Heft 5 - Oktober/November 2013

Soziale und andere Beziehungen

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Seite 1: »die Einheit des Menschengeschlechts«

»Erst die Zivilisation hat dem Menschen die Einheit des Menschengeschlechts zum Bewusstsein gebracht und ihm gleichsam offenbart, dass ihn auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein Band der Blutsverwandtschaft verbindet.«

Alexander von Humboldt, Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents [1814–1831], hrsg. von Ottmar Ette, Bd. 2., Frankfurt am Main 1991, S.1135


Bilder: zoon politikon


Martin Bauer

Editorial

In der Welt der Erzeugung von und Verständigung über Wissen stellt das Collège de France eine weltweit einzigartige Institution dar. Seit den Tagen seiner Gründung in der Mitte des 16. Jahrhunderts hat es sich unter dem heute an seinem Giebel prangenden Motto .omnia docet. zum akademischen Olymp Frankreichs entwickelt. Dort wird nicht nur .alles gelehrt, sondern natur- und geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung in der programmatischen Absicht betrieben, Wissen im Zuge seiner Verfertigung zu vermitteln. Und vermittelt wird es nicht etwa fest eingeschriebenen Studierenden, sondern einem Publikum, das nach eigenem Gutdünken und ohne irgendwelche Zugangsbeschränkungen an Vorlesungen teilnimmt, in denen die gegenwärtig 54 Inhaber eines Lehrstuhls ihre jeweils aktuellen Forschungen öffentlich machen.
Wer auf einen Chaire an der Pariser Institution berufen wird, erfährt die prestigeträchtige Krönung seines Gelehrtenlebens. Dabei schreibt die mächtige Tradition des Collège der Antrittsvorlesung eines neuen Lehrstuhlinhabers größte Bedeutung zu: Sie hat, den ungeschriebenen Gesetzen gehorchend, die Titulierung des Lehrstuhls in einem Argumentationsgang zu begründen, der zugleich den historischen Ort des Wissens situiert, das zu erzeugen und zu verbreiten Auftrag des neu gewählten Kollegiaten ist. Der so gestellten Aufgabe hat sich Philippe Descola, seit 2001 Inhaber des Lehrstuhls für die .Anthropologie der Natur. und als solcher Nachfolger seines Lehrers Claude Levi-Strauss, in mustergültiger Form entledigt. Wir sind ihm zu größtem Dank dafür verpflichtet, dass er uns die Rechte zur erstmaligen Veröffentlichung seiner Antrittsvorlesung in einer deutschen Übersetzung überlassen hat. Ihre Publikation nehmen wir zum Anlass, im Themenschwerpunkt dieser Ausgabe ein Dossier zu präsentieren, das in Descolas bemerkenswerte Forschungen einführen soll. Die Anregung dazu ist von Tanja Bogusz ausgegangen, der deshalb nachdrücklich zu danken ist. Ihr Gespräch mit dem französischen Ethnologen und der erhellende Artikel, den sie zu dem beigesteuert hat, verdeutlichen, warum Descolas anthropologische Sondierungen als eine originäre Fortschreibung der strukturalen Anthropologie ernst zu nehmen sind. Sie verdichten sich insgesamt zu einer genuin sozialwissenschaftlichen Herausforderung eingespielter Unterscheidungsgewohnheiten, die konstitutiv für das naturalistische Selbstverständnis der Moderne sind. Insofern darf Descolas Werk im Wortsinne fundamentale Bedeutung beanspruchen.

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Philippe Descola

Wahlverwandtschaften. Antrittsvorlesung am Lehrstuhl für die Anthropologie der Natur, Collège de France, 29.März 2001

Sehr geehrter Herr Verwaltungsleiter, verehrte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren – die Episode, die in unser Thema hineinführen soll, so wenig denkwürdig sie streng genommen ist, spielt ganz wie heute in den letzten Märztagen, freilich in denen des Jahres 1800. Am 31. jenes Monats fuhr Alexander von Humboldt den Rio Apure hinunter, der sich durch die Llanos-Landschaft in Venezuela zieht, und erfreute sich des Anblicks einer außergewöhnlich vielfältigen, noch nicht zivilisationsgeschädigten Natur. Da entfährt es dem
christianisierten Indio, der seine Piroge steuert: »Es como en el Paraiso« (»Es ist wie im Paradies«). Doch glaubt der Gelehrte weder an den guten Wilden noch an die unschuldige Harmonie einer ursprünglichen Welt; sein Reisejournal hält vielmehr fest: »Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, dass Sanftmut und Stärke selten beisammen sind.« Eine fast schon triviale Feststellung des Naturforschers und Ethnographen, der durch Schulung und Veranlagung einen ausgeprägten Sinn für die Abhängigkeiten zumal innerhalb der Nahrungskette hat, durch die die Organismen in einem tropischen Ökosystem miteinander verbunden sind, und der wenig geneigt ist, in den Bewohnern dieser Landstriche die idealisierten Relikte einer paradiesischen Vergangenheit zu erblicken. Zur damaligen Zeit handelt es sich jedoch um einen neuen Befund. (…)

