Heft 6 - Dezember/Januar

Von Maschinen und Menschen – Arbeit im digitalen Kapitalismus

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Philipp Staab

The Next Great Transformation. Ein Vorwort

Eine neue Technikfrage geistert seit einiger Zeit durch die Öffentlichkeit. Sachbuchautoren widmen sich zunehmend den sozialen Implikationen aktueller technischer Innovationen, die unter dem Begriff »Digitalisierung« gefasst werden.1 Einen besonderen Schwerpunkt bilden die möglichen Konsequenzen neuer technischer Entwicklungen für die Arbeitswelt. Dabei propagieren die Vordenker der digital-mechanischen Revolution weitgehend optimistische Visionen: Chancen auf massive Produktivitätssteigerungen und eine Aufwertung vieler Berufstätigkeiten durch Autonomiegewinne im Arbeitsprozess definieren neben der Entlastung von schwerer körperlicher Arbeit den Erwartungshorizont.2 Die Ausblicke auf die nahe Zukunft werden von einem historischen Bewusstsein unterfüttert, das die Ambivalenzen technischer Regulierungen in der Arbeitswelt durchaus erinnert, vor allem aber deren langfristig positive Folgen vergegenwärtigt: Zwar hatte der Einzug maschineller Technik in die industriellen Fertigungsanlagen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zunächst eine Dequalifizierungsdynamik von Arbeit in Gang gesetzt.3 Zudem etablierte das Fließband, das eine lückenlose Kontrolle des Arbeitsprozesses und der darin Tätigen gestattete, eine rigide innerbetriebliche Herrschaftsform. Gleichwohl zog die wissenschaftliche Betriebsführung Taylors den Ausbau von Beschäftigung in der Industrie nach sich. (…)

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Sabine Pfeiffer

Warum reden wir eigentlich über Industrie 4.0?. Auf dem Weg zum digitalen Despotismus

Glaubt man den hochfliegenden Visionen, die unter dem Stichwort »Industrie 4.0« firmieren, sehen wir glorreichen Zeiten entgegen. Endlich, so scheint es, können einige der großen Probleme unserer Gesellschaft gelöst werden. Gerade die in den vergangenen Jahren als widersprüchlich erlebten Entwicklungen der Arbeitswelt sollen sich harmonisch in Win-win-Konstellationen auflösen. (...) Die propagierte Utopie beschwört das immer wieder bemühte Diktum, der Mensch werde im Mittelpunkt der Produktion stehen, betont dieses Mal – anders als im Rahmen der Computer Integrated Manufacturing-Debatte – allerdings, dass keine menschenleere Fabrik angesteuert werde. Schon einmal hatte das Computer Integrated Manufacturing für das Projekt einer übergreifenden, datentechnischen Vernetzung der Produktion gestanden, die zu mehr Flexibilität führen werde. Seinerzeit wurde allerdings das Ziel der menschenleeren Fabrik explizit ausgerufen. Die sprichwörtlich gewordenen »CIM-Ruinen« und das Menetekel der Halle 54 bei Volkswagen zeugen jedoch davon, dass beide Zielvorgaben – zumindest damals – nicht erreicht wurden.2 Jetzt präsentiert man uns also eine nächste Vernetzungsvision, nun allerdings mit dem Menschen statt ohne ihn. (…)

Rudi Schmiede

Homo faber digitalis?. Zur Dialektik von technischem Fortschritt und Arbeitsorganisation

Das Verhältnis von Arbeit und Technik – weniger das beider zur Organisation – beschäftigt die Sozialwissenschaften seit ihrer Entstehung. Dabei wurden und werden zahlreiche Fragen und Zusammenhänge thematisiert und debattiert, die hier nur kursorisch angesprochen werden können. Die tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses von Technik und Arbeit gilt als ein zentrales Merkmal der industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts; ebenso wurden auch deren weitere Etappen unter Rekurs auf epochale Veränderungen in den Bereichen von Arbeit und Technik definiert. War man gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch mit der Analyse der dritten industriellen Revolution beschäftigt,(1) so ist heute bereits von der vierten industriellen Revolution die Rede – oder kurz von Industrie 4.0.(2) Eine wichtige Rolle spielte dabei stets die enorme Bedeutung, die Technik und Arbeit für Entwicklung und Wohlstand der Gesellschaften beigemessen wurde: Von Adam Smith bis hin zu Joseph A. Schumpeter wurde der Fortschritt der Industrie – das heißt von Arbeit und Technik – gleichgesetzt mit dem Fortschritt auf zahlreichen anderen Gebieten, verband sich mit dem Glauben an technische Neuerungen und Innovationen die Hoffnung auf wachsenden Wohlstand, bessere Versorgung und einen Zugewinn individueller Chancen. (…)

