesellschaftlichen Gruppen öffentliche Dienstleistungen bereit? Welchen Preis ist hierfür die Gesellschaft bereit zu zahlen? Das sind konkrete Fragen, die sozialstrukturelle Konsequenzen für die Architektur der sozialen Klassenverhältnisse im Allgemeinen und die Komposition der Mittelschichten im Besonderen haben. (…)

Weitere Beiträge von Berthold Vogel


Franz Schultheis

Im Dienste öffentlicher Güter. Eine feldtheoretische Annäherung

Will man die Realitäten der gesellschaftlichen Welt verstehen, so muss man sie nach Max Weber in ihrem »So-und-nicht-anders-Gewordensein« begreifen. Für unsere Frage nach den Besonderheiten von »öffentlichen Gütern« und »öffentlichem Dienst«, den mit ihnen verbundenen Akteuren und ihrem spezifischen Ethos, heißt dies, dass eine soziogenetische Betrachtungsweise am Anfang stehen muss. Also ist die Frage nach den soziohistorischen Möglichkeitsbedingungen eines solchen Phänomens zu stellen. Die Ausarbeitung solcher historischen Rekonstruktionen wurde von Max Weber selbst auf richtungsweisendem Weg beschritten, andere Autoren wie Norbert Elias und jüngst Pierre Bourdieu haben seine Positionen und Perspektiven weiterentwickelt. Wir werden in einem ersten Schritt versuchen, diese soziogenetischen Rekonstruktionen auf notgedrungen holzschnittartige und kondensierte Weise zu resümieren. In einem zweiten Schritt wird es darum gehen, der Frage nach den soziologischen Spezifika des sogenannten öffentlichen Sektors, seinen besonderen Gütern, Logiken und Akteuren mittels der Bourdieu’schen Kategorien »Feld«, »Kapital«, »Habitus« und »Illusio« nachzugehen. (…)

Weitere Beiträge von Franz Schultheis


Jörg Flecker, Christoph Hermann

Die »große Transformation« öffentlicher Dienstleistungen. Materielle und symbolische Folgen für Arbeit und Beschäftigung

Öffentlichen Dienstleistungen ist gemein, dass sie im Interesse der Allgemeinheit erbracht werden und dass sie mit spezifischen Verpflichtungen auf das Gemeinwohl verknüpft sind (Ambrosius 2008:527). Das Ausmaß und die Organisation öffentlicher Dienstleistungen variieren aber von Land zu Land und verändern sich über die Zeit. In historischer Perspektive lassen sich Gesellschaftsformationen danach unterscheiden, in welchem Ausmaß das, was auch als »Daseinsvorsorge« bezeichnet wird, jeweils von der Familie, der Gemeinde, den Kirchen, den Zünften, dem Staat oder dem Markt angeboten wurde (siehe den Beitrag von Schultheis in diesem Heft). Damit verknüpft sind die Ansprüche, die Bürger Innen in Bezug auf öffentliche Dienstleistungen geltend machen.T. H.Marshall weist mit seinem Citizenship-Konzept darauf hin, dass seit dem 20. Jahrhundert soziale Rechte, wie etwa auf Bildung und Gesundheit, die in früheren Phasen erworbenen bürgerlichen und politischen Rechte ergänzen (Marshall 1950). Damit wurde soziale Ungleichheit nicht nur eingedämmt, sie änderte auch ihre Form. (…)

Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Polarized Politics. Tagungsbericht

»Polarized Politics« – The United States in the Age of »Tea Party« and »Occupy Wall Street« lautete der Titel der siebten Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte, die am 11. und 12. Mai 2012 stattgefunden haben. Wenige Monate vor der amerikanischen Präsidentenwahl waren Historiker, Sozialwissenschaftler und politische Kommentatoren aus den USA und Deutschland nach Berlin gekommen, um über die gegenwärtige Verfasstheit der amerikanischen Politik wie über die Wirkmächtigkeit sozialer und politischer Bewegungen in den Vereinigten Staaten nachzudenken. Anlass für diese Diskussion boten nicht zuletzt die »Tea Party« und »Occupy Wall Street« – zwei »Graswurzel«-Bewegungen, die in unterschiedlicher Weise die politische Selbstblockade in den USA abbilden. (…)
Vanessa Williamson

Tea Party. Die Erneuerung des Republikanischen Konservatismus

Im ländlichen Virginia klärte mich ein Mitglied der Tea Party – Rentner, ehemaliger Unternehmer, Kriegsveteran und Waffenaktivist – darüber auf, wie man eine Bewegung organisiert: »Das steht alles schon bei Saul Alinsky.« Wahrscheinlich würde es den linken Bürgerrechtler Alinsky, Begründer des community organizing, überraschen, dass dieser konservative Republikaner seinen Klassiker Rules for Radicals gelesen hat. Und doch tauchte Alinskys Regelwerk in meinen Interviews mit Mitgliedern der Tea Party aus dem ganzen Land ständig auf. Von Graswurzel-Kampagnen bis zur gezielten Übernahme von Ortsverbänden der Republikanischen Partei – die taktischen Anregungen für ihre Aktionen bezogen die Tea-Party-Aktivisten von den Helden der Linken. Das wirft eine interessante Frage auf: Was ist, einmal abgesehen von Parteizugehörigkeiten, eigentlich von der Mobilisierung durch die Tea Party zu halten? Ist ihr Aktivismus in Zeiten der Super-Pacs nicht ein gutes Zeichen für die amerikanische Demokratie? (…)
Charles Postel

