Konstrukt Südeuropa

Mittelweg 36, Heft 5 | 2018 Oktober/November 2018

Auf den mentalen Landkarten ihrer nördlichen Nachbarn waren die Länder der Mittelmeerregion lange Zeit als Sehnsuchtsorte verzeichnet. Sozialwissenschaftlern und Ökonomen galten sie als Beispiele gelingender Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse. Im Zuge der Eurokrise sowie der sogenannten »Flüchtlingskrise« hat sich der Blick auf Europas Süden gewandelt und Fragen wie die nach dem Verhältnis von staatlicher Souveränität und zwischenstaatlicher Solidarität oder von Parlamentarismus und Populismus ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Doch was heißt es, wenn in den betreffenden Debatten häufig nicht mehr von den einzelnen Staaten, sondern von Südeuropa als Raum oder Region die Rede ist? Diesen und anderen Fragen gehen die soziologisch und historisch ausgerichteten Beiträge des aktuellen Themenheftes »Konstrukt Südeuropa« nach.

Zum Auftakt nimmt Philipp Müller eine »Raumbegehung« vor, um am Beispiel Südeuropas die unterschiedlichen politischen Implikationen der Verwendung von Regionalbegriffen zu erörtern. Anschließend lädt Martin Baumeister zu einem Streifzug durch die jüngere europäische Geschichte ein und nimmt die wechselnden Darstellungen der Mittelmeerregion als »Mythos, Gegenbild, Utopie« zum Anlass, um über den Süden Europas als transnationalen Geschichtsraum nachzudenken. Unter dem Titel »Gehegte Demokratie« thematisiert Clara Meier die rechtlichen und politischen Konsequenzen, welche die Bundesrepublik und Spanien aus ihren je eigenen Erfahrungen mit diktatorischen Regimen gezogen haben, wobei ihr besonderes Augenmerk den Vorbehalten gegenüber dem Konzept der Volkssouveränität gilt. Um das Volk als Souverän geht es auch in Jan-Werner Müllers Beitrag »Avanti dilettanti?«, der sich in demokratietheoretischer Perspektive mit den populistischen Bewegungen Podemos in Spanien und M5S in Italien auseinandersetzt und nach deren Erneuerungspotenzial für eine postrepräsentative Demokratie fragt. »Die Politische Ökonomie Südeuropas« nimmt Philip Manow in den Blick, der in vergleichender Perspektive die doppelte Frage zu beantworten sucht, warum und in welcher Hinsicht die südlichen Länder Europas ein spezifisches, vom kontinentalen, skandinavischen und angelsächsischen zu unterscheidendes Wirtschafts- und Sozialmodell hervorgebracht haben. Im abschließenden Beitrag rekonstruiert Helen Thompson den Weg der südeuropäischen Staaten in die Währungsunion und beschreibt ihre Rolle als »Sündenbock und Lastenesel« vor dem Hintergrund der 2008 einsetzenden Finanz- und Eurokrise.
In der »Protest-Chronik« erinnert Wolfgang Kraushaar an die von exzessiver Polizeigewalt geprägten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im Umfeld des Parteitags der Demokraten in Chicago zwischen dem 25. und 28. August 1968, deren weitreichende Folgen die innenpolitische Situation der USA nachhaltig veränderten.