Heft 5 - Oktober/November 2014

Politische Tiere

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Seite 1: »sie bilden sich was Großes ein…«

Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen. Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter verstehen, aber soviel ist gewiß, daß, wenn, wie ich es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anders heißt als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. – Ich glaube überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie.

E.T.A. Hoffmann
Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern Berlin 1994 [1820/21], S. 14.

Bilder: Ähnlichkeiten

© aus: Camille Flammarion, Le Monde avant la création de l’homme, Paris 1886, Buch VI.
Für den Hofmaler des Sonnenkönigs eine Frage des zeichnerischen Blicks und der Kunstfertigkeit:
Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind gradueller Natur.


Christina Müller

Editorial

Wie kommen Tiere in den Mittelweg ab? Ist das nicht eine ungewöhnliche Themenstellung für eine Zeitschrift, die ihren Blick in aller Regel auf soziale Konflikte und Ungleichheiten sowie auf Krieg und Gewalt richtet? Aber spielt denn Gewalt in unseren Beziehungen zu Tieren keine  Rolle, etwa wenn eine Legehenne auf allerengstem Raum mit Tausenden Artgenossinnen Zusammengepfercht wird? Und muss man nicht von eklatanter Ungleichheit sprechen, wenn ein Rind dazu bestimmt ist, eines Tages geschlachtet und verspeist zu werden, während seine Besitzerin durch Gesetze und Polizei vor derartigen Übergriffen geschützt wird? Man mag spontan einwenden, ein solcher Vergleich sei abwegig und unstatthaft, doch genau um die Klärung derartiger Fragen geht es, sobald die Rechte von Tieren zum Thema werden.
Faktisch sind Tiere Teil unserer Gesellschaft, auch wenn wir sie nur als Nahrungslieferanten, lästige Parasiten oder Spielzeuge betrachten. Allein in Deutschland leben 31 Millionen Haustiere, zwei Drittel davon sind Hunde und Katzen; hinzu kommen circa 12 Millionen Rinder, 28 Millionen Schweine und 35 Millionen Legehennen, um nur die größten Gruppen der sogenannten Nutztiere aufzuzählen. All diese Lebewesen bilden zusammengenommen nur einen kleinen Teil der bundesrepublikanischen Tierwelt, doch sind sie zumindest zahlenmäßig der hiesigen Wohnbevölkerung überlegen. Sich das soziale Leben der Bundesrepublik ohne sie – also nicht nur ohne ihr Fleisch, ihre Eier und ihre Milch, sondern auch ohne Blindenhunde, Polizeipferde
oder für die medizinische Forschung benötigte Labortiere – vorzustellen, ist schlicht unmöglich. (…)


Sue Donaldson, Will Kymlicka

Bill und Lou in der Zoopolis. Über Tiere als Mitbürger

In unserem Buch Zoopolis haben wir eine dezidiert »politische Theorie der Tierrechte« vertreten. Wir werden unseren Standpunkt im Folgenden weiterentwickeln, auf einige kritische Einwände eingehen und uns dabei vor allem mit der neuen Idee der »Staatsbürgerschaft für Tiere« beschäftigen.
Zu Beginn möchten wir unseren Ansatz kurz im Kontext der allgemeineren Tierrechtsdebatte verorten. Eines der Ziele unseres Buches bestand darin, über eine Diskussion hinauszukommen, die sich fast ausschließlich auf den intrinsischen moralischen Status von Tieren konzentriert hat. Viele Leserinnen werden mit dieser seit nunmehr vier Jahrzehnten geführten Debatte vertraut sein, dennoch seien hier die wichtigsten Punkte in Erinnerung gerufen:
– Tierrechtstheoretikern zufolge kommt den Tieren, weil sie empfindungsfähig sind oder Bewusstsein haben, mithin ein subjektives Wohl besitzen, derjenige moralische Status zu, aus  dem sich gewisse unveräußerliche Rechte ergeben – wie das Recht auf Leben und Freiheit sowie insbesondere das Recht, nicht als ein Mittel für menschliches Wohlergehen benutzt zu werden.
– Dem wurde entgegengehalten, dass, um Träger unverletzlicher Rechte zu sein, mehr erforderlich sei als Empfindungsfähigkeit oder ein subjektives Wohl. Nötig seien angeblich höhere Vermögen, namentlich kognitive Fähigkeiten wie Rationalität, Autonomie oder moralische Urteilskraft. Folglich können nur Menschen Träger solcher Rechte sein, und sie haben aufgrund ihrer höheren Fähigkeiten auch das Recht, andere Lebewesen, die über solche Kompetenzen nicht verfügen, für ihre Zwecke zu benutzen.
– Dagegen haben andere Tierrechtstheoretiker eingewandt, dass es theoretisch willkürlich sei und zudem unserer tatsächlichen Praxis widerspreche, nur Lebewesen mit einem bestimmten Grad an kognitiver Komplexität unveräußerliche Rechte einzuräumen. (…)