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Tanja Bogusz, Philippe Descola

Auf der Suche nach der Gesellschaft. Ein Gespräch

Tanja Bogusz: Um Ihre Arbeit für die deutschen Leser nachvollziehbarer zu machen, würde ich Sie gerne nach den Grundthemen fragen, die Sie veranlasst haben, Jenseits von Natur und Kultur zu schreiben. Auf welche Probleme, Widersprüche und Debatten nahmen Sie im damaligen französischen Kontext Bezug, was wollten Sie anders machen?

Philippe Descola: Für den deutschen Leserkreis ist es wahrscheinlich wichtig, den spezifischen Charakter der französischen Anthropologie zu betonen, die eng an den philosophischen Debatten orientiert ist. Seit Durkheim und bis auf den heutigen Tag durchlaufen die französischen Soziologen und Anthropologen häufig eine philosophische Ausbildung. Also betreiben sie Soziologie und Anthropologie, indem sie philosophische Fragen an ihr empirisches Material herantragen. Ich denke, daraus resultiert ein signifikanter Unterschied im Vergleich zu Deutschland, wo es zwar eine philosophische Anthropologie gibt, die eher theoretisch ausgerichtet ist, und eine ethnologische Sozialanthropologie, die empirisch verfährt, ihrerseits aber ganz losgelöst von den großen konzeptuellen Fragen vorgeht, mit denen die französische Anthropologie ringt.
Diese Verbindung von Philosophie und Feldforschung ist wichtig, will man die französische Anthropologie verstehen. Sie kennzeichnet auch meine eigene Arbeit, denn auch ich bin von Haus aus Philosoph und habe mich sehr früh auf Fragen konzentriert, die sowohl die politische Philosophie als auch das philosophische Verständnis von Natur betrafen. Ausgehend von den Theoretikern des »contrat social« interessierte mich das Problem, welche Rolle die Natur im politischen Denken Europas eigentlich gespielt hat und später dann im Kontext der materialistischen und idealistischen Philosophien des neunzehnten Jahrhunderts, das heißt bei Hegel oder Marx. Diese Problemstellungen haben mich intellektuell geprägt. (…)

Weitere Beiträge von Tanja Bogusz, Philippe Descola


Tanja Bogusz

Dekolonisierung des Denkens. Was wir von Descola lernen

Kommen wir zur Sache. Nach zwei Jahrzehnten der »turns«, ob sie nun das Attribut »cultural«, »practical« oder »pragmatic« trugen; nach drei Jahrzehnten korrespondierender »studies«-Bewegungen mit den Zusätzen »cultural«, »gender« oder »science & technology«; nach den Wellen des Postkonstruktivismus, des Poststrukturalismus, ganz zu schweigen von der Postmoderne selbst, scheint der Fragmentierungs- und Provinzialisierungsprozess in den Sozial- und Geisteswissenschaften seinen Zenit überschritten zu haben. Ausgerechnet die radikalsten Kritiker der soziologischen Klassiker und ihrer essenzialistischen Residualkategorien, die Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie und einer ihrer prominentesten Denker, Bruno Latour, proklamieren nun eine neue Wende, die womöglich alle anderen in den Schatten stellt – den »ontological turn«. »Warum kleine Brötchen backen, wenn man auch große backen kann?«, fragt Latour sinngemäß in seinem jüngsten chef d’oeuvre, das nichts Geringeres als eine Untersuchung von Existenzweisen bietet, die auf eine anthropologische Metaphysik der Modernen hinauslaufen soll. (…)

