Heft 6 - Dezember 2012/Januar 2013

Zwischenkriegszeit

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Seite 1: »At last, at last, everything’s ahead«

I’m crazy about this City.
Daylight slants like a razor cutting the buildings in half. In the top half I see looking faces and it’s not easy to tell which are people, which the work of stonemasons. Below is shadow where any blasé thing takes place:
clarinets and lovemaking, fists and the voices of sorrowful women. A city like this one makes me dream tall and feel in on things. Hep. It’s the bright steel rocking above the shade below that does it. When I look over strips of green grass lining the river, at church steeples and into the cream-and-copper halls of apartment buildings, I’m strong. Alone, yes, but top-notch and indestructible – like the City in 1926 when all the wars are over and there will never be another one. The people down there in the shadow are happy about that. At last, at last, everything’s ahead. The smart ones say so and people listening to them and reading what they write down agree: Here comes the new. Look out.

Toni Morrison, Jazz (1992)


Bilder: Werben mit Hegel


Jens Hacke, Tim B. Müller

Editorial: Zwischenkriegszeit. Zur Grundlegung der Gegenwart

»In knapp 14 Jahren wurden nahezu alle Möglichkeiten der modernen Existenz durchgespielt«, so schließt die einflussreichste Darstellung der Zwischenkriegszeit in Deutschland, Detlev Peukerts Interpretation der Weimarer Republik als Zeit der »Krisenjahre der Klassischen Moderne«, in denen er »das Heraufkommen unserer eigenen Lebenswelt« entdeckt. Tatsächlich begleitet uns die Krisenhaftigkeit der Moderne weiterhin, obwohl ein erneuter Sturz in den Abgrund kaum denkbar ist. Die Freisetzung der katastrophalsten Potenziale moderner Gesellschaft scheint nicht mehr auf dem historischen Programm zu stehen, auch wenn Peukerts Erinnerung an die »Fragilität demokratischer Kompromissgründung« heute wieder heilsam sein mag.
Das grundsätzliche Vertrauen in die politische Ordnung, das sich in mehr als sechzig Jahren einer stabilen Demokratie ausgebildet hat, ermöglicht jedoch einen anderen, einen entdramatisierten Blick auf die erste deutsche Republik sowie die europäisch-atlantische Zwischenkriegszeit. Hinzu treten in der Geschichtsschreibung fachspezifische Gründe für eine Erneuerung der Perspektive: Vom Nationalsozialismus ausgehend, hat sich die Zeitgeschichte immer mehr der Gegenwart angenähert; ihren Schwerpunkt findet sie derzeit in den siebziger und achtziger Jahren. (…)

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Weitere Beiträge von Jens Hacke, Tim B. Müller


Lutz Raphael

Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Ein Deutungsmuster für die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

»Europäische Geschichte« hat in den letzten Jahrzehnten wachsende Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dieser Eindruck entsteht, wenn man den anhaltenden Strom von Übersichtsdarstellungen, Lehr- und Handbüchern auf dem deutschen Buchmarkt anschaut. Die Geschichte Europas scheint sich inzwischen auch in der universitären Lehre einen festen Platz erobert zu haben. Dabei erfreut sich die jüngste Geschichte, weit gefasst als Geschichte Europas im 20.Jahrhundert, besonderen Zuspruchs unter Autoren wie Lesern. Doch deutet vieles darauf hin, dass diese Hochkonjunktur bereits ausklingt und dass die Schwierigkeiten und Probleme des Gegenstands und seiner historiographischen Behandlung nach der Phase euphorischer Entdeckung der europäischen Dimension deutlicher geworden sind. Das mag auch daran liegen, dass selbst unter deutschen Akademikern und Intellektuellen die Identifikation mit dem Projekt »Europa«, das immer mehr war als die Brüsseler Integration, aber hierzulande selten in Opposition zu deren Bemühungen um mehr europäische Gemeinsamkeiten stand, schwächer geworden ist. (…)

Anselm Doering-Manteuffel

Weimar als Modell. Der Ort der Zwischenkriegszeit in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

Weimar als Modell – was soll das heißen? Weimar ist gescheitert. Kann ein gescheitertes politisches Unternehmen aber überhaupt ein Modell sein? Bonn ist nicht Weimar – so lautet der bis heute immer wieder zitierte Titel eines Buchs, das der schweizerische Publizist Fritz René Allemann im Jahr 1956 veröffentlichte. Allemann richtete sein Augenmerk auf die politische Ordnung der ersten und der zweiten deutschen Republik. Beide, Weimarer Republik und Bundesrepublik, waren aus einer militärischen Niederlage hervorgegangen und hatten sich als Konkursverwalter einer bankrotten Ordnung zu bewähren: als Konkursverwalter der wilhelminischen Militärmonarchie respektive des nationalsozialistischen Militär- und Rassestaats. Die Konkursverwaltung ist das eine. »Weimar« musste sie alleine leisten und scheiterte nicht zuletzt auch daran. »Bonn« hingegen wurde bei der Konkursverwaltung von den Besatzungsmächten überwacht und hatte schon deshalb keine Chance, politischen Revisionismus und reaktionäre Radikalismen zu Politik zu machen. (…)