Bernd Ladwig

Tierrechte ohne Staatsbürgerschaft

Sue Donaldson und Will Kymlicka wollen die Theorie der Tierrechte weitereinwickeln, indem sie Normen der Staatsbürgerschaft (citizenship), der Einwohnerschaft (denizenship) und der Souveränität auf Mensch/Tier-Beziehungen übertragen. Damit heben sie hervor, dass zwischen Menschen und anderen Tieren politisch erhebliche Beziehungen bestehen. Die bisherige Tierrechtstheorie könne zu solchen Beziehungen wenig sagen, weil sie vor allem den moralischen Status individueller Tiere zu klären beanspruche. So entgingen ihr Möglichkeiten einer gerechteren Regelung unserer Interaktionen mit anderen Tieren – wenn sie nicht überhaupt voraussetze, dass eine gerechte Welt von allen solchen Interaktionen frei wäre.
Ich selbst teile die Ausgangsidee, dass erlebensfähige nicht menschliche Tiere (im Folgenden kurz: Tiere) moralische Rechte haben. Genauer, ich teile sie nach Maßgabe einer interessenorientierten Konzeption moralischer Rechte. Ebenso finde ich es verdienstvoll, dass Donaldson und Kymlicka die Rechte von Tieren als ein Thema für die politische Philosophie erschlossen haben. Fragwürdig ist nur, wie sie dies getan haben: Die genuin politischen Begriffe, mit denen sie auf gerechte Mensch/Tier-Beziehungen abzielen, gehen an den rechtlich schützenswerten Interessen von Tieren vorbei.
Die Theorie der Tierrechte in Zoopolis, so will ich zeigen, ist in falscher Weise politisch, weil sie den Pfad einer interessenbezogenen Begründung von Rechten verlässt. Die Idee der Tierrechte selbst soll hier nicht so sehr Gegenstand als vielmehr Grundlage der Diskussion sein. Darum sei nur an das Standardargument erinnert, mit dem sie gewöhnlich gerechtfertigt wird. Die spezifische Deutung der politischen Dimension solcher Rechte durch Donaldson und Kymlicka werde ich beispielhaft hinterfragen (…)


Peter Niesen

Kooperation und Unterwerfung. Vorüberlegungen zur politischen Theorie des Mensch/Nutztier-Verhältnisses

Die politische Theorie ist ein Nachzügler, was den allgegenwärtigen animal turn betrifft. Dass sie sich über lange Zeit gegenüber Neubeschreibungen des Mensch/Tier-Verhältnisses, wie sie in Literatur und Journalismus, Kulturwissenschaften und Philosophie entwickelt wurden, abschotten konnte, verdankt sich aber gerade nicht mangelndem Innovationsgeist der Disziplin, sondern ihrer frühzeitigen umweltpolitischen Modernisierung. Indem sie seit den 1970er Jahren Fragen des Mensch/Tier-Verhältnisses in einem ökologischen, an Fragen der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen orientierten Rahmen abhandelte, blieb der politischen Theorie ein spezifischerer Zugang, der tierpolitische Fragen von allgemeineren Umweltthemen hätte abgrenzen können, zunächst versperrt. Damit folgte sie gesellschaftstheoretischen Vorgaben. Wer »gesellschaftliche Naturverhältnisse« thematisierte, schlug von der ersten Generation der Frankfurter Schule bis zu Luhmanns Ökologischer Kommunikation nichtmenschliche Tiere der Naturseite, nicht der Gesellschaftsseite zu. Auch dort, wo sie als empfindungs- und leidensfähige, mit Menschen interaktionsfähige Wesen angesehen wurden, bildeten Tiere doch gemeinsam mit den Pflanzen, den Meeren und den Meteoriten das Andere der Politik. Noch die radikale Umkehrung dieses Ansatzes, die Inklusion der Mitwelt insgesamt in eine universelle politische Gesellschaft, wie sie in Bruno Latours Parlament der Dinge angestrebt wird, illustriert, wie schwer es selbst Vertretern avancierter Gesellschaftstheorie fällt, die Herausforderung tierpolitischer Fragestellungen exakt zu bestimmen.
Die neueren Diskussionen des Mensch/Tier-Verhältnisses vereint disziplinenübergreifend ein Motiv, das Tiere von allen anderen nichtmenschlichen Existenzformen unterscheidet, nämlich dass sie als Individuen mit eigenen Ansprüchen auftreten. Sie kommen als »erlebensfähige« (Ladwig) Einzelwesen und nicht nur in ihrem kollektiven Schicksal in Betracht, sodass etwa Fragen ökologischer Nachhaltigkeit, die die Debatte vorher dominiert hatten, nun in den Hintergrund rücken. (…)