Weitere Beiträge von Tanja Bogusz


Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Sönke Neitzel

Der Westen und die Neuen Kriege

Das Ende des Kalten Krieges markierte zwar nicht das Ende der Geschichte, aber doch das Ende einer Ära. Nicht alles nach 1990 war und ist neu. Dennoch verbindet sich mit dieser Jahreszahl unzweifelhaft ein Paradigmenwechsel. Dies gilt insbesondere für die europäische Sicherheitspolitik, deren politischer, juristischer und öffentlicher Rahmen sich grundlegend veränderte. Größe, Auftrag, Struktur und Ausrüstung der Streitkräfte, die einst geschaffen wurden, um in Mitteleuropa große Panzerschlachten zu schlagen, mussten den neuen Anforderungsprofilen hochmobiler Krisenreaktionskräfte angepasst werden.
Die out-of-area-Einsätze haben das wiedervereinigte Europa gezwungen, sich mit seiner eigenen sicherheitspolitischen Identität auseinanderzusetzen und mit den Fragen, wofür und wie man künftig Krieg führen wolle. Während des Kalten Krieges gab es darüber nicht viel zu diskutieren. Das Kriegsbild erschien ebenso klar, wie die Rollen von »gut« und »böse« eindeutig verteilt waren. Zudem blieb alles Theorie, die hochgerüsteten Armeen mussten nicht kämpfen. Gewiss gab es auch nach 1945 noch zahlreiche Kriege – man denke nur an Korea, Indochina/Vietnam oder Algerien. Doch selbst für die alten Kolonialmächte begann in den 1960er Jahren eine Phase der militärischen Enthaltsamkeit. Dies galt sowieso für Italien, Spanien, Deutschland und die skandinavischen Länder. Sie alle unterhielten für ihre Verhältnisse hochgerüstete Armeen, die auf den Ernstfall warteten, mit dem aber niemand wirklich rechnete. (…)

Jan Philipp Reemtsma

Brachiale soziale Gestaltung

Als er Platz nahm, umringten ihn die Verschwörer so, als ob sie ihm ihre Aufwartung machen wollten, und sofort nahm Cimber Tullius, der die erste Rolle übernommen hatte, mit ihm Tuchfühlung auf, so als wolle er ihn um etwas bitten. Als Caesar aber abwinkte und ihn mit einer Handbewegung auf ein anderes Mal vertröstete, packte Tullius ihn an beiden Schultern an der Toga; Caesar schreit: »Das ist ja Gewalt!« Da verwundete ihn einer der beiden Casca von hinten knapp unterhalb der Kehle.
Sueton, Die Kaiserviten

»Das ist ja Gewalt!« – der Übergriff auf einen Körper ohne Einwilligung, nicht erlaubt oder gar geboten in diesem Falle, sondern verboten. Dem einen der Tod, anderen Hoffnung auf Ergreifen der Macht und besseres Leben im Staat, wieder anderen Katastrophe für den Staat, für sie selbst Gefahr, vielleicht Tod. Und manches mehr. An definitorischen Einkreisungen des Begriffs Gewalt herrscht kein Mangel. Hier soll die Festlegung »physischer Übergriff« ausreichen. Über Gewalt (in diesem Sinne) reden die Kriminologie, die Pädagogik, die Militärsoziologie und andere Disziplinen mehr, oft ohne diesen Begriff – zumal bezogen auf das Verhältnis seiner normativen und analytischen Implikationen – zureichend theoretisch zu fassen. Die Tendenz der Soziologie, über Gewalt zu schweigen, habe ich andernorts pointiert. Es ging dabei nicht um eine Bestandsaufnahme der Forschungslandschaft, sondern um die Frage, wie diese unbestrittene Vagheit der Theoriebildung verstanden werden kann. Ich will im Folgenden keine Überlegungen dazu anstellen, wie sich dieser theoretische Missstand weiterhin beheben ließe, sondern vorfuhren, dass man über Gewalt als brachiale soziale Gestaltung reden kann und, wie ich meine,
auch reden sollte. (…)

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Aus der Protest-Chronik

23. August 1989
Sich an den Händen zu fassen oder die Arme unterzuhaken, stellt eine elementare, unmittelbar körperliche Form des Miteinanders, der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung dar. Indem sich Mitglieder einer Gruppe, Organisation oder Bewegung, Bewohner eines Ortes oder Angehörige einer Nation auf diese Weise miteinander verbinden, bilden sie eine Kette. In dieser Menschenkette soll die Kraft der Einzelnen zusammengeführt werden und eine überindividuelle Gestalt annehmen. Sich zu einer Kette zu formieren, kann einem ganz praktischen Zweck dienen wie etwa dem, im Falle eines Brandes Wassereimer von einer Hand zur nächsten weiterzureichen. Wird die Menschenkette aber als Mittel des politischen Protests eingesetzt, so steht die Symbolkraft im Vordergrund, die der körperlichen Verbindung der Teilnehmer innewohnt. Doch auch in diesem Fall gilt: Eine Kette besteht nur so lange, wie sie keine Unterbrechungen aufweist; das Fehlen auch nur eines einzigen Gliedes stellt streng genommen das Ganze in Frage. Nur in ihrer Geschlossenheit bezeugt sie eindrucksvoll Einheit und Solidarität. Kurzum: Die Kette darf nicht reisen.
Die Demonstrationsform der Menschenkette birgt daher immer ein gewisses Risiko des Scheiterns. Je weiter die Kette reichen soll, desto schwieriger wird es, ein geschlossenes Band des Protests zu gewährleisten. (…)