Heft 6 - Dezember 2010/Januar 2011

Weimarer Intellektuelle

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Seite 1: Die großen Medien

Die großen Medien sind nur noch auf Randale und Krawall aus. Würde ich morgen einen Riesenskandal anzetteln, wäre ich gleich wieder überall drin. Aber ich liebe meinen Mittelweg viel zu sehr.

Romy Haag, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. November 2010


Bilder: O-BEN


Steven E. Aschheim

Grenzüberschreitende Kultfiguren. Das Vermächtnis des deutsch-jüdischen Geistes zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Was ist ein Vermächtnis, wenn es nicht auf Erinnerungen an die Vergangenheit und Visionen der Zukunft beruht? Streng genommen ist die Idee des Vermächtnisses natürlich wertneutral. Sie verweist auf ein Erbe, das negativ oder positiv besetzt sein kann, eine Hinterlassenschaft aus der Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinragt und einen bestimmten didaktischen Wert hat – und vermutlich sinnvolle Orientierungspunkte für die Zukunft bietet, ob diese nun mahnenden oder inspirierenden Charakters sind. Natürlich legen wir uns passende »Vermächtnisse« auf ausgesprochen selektive und nicht selten ideologisch motivierte Weise zurecht. Für manchen ist das deutsch-jüdische Vermächtnis im Wesentlichen negativ, ein Lehrbeispiel, wie man sich als Jude nicht verhalten soll, die Geschichte einer fehlgeleiteten, würdelosen und spektakulär gescheiterten Assimilation. Diese Version hat viele Anhänger gefunden. Ich selbst setze den Schwerpunkt freilich anders, nämlich auf einer kulturellen und intellektuellen Hinterlassenschaft, die wir meines Erachtens zwar kritisch prüfen sollten, die nichtsdestotrotz aber einzigartig und bewundernswert und – in angemessen modifizierter Form – auch nachahmenswert ist. (…)

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Jens Hacke

Moritz Julius Bonn – ein vergessener Verteidiger der Vernunft. Zum Liberalismus in der Krise der Zwischenkriegszeit

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet der politische Liberalismus europaweit zu dem Zeitpunkt in eine tiefe Krise, als seine Prinzipien kurzfristig auf ganzer Linie gesiegt zu haben schienen. Nicht nur aus der Perspektive Thomas Manns hatte sich der Weltkrieg auch zu einem Weltanschauungskrieg gewandelt. Der allgemein empfundene Gegensatz von deutscher Kultur und westlicher Zivilisation transformierte sich immer konkreter zur Konfrontation politischer Ordnungsmodelle: liberale Demokratie versus monarchischer Machtstaat. Genau genommen war das Konzept westlicher Demokratie selbst ein Produkt des Krieges. Was als klassischer Bündniskrieg begonnen hatte, entwickelte mehr und mehr Züge eines im Kern ideologischen Konflikts, bei dem auch die Westmächte erst im Rahmen des begleitenden Propagandakrieges ein Selbstverständnis von explizit »westlicher Demokratie« ausbildeten. Dieser Kampf der Ideologien verschärfte sich mit dem Kriegseintritt der USA. (…)

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Friederike Bahl, Philipp Staab

Das Dienstleistungsproletariat. Theorie auf kaltem Entzug

Blickt man auf die theoretische  Debatte um die Dienstleistungsarbeit zurück, zeigt sich anfänglich einhelliger Optimismus. Mit dem Prozess der ökonomischen Tertiarisierung – so die ursprüngliche Erwartung – sollte auch die klassische Arbeiterschaft der Industriegesellschaft sukzessive verschwinden. Ob Jean Fourastié, Daniel Bell, Alan Gartner oder Frank Riessman – die Frage nach der Rückkehr eines Proletariats in neuem Gewand hätte ihnen wohl nur ein konsensuelles Kopfschütteln abgerungen. Proletarisierung gehörte nicht zu ihrem Vokabular. Noch heute dominiert die Chancenrhetorik der Klassiker die Grundzüge der Debatte. Mit der empirischen Frage nach einem Dienstleistungsproletariat wird hingegen eine alte Entität der Arbeitswelt wieder belebt, die mit dem Aufbruch in die Dienstleistungsgesellschaft ihr vermeintliches Ende hätte finden sollen: die Gruppe der Arbeiter. (…)

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Aus der Protest-Chronik

7. April 1979
In einer norditalienischen Wohnung klingelt das Telefon. Eine aufgeregte Stimme ist zu hören. Die Mitteilung des Mannes ist ebenso kurz wie unmissverständlich: »Toni, hau ab, die Bullen sind auf deiner Spur!« Doch kommt die von einem unbekannten Justizangehörigen stammende Warnung zu spät. Während Antonio »Toni« Negri, Professor für Staatswissenschaft an der Universität Padua, noch einige seiner ihm wichtigen Sachen zusammenraffen und sich absetzen will, greift die Polizei zu. Ausgestattet mit einem Haftbefehl, nimmt sie den 45-jährigen Hochschullehrer in Mailand fest. Zu weiteren Festnahmen kommt es in Rom und Padua. Insgesamt werden an diesem Tag, der in der Presse – unter Entlehnung eines Schlagwortes aus dem Vokabular der deutschen Wehrmacht – als »il grande blitz« bezeichnet und sich schon bald als Wendepunkt in der Geschichte des italienischen Linksradikalismus erweisen wird, rund dreißig Verdächtige verhaftet. Aldo Fais, der leitende Staatsanwalt von Padua, erklärt selbstbewusst Journalisten gegenüber: »Wir bewegen uns auf eine endgültige Lösung des sozialen Problems zu, das als Terrorismus bekannt ist.« (…)

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