Heft 6 - Dezember 2011/Januar 2012

Politik in Europa

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Seite 1: an sie will ich mich halten

Mir scheint, als würden in allen Ländern die Gehirne austrocknen und keine Blüten noch Früchte mehr hervorbringen. Was die Geschichtswerke betrifft, so wären sie wohl von einigem Nutzen, wenn man sie von Parteilichkeit, von falschen Anekdoten und Lügen reinigen könnte. Was die Metaphysiker angeht, so lernt man bei ihnen nur die Unbegreifbarkeit der vielen Dinge, welche die Natur außerhalb unserer geistigen Reichweite platziert hat; und was all die theologischen Sammelsurien hypochondrischer und fanatischer Verfasser betrifft, so sind sie es nicht wert, dass man seine Zeit mit der Lektüre der albernen Wahngebilde vergeudet, die ihnen durch den Kopf gegangen sind. Von den Herren Mathematikern, die unaufhörlich unnütze Kurven viereckig machen, will ich gar nicht erst reden: ich lasse sie so mitsamt ihren Punkten ohne Ausdehnung und ihren Linien ohne Tiefe beiseite und dazu gleich noch die Herren Mediziner, die sich zu Richtern über unser Leben aufschwingen und doch nichts als Zeugen unserer Leiden sind. Was soll ich zu den Chemikern sagen, die, anstatt Gold zu machen, es bei ihren Experimenten in Rauch aufgehen lassen? So bleibt zu unserem Nutzen und zu unserem Troste also nur die schöne Literatur, die man zu Recht als lettres humaines bezeichnet hat; an sie will ich mich halten.

Friedrich der Große an Voltaire
Potsdam, 17. Dezember 1777


Bilder: Medienidylle


Raymond Geuss

Wer das Sagen hat. Einige Überlegungen zum politischen Status von Autorität

Soll man die NATO, jetzt, wo es den Warschauer Pakt nicht mehr gibt, auflösen, das Verteidigungsbündnis weiter ausbauen oder es einfach so belassen wie es ist? Muss man alle Banken sofort verstaatlichen, oder reicht es, wenn sie strenger überwacht und besteuert werden? Wäre es ratsam, größere gesamteuropäische Finanzinstitutionen zu schaffen, oder sollte man die bestehenden Institute in kleinere aufspalten und sie zwingen, gegeneinander in Konkurrenz zu treten? Dürfen die Kinder türkischer oder nordafrikanischer Arbeitnehmer, die in Europa geboren sind und hier aufwachsen, automatisch eine doppelte Staatsangehörigkeit haben oder nur die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern? Sollen sie, sobald sie volljährig sind, zwischen den zwei Nationalitäten wählen? Und macht es etwas aus, ob ihre Eltern »legale« oder »illegale« Einwanderer sind? (…)

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Heinz Bude

Die Stunde der Gesellschaftstheorie?. Über Tatbestände der Ungleichheit, Formen der Herrschaft und Artikulationen von Ideologie

Es ist die Wiederkehr der Soziologie im klassischen Format zu konstatieren: Öffentliches Interesse gewinnt nicht eine poststrukturalistische (Moebius/Reckwitz 2008) oder eine postsoziale Soziologie (Knorr-Cetina 2007), die auf Bewegungen jenseits der sozialen Container oder auf Veränderungen in den Beziehungen zwischen Menschen und Dingen abhebt, sondern eine Soziologie, wie man sie von Ralf Dahrendorf oder Erwin K. Scheuch kannte, die die Fragen von Ungleichheit, Herrschaft und Ideologie ins Zentrum ihrer Aussagen stellt. Womit die Soziologie heute punktet, sind solche Fragen wie, wer die Gewinner der gesellschaftlichen Verhältnisse sind und wer die Verlierer; wo die Parolen ausgegeben und wo die Regeln gesetzt werden und wer sich wohl oder übel fügen muss; wer lügt und sich über den Zustand der Welt betrügt und wer, weil es angeblich keine Alternative gibt, belogen und betrogen wird. (…)

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Ulrich Beck, Ulrich Bielefeld, Nikola Tietze

Mehr Gerechtigkeit durch mehr Europa. Ein Gespräch

Frage: Was bedeuten die gegenwärtige Finanzkrise und die durch Fukushima repräsentierte Atomkrise für Europa? 

Beck: Die Dynamik und die Relevanz der beiden Ereignisse, Finanzkrise und Fukushima, würde ich im Rahmen meines Konzepts der Risikogesellschaft beziehungsweise Weltrisikogesellschaft kommentieren. Die Risikogesellschaft ist eine Könnte-Gesellschaft. Der Risikobegriff bezieht sich auf das Könnte, die Antizipation von Katastrophen in der Gegenwart. In dieser Hinsicht muss man unterscheiden zwischen zukünftiger Zukunft, von der wir nichts wissen, und der Vergegenwärtigung der Zukunft, die als globales Risiko im weitesten Sinn sozial konstruiert oder inszeniert wird. Dieser katastrophale Konjunktiv ist der Ereignistaifun, der in Gestalt der Finanzkrise (aber nicht nur der Finanzkrise) in die Mitte der gesellschaftlichen Institutionen und des Alltags der Menschen eingebrochen ist, irregulär, nicht auf dem Boden der Verfassung und der Demokratie stehend, explosiv aufgeladen mit uneingestandenem Nichtwissen, bisherige Orientierungsfixpunkte wegspülend. Gleichzeitig wird dadurch eine Art Schicksalsgemeinschaft erlebbar. Indikatoren dafür sind die abrupten Einbrüche in den Finanzkurven, die durch ihre Achterbahnfahrten die Verbundenheit der Welten fühlbar werden lassen. Wenn Griechenland pleitegeht, ist das ein neuer Hinweis darauf, dass meine Rente in Deutschland nicht mehr sicher ist? Was heißt überhaupt »Staatspleite«? Für mich? Dass ausgerechnet hochnäsige Banken klamme Staaten um Hilfe bitten, und dass diese Chronisch-leere-Kassen-Staaten im Ruck-zuck-Verfahren den Kathedralen des Kapitalismus astronomische Geldsummen zur Verfügung stellen – wer hätte das gedacht? Heute denkt so etwas jeder. Aber das heißt nicht, dass irgendjemand versteht, was diese aus dem Stoff von Unsicherheit, Nichtwissen und gefühlten, grenzenübergreifenden Abhängigkeiten gemachten Finanzschicksalsgemeinschaften bedeuten. (…)

