Heft 6 - Dezember 2014/Januar 2015

Das Subjekt bei der Arbeit

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Seite 1: »Der Beruf ist etwas Allgemeines«

Der Beruf ist etwas Allgemeines und Nothwendiges und macht irgend eine Seite des menschlichen Zusammenlebens aus. Er ist also ein Theil des ganzen Menschenwerkes. Wenn der Mensch einen Beruf hat, tritt er zu dem Antheil und Mitwirken an dem Allgemeinen ein. Er wird dadurch ein Objectives. Der Beruf ist zwar eine einzelne beschränkte Sphäre, macht jedoch ein nothwendiges Glied des Ganzen aus und ist auch in sich selbst wieder ein Ganzes. Wenn der Mensch etwas werden soll, so muß er sich zu beschränken wissen, d. h. seinen Beruf ganz zu seiner Sache machen. Dann ist er keine Schranke für ihn.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
Philosophische Propädeutik (1809/11), § 45

Bilder: Ein ganz normaler Fabrikjob?

© picture alliance / AP Photo


Editorial

Was machen Beruf und Arbeit mit uns, und wie verändern die sich wandelnden Beschäftigungsverhältnisse unser Leben? Fragen wie diese beunruhigen die postindustrielle Gesellschaft in zunehmendem Maße. Nicht nur die Auflösung der Grenze zwischen professioneller Existenz und Privatleben, die den immer umfassenderen Möglichkeiten digitaler Kommunikation zugeschrieben wird, sondern auch die Aktivierung eines »unternehmerischen Selbst«, wie sie der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling beschrieben hat, stellen – um von der Zunahme prekärer Beschäftigung zu schweigen – die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts auf die Probe. Deshalb thematisiert dieses Heft die Auswirkungen verschiedener Berufstätigkeiten auf die Selbstbilder derjenigen, die sie ausüben – im Vordergrund stehen also Subjekte bei der Arbeit.

Philipp Staab konzentriert sich in seiner empirischen Untersuchung auf die betriebliche Sozialisation im einfachen Dienstleistungssektor. Er diskutiert die in Paketdiensten, Reinigungsfirmen und Pflegeteams wirksamen Machtstrukturen vor dem historischen Hintergrund des Fordismus. Klaus Naumanns Essay beleuchtet das politische Gefechtsfeld, auf dem sich deutsche Bundeswehrangehörige im Zeitalter der »Neuen Kriege« wiederfinden, aus normativer Perspektive. Der Militärhistoriker zeichnet nach, wie sich der Typus des »Staatsbürgers in Uniform« nach dem Zweiten Weltkrieg zum vorherrschenden Rollenbild entwickelte. Darauf aufbauend bietet der Aufsatz von Heiko Biehl detaillierte soziologische Einblicke in die Selbstwahrnehmung der Soldaten, die sich angesichts komplexer Einsatzsituationen etwa in Afghanistan mehr und mehr als Konfliktmoderatoren, Sozialarbeiter und Diplomaten in Anspruch genommen finden. Michael Hubers Beitrag schlägt den Bogen zu den arbeitenden Subjekten in der akademischen Welt, indem er die Funktionsimperative identifiziert, die alle wissenschaftliche Textproduktion beherrschen. Sowohl die Studierenden als auch die an den Hochschulen tätigen Wissenschaftler sehen sich in Zeiten von Bologna-Reform und Exzellenzinitiativen genötigt, pausenlos zu »liefern« und immer größere Mengen an Leistungsnachweisen zu erbringen, ohne dass damit die Qualität von Lehre und Forschung wirklich verbürgt wäre.

