Heft 6 - Dezember 2009/Januar 2010

Ist Gesellschaft planbar?

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Weitere Hefte zu "Gesellschaftsentwürfe"

Seite 1: also gleich nach Rüsselsheim schreiben!

Heimweg: etwa 30 Kapitäne und Borgwards parkten vor dem Lokal drüben; also anscheinend n sudetendeutsches Flüchtlingstreffen (ich war selbst aus dem Osten; aber gegen die kam Keiner auf).
(Bootsbesitzer taufen ihr Paddelbötchen ‹Erna› und ›Lilo‹: warum werden solche Namen nicht auch Autos rechts an den Bug gemalt?! (Bei Motorrädern an’n Tank.) Ganz nach Geschmack, ‹Lorelore›. / Katholen können Heilige wählen. / Ich selbst – – tja, es war doch nicht – – was würde ich – – ? / Jedenfalls die Idee erst mal an Opel schreiben: durch diverse Filmstars, Fritz Walter, Onassis, propagiert, würde die Mode sich über Nacht verbreiten, ganze Buchstabenindustrien erzeugen, ‹Mucedorus & Angostura›./ Schüchterne Liebhaber erklärten sich damit, Rechtskreise um die unangesprochene Angebetete fahrend: daraus mehr Unfälle, mehr Fahrerflucht, Prozesse, Rückwärtsgang und Herzeleid, Vollbeschäftigung, sehr gut! / Jetzt fiel mir auch meiner ein: ‹Nikolaj Iwanowitsch Lobatschewski aus Kasan›. / Und, natürlich!: auch eine weitere Sicherung gegen Diebe: wer keinen dran hat, ist sofort abgesägt=verdächtig: also gleich nach Rüsselsheim schreiben!).

Arno Schmidt,
Goethe und Einer seiner Bewunderer

Bilder: Baumarkt


Thema

Stephan Lessenich, Berthold Vogel

Erwartungen und Spielräume politischer Planung. Zwischen Gegenwartsstabilisierung und Zukunftsvernichtung

Planungsphantasie und Gestaltungswille repräsentieren das Wesen der  politischen Moderne. In ihrer historischen Neuartigkeit bestimmt sich die Epoche nicht zuletzt durch die feste Überzeugung von der Planbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie versteht sich als ein Projekt, das in Planungen wurzelt. Sicher, es gibt Zyklen sich verstärkender und abschwächender politischer Planungstätigkeit. Kriege und Krisen sind politplanerische Hochzeiten, während in Phasen gesellschaftlicher Stabilität politisches Planungsdenken zumindest von den Vorderbühnen der Gesellschaft zurücktritt. Doch folgen politische, wirtschaftliche und soziale Planung keinem festgelegten historischen Rhythmus: In den Nachkriegsjahrzehnten der Bundesrepublik war die Zeit des langen, immerwährenden Wirtschaftsbooms zugleich auch die Ära politischer Planungseuphorie. Und selbst im vermeintlich marktliberalen Zeitalter der Globalisierung plant die Politik ökonomische Wettbewerbsfähigkeit und ist davon überzeugt, gesellschaftlichen Leistungswillen durch eine Vielzahl von Anreizen gestalten zu können. (…)

Weitere Beiträge von Stephan Lessenich, Berthold Vogel

Hermann Lübbe

Geplanter Umgang mit Unplanbarkeit. Demographie, kulturell und politisch

Wissenschaften unterscheiden sich über ihre Gegenstände, Methoden und technischen oder sonstigen lebenspraktischen Zwecke hinaus auch nach Graden der kulturellen Geltung und nach der Wertschätzung, die ihnen in akademischen und weiteren Öffentlichkeiten entgegengebracht wird. Die Statistik kommt hierbei schlecht weg. Unbeschadet ihrer seit langem gefestigten universitären Existenz als institutionell verselbständigtes Fach, trotz ihrer Rolle als Disziplin der Verschaffung von Basiswissen öffentlicher Verwaltung, dessen gesetzlich privilegierter Erarbeitung sogar große Ämter gewidmet sind, bleiben bis ins Feuilleton hinein spöttische Bemerkungen über die Statistik wohlfeil. Die Gebildeten unter ihren Verächtern sind zahlreich. Wichtiger ist noch, dass auch die Mächtigen, Politiker von Rang und Wirkung, sich den Auskünften der Statistiker gegenüber immer wieder einmal als nachsichtige Besserwisser profilieren. Die Statistiker ihrerseits zitieren das gern, was immerhin anzeigt, dass sie ihrer Sache sicher sind und nicht an der Rache der Wirklichkeit zweifeln, die zu seiner Belehrung denjenigen einholen wird, der durch statistische Auskünfte, die die Faktenbasis seines Handelns betreffen, sich nicht beeindrucken lassen möchte. Noch immer lasse sich, so hören wir, mit »Statistik« semantisch mühelos die Assoziation »Lüge« verbinden. Persönlichkeiten von weltgeschichtlichem Rang werden dafür, von Disraeli über Bismarck bis Churchill, als Kronzeugen benannt. (…)

