Heft 6 - Dezember 2008/Januar 2009

Protestkultur 1968

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Weitere Hefte zu "Protest"

Dokumente: Streitkultur 1968


Wolfgang Kraushaar

Ein Seminar im Brennspiegel der Ereignisse


Jens Hacke

Wir-Gefühle. Repräsentationsformen kollektiver Identität bei Jürgen Habermas

Größeren Kollektiven Identität zuzuschreiben ist keine einfache Operation, denn wie soll man deren Unverwechselbarkeit im Unterschied zu anderen benennen, ohne sich grober Verallgemeinerungen zu bedienen? Anders als die Identität einer Person lässt sich »kollektive Identität« auch nicht objektivieren; sie ist in viel stärkerem Maße von Zuschreibungen, geteilten Meinungen und Konstruktionsleistungen abhängig. Trotzdem haben sich in der Moderne, im Zeitalter des klassischen Nationalstaats, bestimmte Paradigmen etabliert, anhand derer die Integration von politischen Gemeinschaften, i.e. Staatsnationen, bestimmbar schien: Ethnie, Religion, Tradition, Geschichte. Es ist umstritten, inwiefern die Paradigmen des klassischen Nationalstaats heute noch Gültigkeit besitzen. Sowohl die konservative Kulturkritik der Nachkriegszeit, die die uniforme »geschichtslose Massengesellschaft« überall auf dem Vormarsch sah, als auch die Sozialtheorien seit den 1960-/70er Jahren haben ihre Zweifel an der Relevanz beziehungsweise der Möglichkeit kollektiver Identität angemeldet. Luhmanns Denkfigur einer »Weltgesellschaft« am Anfang der 1970er Jahre schließt die Kontinuität alter Identitätsmuster in gewisser Weise aus. (…)

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Literaturbeilage

Alfons Söllner

1968 - Eine Nachlese

Lässt man die medialen und publizistischen Neuigkeiten Revue passieren, mit denen im auslaufenden Jahr das 40-jährige »Jubiläum« von »1968« begangen wurde, dann kann man Zweifel anmelden, ob die Kinder des 21. Jahrhunderts tatsächlich schon begonnen haben, »das Jahr 1968 so zu lernen wie wir das Jahr 1848«. Diese zeitgenössische Prognose aus einem Brief von Hannah Arendt an Karl Jaspers, die sich beinahe reflexhaft in jeder Publikation über das Thema findet, hätte ja nur eine Realisierungschance, wenn sich so etwas abzeichnen würde wie ein methodischer oder wenigstens ein didaktischer Prozess, eine unstrittige Lerngeschichte, die Wichtiges vom Unwichtigen, das Gute vom Bösen scheidet und so ein abgewogenes Urteil auf den Weg bringt. Zwar ist allenthalben, auch auf dem Aktualitätskarussell der Medien, von der Dringlichkeit der Dokumentation die Rede – und dies macht zumindest »biologisch« Sinn, weil die Aktivisten von damals ins Rentenalter eingetreten sind –, doch hat das Postulat der »Historisierung« seit dem berüchtigten »Historikerstreit« nichts Beruhigendes mehr an sich. Jedenfalls zeigt, wie das damalige Streitobjekt, der Nationalsozialismus, so auch die Erinnerung an die Generation, die zu seiner endgültigen Bewältigung ausgezogen war, dass auf jeder Stufe der historischen Distanzierung sich ein neues Vexierbild aufdrängt. Seine Enträtselung ist ohne Polemik nicht zu haben.  (…)

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Ulrich Bröckling

Alle planen, auch die, die nicht planen. - Niemand plant, auch die nicht, die planen. Konturen einer Debatte

Welche Folgen auch immer die aktuelle Finanzkrise noch zeitigen wird, eines ist sie schon jetzt: ein diskursives Großereignis, ein Bruch in der politischen Rationalität, der Ordnung dessen, was im Feld des Politischen bis dahin denkbar und sagbar war. Fast noch atemraubender als die astronomischen Summen, welche die Industriestaaten binnen weniger Tage zur Absicherung des Bankensystems bereitstellten, ist das Tempo, in dem über Bord geworfen wurde, was in den letzten Jahrzehnten fraglose Plausibilität besaß: die Überzeugung, dass eine »gute Regierung« den ökonomischen Wettbewerb nicht einzudämmen, sondern nach Kräften zu befördern habe. Solange die Therapie immer schon feststand, war auch die Diagnose kein Problem: Bürokratische Verkrustung blockierte Flexibilisierungs- und Rationalisierungsprozesse, staatliche Eingriffe verzerrten die Selbstregulation durch Angebot und Nachfrage, »Vollkaskomentalität« sabotierte Leistungsorientierung und Risikobereitschaft. Kurz, was immer schieflief, schuld war stets ein Mangel an Marktförmigkeit. Und jetzt? Das Allheilmittel hat sich ins Übel schlechthin verkehrt. (…)

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Gerd Hankel

Neues zur Politik der Taschenkarte

In der Ausgabe des Mittelweg 36 vom April/Mai 2008 wurde in einem Beitrag unter der Überschrift »Die Politik der Taschenkarte. Wie das Verteidigungsministerium das humanitäre Völkerrecht relativiert« auf eine bis dahin unbemerkte Veränderung der Taschenkarte zum humanitären Völkerrecht hingewiesen. Hatte es in den Ausgaben der Taschenkarte von 1996 und 2004 noch als Vorspruch zu einer detaillierten Auflistung des in einem Krieg normativ geforderten Verhaltens geheißen: »Soldaten der Bundeswehr beachten die Regeln des humanitären Völkerrechts bei allen Arten bewaffneter Konflikte«, so fand sich in der seit 2006 gültigen Fassung die nunmehr einschränkende Formulierung: »Soweit praktisch möglich beachten Soldaten bzw. Soldatinnen der Bundeswehr die Regeln des humanitären Völkerrechts in allen Arten bewaffneter Konflikte.« Aus einem eindeutigen Gebot war ein Gebot geworden, dessen Geltung unter den Vorbehalt der Praktikabilität gestellt wurde, einer Praktikabilität überdies, die in der Beurteilung ihrer Reichweite nicht etwa objektiven Kriterien, sondern individueller Einschätzung unterliegen sollte. (…)

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Aus der Protest-Chronik

23. Januar 1968
In West-Berlin treten während eines Prozesses zwei Akteure in Erscheinung, die unterschiedlicher wohl kaum sein könnten – ein Kommunarde und ein Klempnergeselle. Während der eine bereits eine Figur der Massenmedien geworden ist – nicht zuletzt wegen seines Ausspruchs »Wenn’s der Wahrheitsfindung dient...«, mit dem er auf die Aufforderung eines Richters reagiert hatte, sich vor Gericht zu erheben, steht der andere, der angebliche Handwerker, für einen verdeckten Arm des Staates. Ohne dass die Öffentlichkeit es ahnt, treten hier in einem Gerichtssaal ein Subversiver der Protestbewegung und ein Subversiver des Staates, genauer ein Undercover-Agent des Berliner Landesamts für Verfassungsschutz, gemeinsam in Aktion. Es geht um den 24-jährigen Fritz Teufel und den zwei Jahre älteren Peter Urbach. (…)