Im Übrigen sind natürlich auch wir in der Mittelweg-Redaktion Subjekte bei der Arbeit, und ebendiese wird sich mit dem Jahreswechsel leicht verändern. Am 1. April 2015 wird – nach einem etwas längeren Intervall als üblich – ein erstes Doppelheft des Mittelweg 36 erscheinen, das sich dem sogenannten »emotional turn« in den historischen Sozial- und Kulturwissenschaften widmet. Zwar ist die Doppelnummer des kommenden Frühjahrs als eine Ausnahme innerhalb des ansonsten aus den gewohnten Einzelheften bestehenden Jahrgangs geplant, doch läutet sie zwei weitere Neuerungen ein: Ab 2015 erscheint der Mittelweg 36 am ersten Tag jedes geraden Monats. Außerdem zeigen wir uns im 24. Jahrgang mit einem leicht veränderten Erscheinungsbild. Seien Sie gespannt – und kommen Sie gut ins neue Jahr!

Die Redaktion


Philipp Staab

Metamorphosen der Fabriksozialisation. Zur Produktion des Arbeiters in Vergangenheit und Gegenwart

Kaum ein Thema beschäftigt Soziologie wie Öffentlichkeit in der Bundesrepublik derzeit so nachhaltig wie die »Explosion der Ungleichheit«. Lebenschancen gelten im Zeichen der Expansion des Niedriglohnsektors, prekärer Beschäftigung, prospektiver Altersarmut und geringer sozialer Mobilität als gefährdet. Unterschiedliche Gründe werden für die Verschärfung der Ungleichheit angeführt: Die Neujustierung des Sozialen unter neoliberalen Vorzeichen seit den 1980er Jahren, der Umbau der bundesrepublikanischen Sozialsysteme und die zugehörigen Arbeitsmarktreformen im neuen Jahrtausend sowie die unterschiedlichen Wellen der Finanzkrise seit 2008/09, all diese Faktoren haben, wie vielerorts betont wird, ihre Spuren in der Sozialstruktur hinterlassen. In der Bundesrepublik ist es allerdings vor allem der Strukturwandel des Arbeitsmarktes, der die Entwicklung sozialer Ungleichheit prägt. Es befinden sich derzeit so viele Personen in Beschäftigung wie noch nie in der Geschichte, während gleichzeitig die Arbeitslosenquote die niedrigste seit der Wiedervereinigung ist. Nicht mehr der Ausschluss vom, sondern die spezifische Form der Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt wird damit zur entscheidenden Dimension für die Entwicklung sozialer Ungleichheit. Die langfristige Transformation des deutschen Arbeitsmarktes ist vor allem gekennzeichnet durch einen Wandel der Berufsstruktur weg von einer primär industriell getragenen, hin zu einer auf Dienstleistungsberufen basierenden Arbeitswelt. Dieser Prozess hat die Sozialstruktur der Industriegesellschaft in mindestens zwei Segmenten entscheidend verändert: In den mittleren Lagen der Gesellschaft haben die sogenannten Dienstklassen hohe Zuwächse erlebt (…)

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Weitere Beiträge von Philipp Staab


Klaus Naumann

Das politische Gefechtsfeld. Militärische Berufsbilder in den Neuen Kriegen

Der Einsatz militärischer Gewalt steckt in einer dreifachen Krise. Auf diese einfache Formel lassen sich die zurückliegenden Interventionskriege und die aktuellen Gewaltkonflikte bringen. Nutzen und Legitimation dieser Gewalteinsätze sind politisch, rechtlich wie ethisch heftig umstritten; auch die Nützlichkeit und Angemessenheit militärischen Gewalthandelns bei konkreten Konflikten steht in Frage; zudem sind die Konsequenzen für die militärische Organisation und Professionalität alles andere als klar. Gleichzeitig spitzen sich postimperiale und postkonventionelle Konfliktlagen zu. Die überkommenen Grenzbestimmungen kriegerischer Gewalt drohen in »hybriden« Konfrontationen zu verschwimmen, und die herkömmliche staatliche Rahmung von Gewaltkonflikten scheint in Umwelten »fragiler« oder instabiler Ordnungsmächte verloren zu gehen. Auf absehbare Zeit wird das so bleiben. Welche Auswirkungen diese Trends auf die militärische Professionalität haben werden (oder haben sollen), ist eine offene Frage – und das umso mehr, je mehr die Diskussion um das Berufsbild des »Einsatzsoldaten«, die seit einiger Zeit die Bundeswehr (wie auch andere Streitkräfte) sowie die Fachöffentlichkeit umtreibt, von der Vielfalt der genannten Krisenfaktoren isoliert wird. Ob der künftige Einsatzsoldat nun »Kämpfer« oder »Allrounder«, »bewaffneter Sozialarbeiter« oder »Spezialist in Verantwortungsethik« sein soll (…)

