Heft 6 - Dezember 2013/Januar 2014

Imperien revisited - Spanien und Portugal

€ 9,50 Print

€ 7,99 E-Journal

Weitere Hefte zu "Imperien"

Seite 1: »denn mir schien, dass sie keiner Sekte angehören«

Sie müssen treffliche Diener sein und von gutem Verstand, denn ich sah, dass sie sehr schnell alles nachsagen konnten, was ich ihnen vorsprach, und ich glaube, man könnte sie leicht zum Christentum bekehren, denn mir schien, dass sie keiner Sekte angehören.

Christoph Kolumbus, Tagebucheintrag vom 12. Oktober 1492
in: Wolfgang Behringer (Hg.), Amerika. Die Entdeckung und Entstehung einer neuen Welt, München/Zürich 1992, S. 24.


Bilder: Freitagsgebet


Andreas Stucki

Editorial. Imperium in iberischer Perspektive. Historiografie, Diskurse, Kultur

»Imperium« und imperiale Metaphern haben Rückenwind. Die Forschung hat sich jüngst vermehrt den Wechselwirkungen und Verflechtungen von Kolonie und Metropole zugewandt. Die neuere Imperialgeschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Imperium als Ganzes zu denken und das Feld interdisziplinär auch für kultur- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen zu öffnen. Zudem haben globalgeschichtlich angelegte Vergleiche über die klassischen Epochengrenzen hinaus die Tragfähigkeit des Imperium-Begriffs als Analysekategorie unter Beweis gestellt. Nicht zuletzt haben komparative Perspektiven auf Festland- und Überseeimperien die historische Gleichzeitigkeit von Imperium und Nationalstaat offengelegt. Interessanterweise blieben diese Aspekte in historiografischen Analysen der iberischen Imperien für das 19. und 20. Jahrhundert, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, bislang weitgehend unberücksichtigt. Für Portugal und Spanien stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach einer gesellschaftlichen Neuverhandlung und dem ›historischen Ort‹ des Kolonialreiches. Diese Problematik bildet den Kern des hier vorzustellenden Themenheftes. Dabei stehen insbesondere die historiografische Verortung, der geschichtswissenschaftliche Umgang mit der kolonialen Vergangenheit sowie die literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit dem Imperium während der letzten Jahrzehnte im Fokus. (…)

Beitrag lesen
Weitere Beiträge von Andreas Stucki


Francisco Javier Martínez Antonio

Vom Spanien in Übersee zum Spanien in Afrika. Über die Eigentümlichkeit des spanischen Imperiums im19. Jahrhundert

Die Geschichtsschreibung über Imperien und den Imperialismus verzeichnet in jüngster Zeit nicht nur auf der internationalen Ebene einen erstaunlichen Aufschwung, sondern auch, wiewohl in etwas geringerem Ausmaß, in Spanien. Gleichwohl ist es der spanischen Historiografie im Zuge des »imperial turn« nicht gelungen, die gängigen, den historischen Analysen des spanischen Imperiums seit Jahrzehnten zugrundeliegenden Interpretationsmuster ernsthaft in Frage zu stellen. Eine fragwürdige Konstante der spanischen Diskussion bleibt die fehlende interpretative Verknüpfung der prägenden imperialen Erfahrung in Lateinamerika, in der Karibik und auf den Philippinen (bis 1898) mit dem deutlich kleineren, sich erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts konstituierenden Kolonialreich in Afrika, das mit der Westsahara immerhin bis 1975 überdauern sollte. Bis auf den heutigen Tag ziehen allenfalls vereinzelte Studien zum spanischen Imperialismus das Faktum in Betracht, dass das spanische Weltreich über die Unabhängigkeit des amerikanischen Kontinents zu Beginn und den späteren Verlust von Kuba, Puerto Rico und den Philippinen am Ende des 19. Jahrhunderts hinaus existierte. Nur selten wird der »Untergang des spanischen Imperiums« auf einen Zeitpunkt nach dem Jahr 1898 datiert (…)

Ferrán Archilés

Maurische Exotik, imperialer Traum. Imperialismus, Nation und Geschlecht im Spanien der Restaurationsmonarchie

Welche Rolle spielten das Imperium und der Imperialismus eigentlich für die Konstruktion einer nationalen Identität im Spanien der Restaurationsmonarchie? Folgt man einer in der gängigen Geschichtsschreibung weit verbreiteten Einschätzung, so lautet die Auskunft, eine ausgesprochen begrenzte, wenn nicht gänzlich unbedeutende. Und tatsächlich musste der im ausgehenden 19. Jahrhundert geschwächte spanische Staat wegen seiner knappen Mittel Abstand von weit ausgreifenden imperialistischen Vorhaben nehmen. Die mit solchen Initiativen in aller Regel verflochtene Formierung des Nationalstaates konnte er nur unter erheblichen Einschränkungen betreiben. Dennoch hielt Spanien selbst nach den schmerzhaften Verlusten Kubas, Puerto Ricos und der Philippinen im Jahr 1898 an seiner kolonialen Berufung fest. Sie verlagerte sich jetzt freilich Richtung Afrika, auf die – von einflussreichen Kreisen in Kultur und Politik konstatierte – Notwendigkeit, im Norden Afrikas, vor allem in Marokko, ein neues Imperium aufzubauen. Angesichts der als existenziell wahrgenommenen nationalen Notlage, die alsbald in eine postkoloniale Krise umschlagen sollte, empfahl sich ein afrikanisches Imperium als einer der wichtigsten möglichen Auswege. Der Griff nach Afrika wurde in der Hochphase des europäischen Imperialismus zum Schlüssel für Spaniens nationale Regeneration. (…)