Svenja Ahlhaus

Tiere im Parlament?. Für ein neues Verständnis politischer Repräsentation

Mit ihrem Buch Zoopolis intervenieren Sue Donaldson und Will Kymlicka nicht nur in die akademische Debatte zu Tierrechten, sondern auch in einen gesellschaftlichen Diskurs, der zunehmend die Widersprüche im menschlichen Umgang mit Tieren thematisiert. Das Schlachten von jährlich vielen Millionen Schweinen, Hühnern und Rindern zum Verzehr, die Massentierhaltung auf engstem Raum ohne Tageslicht und die Tötung von Mäusen oder Affen zu Forschungszwecken sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Mensch/Tier-Verhältnisses, das auf einseitiger Nutzung, Ausbeutung und Beherrschung beruht. Gleichzeitig leben in jedem dritten deutschen Haushalt Heimtiere, die wie Familienmitglieder behandelt werden. Angesichts dieser merkwürdigen Situation wird eine gesellschaftliche Diskussion über unseren Umgang mit Tieren eingefordert, die weniger auf kleinteilige Verbesserungen von Haltungsbedingungen abzielt, als vielmehr die Grundprämisse, dass Menschen Tiere zu eigenen Zwecken nutzen dürfen, in Frage stellt.
Während an dem einen Ende des Spektrums aktueller Überlegungen zu Mensch/Tier-Beziehungen nur minimale Abweichungen vom Status quo angestrebt werden, lässt sich der von Donaldson und Kymlicka vertretene Ansatz an dessen anderem Ende verorten: Sie fordern nicht nur universelle Grundrechte für alle Tiere, sondern darüber hinaus kontextabhängige politische Rechte, je nachdem, welche Interaktions- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen bestimmten Tieren und dem Menschen bestehen. Besonders radikal ist ihre Position in Bezug auf Haus- und Nutztiere. Diese Tiere können Donaldson und Kymlicka zufolge als Staatsbürger volle Inklusion in demokratische Gemeinschaften beanspruchen. Der Diagnose, in politischen Institutionen seien »domestizierte Tiere zu unsichtbaren Wesen gemacht […] und ihre Interessen […] ignoriert« worden, folgt die Forderung, Haus- und Nutztiere politisch zu vertreten, sodass sie »an der gemeinsamen Urheberschaft von Gesetzen« mitwirken können. Das Ziel des Autorenduos ist somit die Vertretung der Interessen von Tieren als Bürger. (…)


Jan Philipp Reemtsma

»Fleisch in Fleisch begraben«. Was macht »Gewalt gegen Tiere« moralisch anstößig?