Weitere Beiträge von Hermann Lübbe

Walter Siebel

Die Welt lebenswerter machen. Stadtplanung als Gesellschaftspolitik

Stadt ist Raum gewordene Gesellschaft. In der europäischen Stadt hat die bürgerliche Gesellschaft physische Gestalt gewonnen. Deshalb prägt die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit auch die räumliche Struktur der europäischen Stadt. Hans Paul Bahrdt hat diese Polarität seiner Definition von Stadt zugrunde gelegt: »Eine Stadt ist eine Ansiedlung, in der das gesamte, also auch das alltägliche Leben die Tendenz zeigt, sich zu polarisieren, das heißt entweder im sozialen Aggregatzustand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufinden. Es bilden sich eine öffentliche und eine private Sphäre,die in engem Wechselverhältnis stehen, ohne dass die Polarität verloren geht. (...) Je stärker Polarität und Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen, ›desto städtischer‹ ist, soziologisch gesehen, das Leben einer Ansiedlung.« (…)
Thomas Etzemüller

»Swedish Modern«. Alva und Gunnar Myrdal entwerfen eine Normalisierungsgesellschaft

Die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts waren turbulent, auch in Schweden. 1930 pilgerten etwa vier Millionen Besucher aus ganz Schweden (und 25.000 aus dem Ausland) zur »Stockholm-Ausstellung« in die Hauptstadt. Dieses durchaus umstrittene Pendant zur Stuttgarter Weißenhof-Siedlung wies Skandinavien den Weg in die funktionalistische Zukunft. 1931 erschoss das Militär bei Unruhen fünf Arbeiter; ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Die Weltwirtschaftskrise beutelte die Nation. 1932 brach das Zündholz-Imperium des Finanzmagnaten Ivar Kreuger zusammen. Kreuger beging Selbstmord und riss zahllose Landsleute in den Ruin. Im selben Jahr stellten erneut die Sozialdemokraten den Regierungschef, doch begann nun im Unterschied zu den instabilen Regierungen der 1920er Jahre die beispiellos lange Herrschaft der Arbeiterpartei. Sie ging mit den konservativen Bauern einen »Kuhhandel« ein, um ein extensives Sozialstaatsprogramm zu finanzieren. (…)

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Weitere Beiträge von Thomas Etzemüller

Michael Behr

Planungsparadoxien im gesellschaftlichen Transformationsprozess. Ostdeutschland als prognostisches Dauerproblem

In den Krisenjahren 2008/09 haben wir in Deutschland einen durchaus selbstbewussten Interventionsstaat erlebt, der sich anbot, die schlimmsten Folgen von Spekulationen auf den internationalen Finanzmärkten und das Durchschlagen der Finanzmarktturbulenzen auf die »Realwirtschaft« abzumildern. Schließlich sind Arbeitsplätze in Gefahr, mehr noch: Es geht um die strukturpolitische Absicherung ganzer Branchen, allen voran der für die deutsche (Export )Wirtschaft so eminent wichtigen Automobilindustrie. Glücklicherweise hat die gute Konjunktur der vergangenen Jahre für erhebliche – in einigen Jahren sogar deutlich über den prognostizierten Erträgen liegende – Steuereinnahmen gesorgt, so dass Geld vorhanden zu sein scheint, das zur »Rettung der deutschen Wirtschaft« sinnvoll eingesetzt werden kann. (…)
Jens Kersten

Soziale Marktwirtschaft planen. Wilfrid Schreibers »Lehre vom ökonomischen Humanismus«

Konrad Adenauer habe – so berichtet Hans-Peter Schwarz – den politischen Begriff der »sozialen Marktwirtschaft« aus einem Zwischenruf improvisiert: »Planwirtschaft oder Marktwirtschaft« sollte ursprünglich das Motto lauten, mit dem die CDU den ersten Bundestagswahlkampf bestreiten wollte. Als Adenauer diese polarisierende Alternative zwischen Markt und Plan auf einer Gremiensitzung der CDU im Februar 1949 erläuterte, habe ihn Johannes Albers – der erste Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse – mit dem Zwischenruf »soziale« unterbrochen. Adenauer habe daraufhin zur allgemeinen Heiterkeit formuliert: »sagen wir: bürokratische Planwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft«. Anders als in der späteren CDU-Geschichte gerne behauptet, so resümiert Schwarz, wollte Adenauer das Substantiv »Marktwirtschaft« damals großgeschrieben sehen. Er habe das kleingeschriebene Adjektiv »sozial« nur aufgenommen, um den linken Parteiflügel der CDU zufriedenzustellen, der durch die liberale Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards unter Druck geraten war. Das sei zwar Taktik gewesen, habe aber auch Adenauers wirtschafts- und sozialpolitischen Prioritäten in den Nachkriegs- und Anfangsjahren entsprochen: erst das Wirtschaftswunder, dann der Wohlfahrtsstaat. (…)

Aus der Protest-Chronik

14./15. Juni 1972
Für einen links eingestellten Lehrer in Langenhagen bei Hannover nimmt die seinerzeit häufig gestellte Frage, wie man sich verhalten würde, wenn ein polizeilich gesuchtes RAF-Mitglied um Unterkunft bitten würde, auf eine ebenso überraschende wie verhängnisvolle Weise Gestalt an. Eine ihm unbekannte Frau steht mitten in der Nacht vor seiner Wohnungstür und bittet um Unterkunft. Sie hat um 0:30 Uhr geklingelt und fragt, ob ein Paar für einige Tage in der Walsroder Straße 11 wohnen dürfe. Da der 33-jährige Fritz Rodewald, ein Gastwirts-und Bauernsohn aus der niedersächsischen Provinz, in der Vergangenheit häufiger desertierenden US-Soldaten bei der Flucht behilflich war, indem er sie auf ihrem Weg nach Stockholm bei sich aufnahm, stellt er keine weiteren Fragen. Es wird vereinbart, dass das Paar am nächsten Tag um 18 Uhr aufkreuzen könne. (…)