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Literaturbeilage

Pierre Rosanvallon

Für eine Begriffs- und Problemgeschichte des Politischen. Antrittsvorlesung am Collège de France

Herr Vorsitzender,
liebe Kollegen,
ich danke Ihnen, dass Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen. Ich bin mir natürlich heute, im Rahmen dieser Eröffnungszeremonie, zunächst der Verantwortung bewusst, die mir durch Ihre Entscheidung zufällt, Ihre Lehrtätigkeit noch weiter den drängendsten Problemen des heutigen Gemeinwesens zu öffnen. Was mir jedoch besonders am Herzen liegt, ist die wunderbare Gelegenheit, die mir dadurch eingeräumt wird. Die Gelegenheit nämlich, da meine Arbeit, wie ich hoffe, erst zur Hälfte getan ist, meiner Forschung einen neuen Impuls zu verleihen, indem sie künftig an einem Ort des Geistes stattfindet, dessen radikale Freiheit einzigartig ist. Zumal man hier der Verpflichtung zu irgendeinem Programm ebenso enthoben ist wie der Notwendigkeit, Titel und Diplome zu vergeben oder seine Papiere den üblichen disziplinarischen Instanzen vorzulegen. Diese Chance zu einem neuen Anfang hat für mich also keineswegs den zwiespältigen und wehmütigen Beigeschmack einer Bilanz, den eine sogenannte »akademische Ehrung« unweigerlich annimmt, da sie nur allzu oft zum Ausdruck bringen soll, dass ein Werk als im Wesentlichen abgeschlossen betrachtet wird. Ich mache mir diesbezüglich gerne die Worte von Roland Barthes zu eigen: »Mein Eintritt ins Collège de France ist mir mehr eine Freude als eine Ehre. Denn die Ehre kann unverdient sein, die Freude ist es niemals.« Diese Freude besteht für mich natürlich darin, von einer Forschung berichten zu können, die noch dabei ist, Gestalt anzunehmen; die Freude über eine anregende Herausforderung, einen positiven Zwang. (…)

Christoph Schmidt

Die Rückkehr der toten Seelen. Die deutsche Studentenbewegung und ihr Umgang mit Auschwitz

Es schien ihm »wie wenn die Geister der ermordeten jüdischen Intellektuellen in die deutschen Studenten gefahren wären«. Mit diesen Worten beschrieb Theodor Adorno nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1949 seinen ersten (un)heimlichen Eindruck von den deutschen Studenten. Tatsächlich sollte diese Wahrnehmung nicht Adornos letzte Geistervision sein. Der Nazismus sei so monströs, dass er seinen eigenen Tod überlebt habe, stellte er an anderer Stelle fest. Die Geister der Nazis wie die Geister der ermordeten Juden waren in der deutschen Restaurationslandschaft nur allzu gegenwärtig. Von der Bildfläche berufener Geisterseher sind sie auch später nicht verschwunden. Glaubt heute niemand mehr an Gespenster, so bedeutet dies also nicht, dass der gewesene Spuk gänzlich verflogen ist. Mittlerweile bedienen sich die Geister und Gespenster allerdings moderner Technologie. In Günter Grass’ Roman »Im Krebsgang« gehen sie beispielsweise online: Dort legen sich zwei deutsche Jugendliche im Netz die virtuellen Identitäten eines Juden und eines Nationalsozialisten zu, um noch einmal, »da capo al fine«, das tödliche Endspiel zu inszenieren, zum Schluss freilich nicht mehr virtuell. (…)

Aus der Protest-Chronik

25. Januar 1959
In der Westberliner Kongresshalle wird zum 62. Mal das Theaterstück »Ich selbst und kein Engel« aufgeführt. Es geht darin um den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto. Regisseur ist der einstige Brecht-Assistent Konrad Swinarski, Autor des Stückes der 29-jährige Thomas Harlan, seinerseits Sohn des NS-Regisseurs Veit Harlan, der mit »Jud Süß« den wohl berüchtigtsten antisemitischen Hetzfilm gedreht hat. Zusammen mit dem Schauspieler und Rezitator Klaus Kinski hat er ein Jahr zuvor das »Junge Ensemble« gegründet. Beide waren 1953 nicht nur mit falschen Pässen, die ihnen Nahum Goldmann, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, besorgt hatte, nach Israel gereist, um dort einen Film zu drehen, sondern hatten auch aus Protest gegen die Wiederaufführung von Veit-Harlan-Filmen in verschiedenen Kinos Feuer gelegt. (…)