Francisco Bethencourt

Dekonstruktion des imperialen Gedächtnisses. Literatur, Kunst und Geschichtsschreibung in Portugal

Garcia da Orta, Kellner in einer Kneipe am Bahnhof Cais do Sodré und Amateurfunker, züchtet Heilpflanzen in seiner Wohnung im Bairro Alto, wo er mit seiner Frau, dem behinderten Schwiegervater und fünf Söhnen haust. Da er die Pflanzen mit dem verwesenden Leichnam des Vaters von Luís Vaz de Camões zu düngen pflegt, den der Dichter bei seiner Rückkehr aus Angola in einem Sarg überführt hatte, verschlingen sie schließlich sowohl den Schwiegervater als auch die Kinder des Botanikers. Pedro Álvarez Cabral, ebenfalls ohne einen roten Heller aus Angola heimgekehrt, dafür mit Mulattenfrau und Sohn, hat resigniert hingenommen, dass seine Gefährtin auf den Strich geht, um ihr Überleben in einer heruntergekommenen Pension im Intendente, dem Rotlichtviertel, zu sichern. Er beschließt, nach Paris auszuwandern, als die Mulattin ihn verlässt, um mit ihrem Sohn ein Apartment zu beziehen, das ihr der Barbesitzer stellt, für den sie arbeitet.
Dieser Mann ist kein Geringerer als Manuel de Sousa Sepúlveda, der es in Angola zum Diamantenhändler brachte, sich nun aber, da ihn auf der Heimfahrt ein Unglück seines gesamten Vermögens beraubt hat, eine neue Existenz als Zuhälter aufbauen muss. (…)

Jan Philipp Reemtsma

»Ehrenvoller Auftrag! Ehrenvoller Auftrag!«. Ansprache zum Gedenken an den 9.November 1938

»Wenn jemand das Unglück des Landes oder sein eigenes Unglück der Anwesenheit jüdischer Elemente im Gemeinwesen zuschreibt, wenn er vorschlägt, diesem Zustand abzuhelfen, indem die Juden bestimmter Rechte beraubt oder von bestimmten ökonomischen und sozialen Funktionen ferngehalten oder des Landes verwiesen oder alle ausgerottet werden, sagt man« – schreibt Jean-Paul Sartre 1944 – »er habe antisemitische Anschauungen.« Und Sartre fährt fort: »Ich weigere mich jedoch, eine Lehre, die ausdrücklich auf besondere Personen abzielt und bestrebt ist, ihre Rechte zu beseitigen oder sie auszurotten, eine Meinung zu nennen. […] Der Antisemitismus fällt nicht in die Kategorie von Gedanken, die das Recht auf freie Meinungsäußerung schützt. Außerdem ist er etwas ganz anderes als eine Denkweise. Er ist vor allem eine Leidenschaft.«
Der Antisemitismus ist auch kein Vorurteil. Vorurteile sind falsifizierbar. Aber wenn man einem Antisemiten sagt, es sei falsch, dass diese oder jene Berufssparte »in jüdischer Hand« sei (oder wie seine Formulierung lauten mag), bekommt man zu hören: »Das ist ja das Problem: Man sieht sie nicht.« (…)

Weitere Beiträge von Jan Philipp Reemtsma


Aus der Protest-Chronik

12. Oktober 1944
Während in Europa der Zweite Weltkrieg in seine entscheidende Phase eintritt und US-amerikanische Soldaten sich anschicken, mit Aachen die erste deutsche Großstadt zu erobern, kommt es in New York zu einem Schlüsselereignis in der Geschichte der modernen Jugendkultur, das die Popmusik erstmals mit einer rebellischen Komponente versehen und für Jahrzehnte prägen wird. Die Geschehnisse dieses Tages sind als »Columbus Day Riots« in die Annalen eingegangen. Der 12. Oktober wird in den Vereinigten Staaten seit 1937 als nationaler Feiertag begangen, an dem der »Entdeckung« Amerikas im Jahr 1492 gedacht wird. Während man in privaten Betrieben arbeitet, genießen Behördenmitarbeiter und andere öffentliche Bedienstete einen freien Tag. Da unter anderem auch die staatlichen Schulen geschlossen bleiben, bietet sich den Jugendlichen eine willkommene Gelegenheit, ihren Freizeitvergnügungen nachzugehen. Schauplatz des Geschehens ist Manhattan, genauer das nahe dem Times Square an der Ecke 43. Straße und Broadway gelegene Paramount Theatre. (…)