Occupy. Die Wiederkehr des amerikanischen Populismus

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts überwanden die Revolutionierung der Telekommunikation und die Dampfkraft, wie es Thomas Edison formulierte, Raum und Zeit. Sie ermöglichten neue Formen der Organisation und Zentralisierung in ungeahnter Größenordnung. Die neuen Technologien kamen in den Vereinigten Staaten zu einer Zeit auf, die Mark Twain auf den Namen »Gilded Age« taufte, das vergoldete Zeitalter. In ihm wuchs die Macht der Konzerne exponentiell, einige wenige Unternehmensführer häuften ungeheure Vermögen an, nervöse Finanzmärkte und Börsenkrisen forderten verheerende Tribute, und die Gesellschaft zeigte sich durch eine beispiellose Kluft ökonomischer Ungleichheit gespalten. Auf diese tief greifenden, für sie teils bedrohlichen Umwälzungen reagierten Farmer, Arbeiter und Bürger mit der Populistischen Bewegung der 1890er Jahre, der größten Herausforderung an die Macht der Konzerne in der amerikanischen Geschichte.
In den vergangenen dreißig Jahren haben wir eine weitere Revolution der Telekommunikation erlebt, einen neuerlichen Machtzuwachs der Unternehmen und eine sich krisenhaft verschärfende Ungleichheit. (…)

Aaron Sahr

Häuser, Händler und Helden. Über Kreditgeld, die Eurokrise und »Monopoly«-Politik

Das Gesellschaftsspiel »Monopoly«, eingetragenes Warenzeichen von Hasbro Inc., ist so etwas wie ein Symbol der gegenwärtigen Krise. Allerdings nicht, weil es die vermeintliche Wurzel allen Übels, die ungehemmte, also auch moralfreie Profitgier, sozusagen nackt auf die Bühne bringt, sondern weil es die problematischen Strukturen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems gerade nicht abzubilden vermag. Tatsächlich steht das Spiel für eine gut eingespielte Fehldeutung der sozialen Wirklichkeit, die der Revision bedarf. »Monopoly« gilt als das meistverkaufte Gesellschaftsspiel der Welt. Seit fast einhundert Jahren wird um die besten Plätze für Häuser und Hotels gerungen, werden Bahnhöfe erworben und Mitspieler in den Bankrott getrieben. Betrachtet man das weltweit verbreitete Spiel einmal nicht als erfolgreiche Marke, sondern als kulturellen Text, so ist dem Spiel und seinen Dramen eine Grundthese zur Ökonomie eingezeichnet. Ihr zufolge ist die Wirtschaft ein Markplatz, der Ort des Tausches, auf dem das Geld lediglich als Vermittler wirkt. (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Aaron Sahr


Maria S. Rerrich

Migration macht Schule. Herausforderungen für Care in einer rumänischen Gemeinde

Viele Frauen aus weniger wohlhabenden Ländern arbeiten in den privaten Haushalten Westeuropas als Haushaltshilfen sowie in der Kinder-, Kranken- und Altenversorgung. In Deutschland sind es heute oft Migrantinnen oder Pendelmigrantinnen aus den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas, die im so genannten häuslichen Care-Bereich beschäftigt sind. Ihre Geldüberweisungen stellen eine wichtige Einkommensquelle für die in der Heimat gebliebenen Angehörigen und Herkunftsgemeinden dar.
Ansonsten weiß man noch wenig Differenziertes über die Konsequenzen des westeuropäischen »care drain« (Hochschild 2002) sowie generell über die Auswirkungen aktueller Wanderungsbewegungen für die Herkunftsgemeinden, obwohl für diese erhebliche Herausforderungen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu vermuten sind. (…)
Welche Auswirkungen haben Migration und Mobilität auf Care in den Herkunftsländern der Migrantinnen? Das war die Ausgangsfrage einer Pilotstudie, die mich im Herbst 2011 für einen sechswöchigen Aufenthalt in eine von Migration geprägte Gemeinde in Rumänien geführt hat und über die im Folgenden berichtet wird. (…)

Weitere Beiträge von Maria S. Rerrich


Aus der Protest-Chronik

16. Oktober 1968
Das in West-Berlin seit langem erwartete Konzert der als »radikalste Underground-Band der USA« deklarierten Rockformation Mothers of Invention steht unter einem unglücklichen Stern. Denn am Nachmittag suchen mehrere Mitglieder der Kommune I die im Nobelhotel Kempinski logierenden Musiker auf, um sie für einen agitatorischen Zweck zu gewinnen. Sie sollen die Konzertbesucher während des abendlichen Auftritts dazu auffordern, das Gefängnis Moabit mit dem Ziel zu stürmen, einen dort einsitzenden Genossen zu befreien. Doch lehnt Frank Zappa, der in den Medien gerne als Anarchist apostrophierte Bandleader, das Ansinnen der Kommunarden mit großer Entschiedenheit ab. Die Zeit sei, so gibt er zu bedenken, für eine wirkliche Revolution längst noch nicht reif. Außerdem würde eine solche Aktion nicht zur »Befreiung« eines Häftlings, sondern allenfalls dazu führen, dass sich die An zahl der Gefängnisinsassen vergrößern werde. (…)