Weitere Beiträge von Klaus Naumann


Heiko Biehl

Kämpfer auf dem Vormarsch?. Über die Folgen von Einsatz und Gefecht für die Bundeswehr

Vor einem guten Jahrzehnt diskutierte die internationale Öffentlichkeit ebenso wie die Wissenschaft heftig über die Neuen Kriege (Kaldor 1999; Münkler 2002) – ein Konzept, das infolge der Terroranschläge des 11. September 2001 und der Auslandsengagements der Bundeswehr, die mit der Teilnahme am Kosovokrieg und dem Afghanistaneinsatz eine neue Qualität erreichten, an Plausibilität gewann. Der Begriff bot sich als Ordnungsersatz für den Ost-West-Konflikt an, der bis 1991 die internationale Politik geprägt hatte. Zwar gewährte die Zuschreibung »Neue Kriege« nicht dieselbe Klarheit wie die Freund-Feind-Kategorisierung des Kalten Krieges; dies entsprach aber exakt den Unübersichtlichkeiten und Ambivalenzen des Konfliktgeschehens und wurde deshalb als Stärke gewertet. In der akademischen Auseinandersetzung stand anfangs die empirische Evidenz der Neuen Kriege im Mittelpunkt. Mittlerweile hat sich die Diskussion auf die Folgen kriegerischer Konflikte für die westlichen Staaten und ihre Streitkräfte verlegt. Aus außen- und sicherheitspolitischer Perspektive wird darüber gestritten, ob Beteiligungen an Interventionen sinnvoll sind und unter welchen Rahmenbedingungen sie erfolgreich verlaufen können. Die internationalen Engagements des vergangenen Jahrzehnts haben allenfalls eine gemischte Bilanz hinterlassen und die Scheu vor weiteren Missionen bestärkt. Der verteidigungspolitische und militärsoziologische Blick gilt den Konsequenzen der Konflikte und Einsätze für die Streitkräfte. In der einschlägigen Literatur schließen normative Beiträge, funktionale und empirische Analysen an eine Anfang der 1990er Jahre einsetzende Debatte an. Bereits seit den ersten Auslandseinsätzen der Bundeswehr wird darüber diskutiert, welche Veränderungen die internationalen Missionen für das Soldatenbild der Gesellschaft und das Selbstverständnis der deutschen Streitkräfte mit sich bringen beziehungsweise was dies für die zivil-militärischen Beziehungen hierzulande bedeutet (…)

Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte

Klaas Voß

Die Enden der Parabel. Die Nuklearwaffenübung »Able Archer« im Krisenjahr 1983

»In dem als postmodernes Meisterwerk bezeichneten Gravity’s Rainbow (1973, deutscher Titel: Die Enden der Parabel) konzentriert Thomas Pynchon seine Erzählung auf die Darstellung destruktiver Kräfte, die von technologischen Errungenschaften und historischen Ereignissen [im Kalten Krieg] ausgehen. Das sich auf über 800 Seiten entfaltende Panorama von Paranoia und Schizophrenie wird durch die im Titel des Romans angedeutete Flugbahn einer [Pershing-II-Rakete] zusammengehalten […].« (Hubert Zapf, Amerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2004, S. 355) Der militärische Code »Broken Arrow« (»Zerbrochener Pfeil«), nicht zu verwechseln mit »Empty Quiver« (»Leerer Köcher«) oder »Bent Spear« (»Verbogener Speer«), bezeichnet laut einer 1983 herausgegebenen Direktive des US-Verteidigungsministeriums einen Unfall mit einer Nuklearwaffe, einem Gefechtskopf oder einer nuklearen Komponente. Ein »Able Archer« (»Tüchtiger Bogenschütze«) ist dementsprechend im Umgang mit den hier durch Pfeile symbolisierten Nuklearwaffen versiert und versteht es, diese Waffen ohne Missgeschicke einzusetzen. So erklärt sich der Name der NATO-Kommandostabsübung »Able Archer 83«, die vom 7. bis 11. November 1983 den Übergang von einem konventionellen zu einem nuklearen Krieg gegen die Sowjetunion simulieren sollte. Diese recht plausible Erklärung ist leider reine Mutmaßung des Autors. Doch verweist ein solcher Einstieg auf ein Grundproblem jedweder Beschäftigung mit der Able-Archer-Krise (…)