»Nos quoque pars mundi«, heißt es im fünfzehnten Buch der Metamorphosen von Ovid: »Auch wir sind ein Teil der Welt« – warum? und was bedeutet der Satz? Zunächst wiederholt er nur das Thema des ganzen Buches, nämlich die Veränderung des Einen, das Proteische des Seins. Modern formuliert und aufs Ganze gesehen besagt er zudem: there is no difference that makes a difference. – Die Geschichte ist die: Numa, der Sohn des Romulus und zweite König Roms, macht so etwas wie eine Bildungsreise. »Ihm genügt es nicht, die heiligen Bräuche des Sabinervolks zu kennen. Sein großer Geist strebt nach Höherem und sucht das Wesen der Dinge zu ergründen.« Sein Ratgeber wird Pythagoras, der Lehrer vieler, der im Gespräch eine ganze Kosmologie entwirft, den Ursprung von allem (»rerum causas«) benennt und den Zusammenhang von allem mit allem. Ovid berichtet, wie Pythagoras, »als erster« den Mund auftat »und sprach, gar weise, doch ohne Glauben zu finden, die folgenden Worte« – und dann schließt sich eine Verdammung des Tieressens an: »O welche Sünde ist’s [besser: Frevel, gar Meintat, JPR], Fleisch in Fleisch zu begraben, den Leib mit gierig verschlungenen Leibern zu mästen und vom Mord an einem anderen beseelten Wesen als denkendes Wesen zu leben!«
Diese Überzeugung gehört zur historisch überlieferten Lehre des Pythagoras (wie auch das Verbot, Bohnen zu essen), aber Pythagoras in einer so prominenten Rolle und das Thema des Vegetarismus gleich zweimal – zu Beginn und am Ende seiner Lehrrede – wuchtig auftreten zu lassen, ist eine Entscheidung des Dichters. Die Rollenrede des Pythagoras nimmt eine Passage vom Beginn der Dichtung auf, die Rede von den Zeitaltern, deren erstes als eine, wie man heute sagen würde, fruktarische Utopie geschildert wird – man habe nur gegessen, was die Erde selbst anbot, etwa Früchte, die wuchsen ohne jemandes »Zutun« (besser wohl: ohne Nötigung). Die Erde gab freiwillig, wurde nicht durch Hacke oder Pflug »berührt« beziehungsweise »verwundet«. (…)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Andreas Pettenkofer

Sakralisierung und Abweichung. Das Collège de Sociologie, Marcel Mauss und die Aktualität der Durkheim-Schule

In den Sozialwissenschaften dominieren heute Perspektiven, die sich jenem ökonomischen Rationalismus annähern, der die derzeit politisch gültige Beschreibung des Sozialen liefert. Dank ihrer Grundbegriffe können zwar diverse Einzelbeobachtungen hinterfragt werden, aber die tieferliegende Vorstellung, soziale Ordnung werde von rationalen Individuen produziert, die unter gegebenen ›strukturellen‹ Bedingungen reflektierte Entscheidungen treffen, bleibt davon unbeeinträchtigt. Der nachhaltige Irritationseffekt der Durkheim-Schule rührt daher, dass sie unter allen soziologischen Positionen wohl am weitesten von dieser Art Individualismus abweicht. Ihr Grundgedanke lautet, dass die handlungsleitenden Norm- und Wertüberzeugungen der Beteiligten ihre Entstehung und ihre Stabilität erst einer sozialen Eigendynamik verdanken, die vermittelt ist über jeweils lokale Riten und die in ihnen entstehenden Gemeinsamkeitswahrnehmungen. Als tragende Elemente sozialer Ordnung – und nicht nur als Störungen – begreift sie auch die starken Affekte, die in solchen Situationen entstehen. Durkheims Religionssoziologie von 1912 spitzt das zu, indem sie sich von jener evolutionistischen Sicht, der die zeitgenössischen Sozialwissenschaften ansonsten folgen, endgültig abwendet: Ausgehend von einer Analyse religiöser Praktiken australischer Wüstenbewohner will Durkheim zeigen, warum auch die Ordnung moderner, säkular erscheinender Gesellschaften auf Sakralisierungen aufruht. (…)

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Aus der Protest-Chronik

17. November 1973
Die seit sechseinhalb Jahren in Griechenland regierende Militärjunta gerät durch oppositionelle Studenten am Polytechneion in  Athen erstmals ernsthaft in Bedrängnis, als die Studierenden ihre Universität besetzen, um zum Sturz der Diktatoren aufzurufen. Dass die Zeichen tatsächlich auf Sturm stehen, hatte sich bereits einige Tage zuvor bei einem Gottesdienst abgezeichnet. Während führende Politiker aus der Vor-Junta-Ära in der Kathedrale der Hauptstadt eine Gedenkfeier zu Ehren des fünf Jahre zuvor verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou (1888–1968) abhielten, versammelten sich Tausende von Menschen vor dem Gotteshaus.
Sie skandierten regimekritische Parolen und setzten einen Protestmarsch Richtung Stadtzentrum in Gang. Vergeblich versuchte die Polizei, die protestierende Menge zu zerstreuen. Die Demonstranten reagierten mit Steinwürfen und errichteten sogar einzelne Barrikaden zum Schutz gegen die Übergriffe der Ordnungskräfte. (…)

Weitere Beiträge von Wolfgang Kraushaar