Oliver Nachtwey, Philipp Staab

Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus

Die Informatisierung ökonomischer Prozesse ist ein seit mehreren Dekaden andauernder Prozess.2 Heute verdichten sich allerdings die Hinweise, dass wir uns mitten in einem Technisierungsschub neuer Qualität befinden. Revolutionen in Datenspeicherung, -verarbeitung und -verfügbarkeit (Big Data), die fortschreitende Verbreitung und Vernetzung digitaler Endgeräte bei Produzenten und Verbrauchern sowie intelligente Algorithmen ermöglichen Transformationen von Arbeitsorganisationen, Arbeitskraftangebot und -nachfrage auf digitalen Marktplätzen, günstige, flexibel einsetzbare und schnell programmierbare Service- und Industrieroboter sowie neuartige Produktionsabläufe und eine Reorganisation von Liefer- und Serviceketten zwischen Kunden, Produzenten und Zulieferbetrieben. In der Bundesrepublik werden die wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung vornehmlich unter dem Stichwort »Industrie 4.0« diskutiert. Es ist allerdings keinesfalls ausgemacht, dass sich die entscheidenden Transformationen des Wirtschaftens nur im industriellen Sektor abspielen werden. Die Digitalisierung der Wirtschaft betrifft potenziell alle Bereiche der Produktion und alle Segmente des Arbeitsmarktes und kann daher als Grundlage für begründete Einschätzungen möglicher Transformationen im gegenwärtigen Kapitalismus dienen. (…)

Weitere Beiträge von Philipp Staab


Constanze Kurz

Die nächste industrielle Revolution?. Ein Gespräch mit Constanze Kurz (IG Metall) über »Industrie 4.0«

Constanze Kurz: »Industrie 4.0« bezeichnet keinen völlig neuen Abschnitt technischer Entwicklung. Schon heute haben wir in der Produktion eine Vielzahl intelligenter Maschinen, die zu einer integrierten Bearbeitung komplexer Arbeitsschritte in der Lage sind. Die Hände, Füße und Augen dieser Maschinen können nun allerdings durch Sensortechnik und Aktuatorik in bisher ungekanntem Ausmaß optimiert werden. Damit gewinnen die Maschinen an Autonomie gegenüber jenen Menschen, die sie bisher bedient und an den Schnittstellen zwischen einzelnen Abschnitten der industriellen Fertigungsprozesse den reibungslosen Ablauf der Produktion sichergestellt haben. Zudem sollen die bisherigen Trennungen zwischen unterschiedlichen Maschinensprachen, Softwareprogrammen und Steuerungsebenen im Betrieb, aber auch in den erweiterten Wertschöpfungsketten, also jenseits der jeweiligen Betriebsmauern, überwunden werden. Die Maschinen der Industrie 4.0 sind immer stärker vernetzt, können untereinander kommunizieren, sich beispielsweise mitteilen, wann sie Nachschub an Rohmaterial, technischen Support und Ersatzteile brauchen und wann der nächste Abschnitt des Produktionsprozesses mit einer spezifizierbaren Menge an Arbeit zu rechnen hat. Das große Risiko von Industrie 4.0 betrifft die Frage der quantitativen Entwicklung von Beschäftigung. Wird Industrie 4.0 Arbeitsplätze kosten? Welche Tätigkeiten tragen ein besonderes Risiko? Wo könnten etwaige Beschäftigungsverluste kompensiert, wie kann der Wandel der Produktion human gestaltet werden? Auf diese Fragen haben wir noch keine definitiven Antworten, aber doch immerhin einige Hinweise zu dem, was möglich ist: Vor allem die Angelernten könnte die aktuelle Digitalisierungsdynamik treffen, weil die Lücke zwischen den formalen Anforderungen der Angelerntentätigkeiten und den Skills, die im Rahmen von Industrie-4.0-Prozessen benötigt werden, groß ist. Man muss sich daher die Frage stellen, welche Gruppen besonders nachteilig betroffen sein werden, aber auch, ob etwaige Beschäftigungsverluste tatsächlich durch Marktwachstum und neue Stellen wettgemacht werden. (…)

Literaturbeilage

Alexandra Schauer

Die blinden Flecken der Soziologie

Die Soziologie hat sich seit jeher als Wissenschaft von der Gesellschaft verstanden. Umso merkwürdiger muss erscheinen, wie wenig sich diese Sozialwissenschaft mit dem Nationalsozialismus und den gesellschaftlichen Transformationen beschäftigt hat, die er ausgelöst hat. Während andere Disziplinen, allen voran die Geschichtswissenschaft, dem »Zivilisationsbruch« Auschwitz1 auf die Spuren zu kommen suchten, schwieg sich die Soziologie weitgehend aus. Eine Analyse des Alltags, der Institutionen und Akteure der nationalsozialistischen Gesellschaft hat sie nicht vorgelegt, auch dem versteckten Fortleben der nationalsozialistischen Vergangenheit in der bundesdeutschen Gegenwart ist sie nicht nachgegangen. Am Historikerstreit Ende der 1980er-Jahre, einer der bedeutendsten zeitgeschichtlichen Debatten in der Bundesrepublik, war mit Jürgen Habermas ein einziger Soziologe beteiligt. Ist der Nationalsozialismus gar kein Thema für die Soziologie? Die Nichtbeachtung des Nationalsozialismus hat in der Soziologie eine lange Tradition. Zwar entstanden bereits in den 1930er-Jahren einige soziologische Arbeiten zum Nationalsozialismus, sie stammen jedoch zumeist aus der Feder von Soziologen, die entweder – wie Hans Freyer oder Othmar Spann – mit dem Nationalsozialismus sympathisierten oder von Gesellschaftswissenschaftlern, die sich – wie die Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – durch den Nationalsozialismus politisch, beruflich und persönlich bedroht sahen. Das Gros der Soziologie der Weimarer Republik zeigte sich am Aufstieg des Nationalsozialismus hingegen wenig interessiert. Zu sehr waren ihre Vertreter im Verlangen nach akademischer Respektabilität mit Fragen des disziplinären Selbstverständnisses beschäftigt. Von der nationalsozialistischen Herrschaft eingeholt, wurden zwei Drittel der deutschen Soziologen zur Emigration gezwungen. Der Rest blieb in Deutschland und arrangierte sich mehr oder weniger mit dem neuen Regime, wenn er sich nicht aktiv engagierte. (...)
Michael Wildt