Weitere Beiträge von Klaas Voß


Michael Huber

Schreiben lernen!. Schriftlichkeit in der Wissenschaft

Wissenschaftliches Schreiben wird in der Wissenschaftsforschung meist im Hinblick auf die Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften und Verlage sowie die durch sie beschleunigte wissenschaftliche Kommunikation besprochen. Schreiben wird dabei als eine individuelle Fertigkeit vorausgesetzt, deren Aneignung außerhalb der Wissenschaft erfolgt. In geisteswissenschaftlichen Untersuchungen wird bei der Beschäftigung mit dem Schreibprozess der Schwerpunkt auf die kreative Leistung des belletristischen, in wenigen Fällen auch des wissenschaftlichen Autors gelegt. Die Forschung beschäftigt sich folglich mit dem Schreibstil, genreabhängigen Differenzen und individuellen Schreibstrategien (Übersicht: Günther/Ludwig 1994–1996); wissenschaftliches Schreiben als eigenes Genre wird insbesondere im Hinblick auf disziplinäre Schreibstile analysiert (vgl.Kennedy/Kennedy 2008). Die neuere soziologische Forschung konzentriert sich sowohl auf die Frage, »wie der individuelle Schriftgebrauch in Kulturen der Wissensproduktion eingebettet ist bzw. wie intellektuelle Technologien sozial vermittelt werden« (Engert/Krey 2013), als auch auf das Erlernen des wissenschaftlichen Schreibens in der akademischen Lehre, das den Studierenden eine neue Reflexionsebene erschließen soll (Pelton 2013; siehe auch Abschnitt 4). Wir wissen also, wie in der Wissenschaft und ihren Disziplinen geschrieben wird, und die Frage, warum in der Wissenschaft geschrieben wird, beantworten wir meist mit Hinweisen auf die individuelle Motivationslage und die Maxime aller wissenschaftlichen Karrieren: Publish or Perish. Betrachtet man den Schreibprozess jedoch nicht aus der Perspektive individueller Laufbahnen, sondern aus der Sicht der Organisation Universität, zeigt sich schnell, dass der Zweck des wissenschaftlichen Schreibens nicht allein in der innerwissenschaftlichen Kommunikation liegt (…)

Aus der Protest-Chronik

11. August 2014 Der pensionierte niederländische Richter Henk Zanoli gibt eine Medaille zurück, die ihm und seiner Mutter Johanna Zanoli-Smit drei Jahre zuvor von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Anerkennung für die Rettung eines jüdischen Jungen während der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht verliehen wurde. Er verzichtet damit zugleich darauf, weiterhin als einer der »Gerechten unter den Völkern« genannt zu werden. In einem Schreiben, das er dem israelischen Botschafter Haim Davon in den Niederlanden per Boten zukommen lässt, begründet er seinen Schritt ausführlich: Betrifft: Rückgabe der Ehrenmedaille Exzellenz, es schmerzt mich sehr, dass ich Ihnen hiermit die Medaille zurückgeben muss, die ich als Ehrenbezeugung und Zeichen der Wertschätzung des Staates Israel für die Anstrengungen und Risiken, die meine Mutter und ihre Familie während der deutschen Besatzung der Niederlande auf sich nahmen, um das Leben eines jüdischen Jungen zu retten, empfangen habe (…)

Weitere Beiträge von Wolfgang Kraushaar