Ulrike Jureit

Eine Art Phantomschmerz. Entwürfe vom »Lebensraum« in der Zwischenkriegszeit

Wie kaum ein anderer Begriff ist »Lebensraum« auf das engste mit der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkrieges verbunden. Die Eroberung von Siedlungs-, Nahrungs- und Ergänzungsräumen, wie es zeitgenössisch hieß, und die damit einhergehende Legitimierung einer aggressiven Vertreibungs- und Siedlungspolitik vor allem »im Osten« waren für den Nationalsozialismus handlungsleitend und gehörten zum ideologischen Kernbestand seiner Führungs- und Funktionseliten. Dieser an sich trivialen Feststellung kommt historiographisch vor allem dann eine gewisse Bedeutung zu, wenn mit der Vorstellung vom »Lebensraum« Kontinuitätsnarrative untermauert werden, die den Nationalsozialismus als zwar extreme, aber gleichwohl genuin koloniale Herrschaftsform kennzeichnen und zugleich die deutsche Kolonialpolitik mit ihren genozidalen Praktiken zur unmittelbaren Vorgeschichte des Holocaust erklären. Neben der Einübung bestimmter Eroberungs- und Besatzungstechniken, den personellen Kontinuitäten und institutionellen Wissensspeicherungen zählt nach dieser Logik auch die seit der Jahrhundertwende imperial aufgeladene Forderung nach mehr »Lebensraum« zu den entscheidenden Kontinuitätsfaktoren, mit denen eine direkte Entwicklungslinie von »Windhuk nach Auschwitz« gezogen wird. (…)

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Ulrich Bielefeld, Nikola Tietze

Das Voneinander-Lernen spielt eine große Rolle. Gespräch mit Georg Leutert, dem Sekretär des europäischen Betriebsrats von Ford

Im Gespräch mit dem Mittelweg 36 hat Ulrich Beck ausgeführt, dass der Konflikt über das, was Europa sei, Europa ausmache.1 Aber bestimmen solche Konflikte tatsächlich den Alltag der Menschen und die gesellschaftlichen Beziehungen in der Europäischen Union? Sind sie nicht eher Bestandteile der politischen Verhandlungen zwischen den Regierungen der EU-Mitgliedstaaten, Anlässe juristischer Auseinandersetzungen vor dem Europäischen Gerichtshof, Grund für Debatten im Europäischen Parlament, Ursache der Beratungen in der Europäischen Zentralbank oder in der EU-Kommission? Vor dem Hintergrund dieser Fragen haben wir im Sommer 2012 ein Gespräch mit Georg Leutert geführt, der als Sekretär des europäischen Betriebsrats von Ford-Europa tätig ist. (…)

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Jan Philipp Reemtsma

Legitime Willkür. Über den sozialen Sinn des Stiftens

Die Buffett/Gates-Initiative ist durch die Presse gegangen. Die beiden Milliardäre haben andere Milliardäre angesprochen und sie aufgefordert, die Hälfte ihres Vermögens zu wohltätigen Zwecken beziehungsweise direkt in die von ihnen gegründete, weltweit operierende Stiftung einzubringen. Nicht alle der Angesprochenen haben mitgemacht, doch war die Teilnahmebereitschaft nicht gering. Die Initiative hat Lob erfahren – und Kritik. Beides ist interessant. Das Lob bezog sich auf die Bereitschaft sehr vermögender Menschen, sich von einem Teil ihres Vermögens zu trennen. Die Kritik darauf, dass das sich in der Stiftung kumulierende Vermögen einen Einflussgewinn weniger darstelle, die nach eigenem Ermessen entscheiden könnten, zu welchem Zwecke es aus gegeben werden solle und zu welchem nicht.
Zunächst zum Lob. Wer »abgibt«, wird fast immer gelobt werden. Dahinter steht keine besondere Weltanschauung oder Ideologie. (…)

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Aus der Protest-Chronik

5. Mai 1958
Die 17-jährige Jutta Schwerin, Tochter von deutschen Emigranten, die 1935 in Palästina Zuflucht gefunden haben, soll in Jerusalem einberufen werden, um ihren Militärdienst zu absolvieren. Doch das Mädchen, das seinen Vater zehn Jahre zuvor durch einen tragischen Unglücksfall verloren hat, ist damit ebenso wenig einverstanden wie seine Mutter. Auch Ricarda Schwerin versteht sich wie ihr verstorbener Mann Heinz – ein bekennender Kommunist, der allerdings zumindest in Israel nie Mitglied der Partei geworden war – keineswegs als Zionistin. Sie ist nicht jüdischen Glaubens, begreift sich als Atheistin und steht sogar der Kibbuzbewegung, die für viele ein sozialistisches Modell kollektiver Arbeits- und Lebensformen ist, ziemlich kritisch gegenüber. (…)