Der Holocaust, organisationssoziologisch betrachtet . Ein Lehrstück für Historiker

Es ist ein seltsames Phänomen, dass die Soziologie zum zentralen Gewaltgeschehen des 20. Jahrhunderts, dem Holocaust, über vierzig Jahre hinweg nur wenige wichtige Bücher hervorgebracht hat. Nach den Studien des Instituts für Sozialforschung und anderer Soziologen im Exil sind vor allem die Arbeiten von Ralf Dahrendorf (Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, 1965), M. Rainer Lepsius, Wolfgang Sofsky (Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, 1992) und Zygmunt Baumans prägende Theorie einer genozidalen Moderne (Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, 1989) zu nennen. (...) Der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl, Jahrgang 1966, kritisiert in seinem 2014 erschienenen Buch Ganz normale Organisationen das karikaturhafte, »letztlich auf Max Weber zurückgehende Verständnis von Organisationen « (S. 25), das dazu eingeladen hatte, den Staat schlicht mit Bürokratie gleichzusetzen, um ihm analytisch dann mithilfe von Begriffen wie Effizienz, Eindeutigkeit, Aktenführung, optimaler Nutzung von Ressourcen, fachmännischer Vorgehensweise etc. beizukommen. Von diesem herrschaftssoziologischen Paradigma setzt sich Kühl deutlich ab. Er geht von einem ungleich feinkörnigeren, organisationssoziologischen Ansatz aus, wie ihn die Systemtheorie mit und nach Niklas Luhmann ausgefeilt hat. Weder abstrakte Strukturen noch konkrete Akteure interessieren ihn, vielmehr wendet er sich handelnden Personen in ihrem Status als Angehörige oder Mitglieder von Organisationen zu. »Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Frage, die zu den umstrittensten der Holocaustforschung gehört: weswegen ›ganz normale Männer‹ und in einer Reihe von Fällen auch ›ganz normale Frauen‹ bereit waren, Hunderte, ja manchmal Tausende von Männern, Frauen und Kindern zu demütigen, zu quälen und zu töten.« (...)

Weitere Beiträge von Michael Wildt


Aus der Protest-Chronik

Immer wieder kommt es vor, dass Trauerfeiern zu politischen Manifestationen, zuweilen gar zu Protestkundgebungen werden – zumal in autoritären und totalitären Staaten, in denen sich politischer Protest nicht ohne Weiteres artikulieren kann. So auch an einem sonnigen Herbsttag des Jahres 1984 in Polen. Zur Beerdigung des Priesters Jerzy Popiełuszko, der nur 37 Jahre alt geworden ist, hat sich vor dessen Gemeindekirche St. Stanisław Kostka im Warschauer Stadtteil Żoliborz eine schier unüberschaubare Menschenmenge eingefunden. Unabhängige Beobachter sprechen von mehreren Hunderttausend Trauernden, wobei die Zahlenangaben zwischen 250 000 und 800 000 Menschen schwanken. Schon die quantitative Dimension des Ereignisses verrät, dass es sich hier nicht um eine Begräbnisfeier im üblichen Sinne handeln kann. Der Tod des Priesters ist in Polen ein Politikum ersten Ranges. Wer dem Toten die Ehre erweist, zeigt damit zugleich, dass er sich mit Popiełuszkos oppositioneller Haltung gegenüber dem kommunistischen Regime solidarisiert. Daher stellt die Trauerfeier auch eine Massendemonstration dar. Der Literaturwissenschaftler Karol Sauerland (*1936), der den Lehrstuhl für Germanistik an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń innehat, hält unter dem Eindruck der Totenmesse in seinem Tagebuch fest, der Priester werde wohl »der erste Märtyrer und Heilige« der Volksrepublik Polen werden. Für die katholische Kirche des Landes werde er damit die Nachfolge des im Dezember 1939 zusammen mit vierzig seiner Ordensbrüder von der Gestapo verhafteten und anderthalb Jahre später in Auschwitz ermordeten Franziskaner-Paters Maximilian Kolbe (1894–1941) antreten. (…)