Ausschreibung von bis zu drei Promotionsstipendien - Monetäre Ordnungen in der kapitalistischen Moderne

Das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) schreibt bis zu drei Stipendien für Promotionsprojekte aus, die mit dem Ziel einer Weiterentwicklung geldtheoretischer Debatten empirische Phänomene monetärer (Un-)Ordnungen analysieren sollen. Sie konzentrieren sich auf von der Forschung bisher unbeachtete Begebenheiten und/oder widmen sich bekannter Empirie mit dem Ziel der Aufklärung durch neue theoretische Ansätze. Natürlich können auch die Ideen selbst zum Gegenstand der Beobachtung werden, sofern dies mit Bezug auf monetäre Realitäten erfolgt.

Die Ausschreibung reagiert auf Entwicklungen in der Wirtschaftssoziologie, Kapitalismusgeschichte, politischen Ökonomie und Anthropologie ökonomischer Praktiken, die moderne Wirtschaftsformen wieder verstärkt als Geldwirtschaften reflektieren und diese Reflexionen auf konzeptionelle Überlegungen zur Frage gründen, was Geld eigentlich ist. Zu lange war besonders der wirtschaftssoziologische, wirtschaftshistorische und auch politökonomische Blick von „Geldvergessenheit“ geprägt. Moderne Wirtschaft wurde als Markttauschwirtschaft untersucht, die Geld zwar als Funktionsbedingung voraussetzt, aber nicht vom Geld her gedacht wird. Obwohl empirisch ubiquitär, war Geld für die Analyse von Vermarktlichungsprozessen und Tauschhandlungen theoretisch nachrangig. Empirische Beobachtungen des Geldes und ihre theoretische Reflexion in das Zentrum der Kapitalismusforschung zu stellen, ermöglicht aber Alternativen zu festgefahrenen Konzeptualisierungen moderner Ökonomien weiterzuentwickeln.

Die Stipendien werden für innovative Projektideen vergeben, die sich kritisch mit diesen Theoriedebatten auseinandersetzen und in denen eigenständige Positionen artikuliert werden. Dabei muss keine Vorentscheidung darüber getroffen werden, ob Geld nun als Zahlungsmedium, „absolutes“ (Tausch-)Mittel, Kredit, also Gläubiger-Schuldner-Beziehung, als Diversität kulturell geprägter monetärer Praktiken oder ganz anders zu thematisieren ist. Es kommt darauf an, die Theorieentscheidungen durch sorgsames Nachdenken und gewissenhafte Prüfung im Kontext aktueller Debatten konkurrenzfähig zu machen.  Keinesfalls darf die folgende Liste möglicher Themen deswegen als abschließend aufgefasst werden:

  • Wie und warum entstehen alternative Zahlungsmittel (etwa Lokal- oder Kryptowährungen) und wie koexistieren multiple Gelder und monetäre Ordnungen miteinander, welche Interferenzen entstehen zwischen ihnen und welche sozialen Effekte zeitigen diese Wechselwirkungen?
  • Welche Rolle spielen monetäre Ordnungen für makroskopische Entwicklungen globaler Ungleichheiten?
  • Hängen Veränderungen oder strukturelle Kontinuitäten monetärer Ordnungen mit anderen sozio-ökonomischen Transformationsprozessen, etwa der Digitalisierung, zusammen?
  • Wie hat sich die funktionale, ökonomische oder soziale Bedeutung von Bargeld verändert, wie ist die gegenwärtige Debatte um Chancen und Gefahren einer Abschaffung des Bargeldes aus geldsoziologischer und politökonomischer Perspektive einzuschätzen? Welche Relevanz hat Bargeld als Geschäftsfeld und Wachstumsmarkt für die Geldforschung und Geldtheorie?
  • Welche Bedeutung haben monetäre Hierarchien zwischen Währungen und Geldformen für globale Machtverhältnisse, wie verändern sich diese Verhältnisse durch Transformationen der globalen Ökonomie und den ökonomischen Aufstieg von Staaten und Regionen?
  • Welche Bedeutung haben monetäre Hierarchien zwischen Währungen und Geldformen und die Übertragung des Privilegs der Geldschöpfung auf private Banken für die wirtschaftliche Dynamik und die Stabilität des finanzialisierten Kapitalismus?
  • Welche Rolle spielen Staaten im Kontext monetärer Ordnungen in den Theorien, allgemeinen Vorstellungen und sich wandelnden ökonomischen Realitäten? Wie verändert sich „monetäre Souveränität“?
  • Inwieweit lassen sich Konstruktion, Entwicklung und Krise der supranationalen Währung Europas durch die Debatten der Geldforschung erkenntnisfördernd aufarbeiten?
  • Haben Finanz- und Wirtschaftskrisen geldtheoretische Dimensionen?
  • Welche Rolle spielt der Wert oder die Kaufkraft des Geldes für verschiedene Theorien und welche Erklärungsansätze haben und brauchen wir, um die Veränderung von Geldwerten und Geldwertrelationen zu erfassen? Ist eine nichtökonomische Theorie der Inflation erforderlich und wie könnte diese aussehen?
  • Benötigt man eine theoriesensible Aufarbeitung der Ideengeschichte des Geldes und monetärer Ordnungen?
  • Welche sozialen Konflikte um das Design monetärer Ordnungen müssen in gegenwartsdiagnostischer und historischer Perspektive unterschieden werden, d.h. wie geldsensibel muss die Kapitalismusgeschichte sein?

Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat traditionell einen Schwerpunkt in der Gewaltforschung. Forschungsprojekte, die Brücken zwischen gewalttheoretischen Debatten und Analysen monetärer (Un-)Ordnungen schlagen können, sind deswegen selbstverständlich willkommen.

Die Stipendien haben eine Höhe von monatlich 1400 Euro. Dabei handelt es sich um einen Grundbetrag.  Hinzu kommt ggf. ein Kinderzuschlag, weitere Zuschläge sind möglich. Ausführliche Informationen dazu finden sich hier. Die Stipendien  werden über 2 Jahre vergeben.  Es besteht eine Option auf Verlängerung um bis zu 2 Jahre.

Stipendienfinanzierte Forschungsprojekte verfügen am HIS außerdem über ein den Bedürfnissen des jeweiligen Projekts angemessenes Budget für Reisen, Bücher und andere Forschungsmittel. Ein Arbeitsplatz wird bereitgestellt, eine verbindliche, regelmäßige Präsenz am HIS wird für die Dauer der Stipendienlaufzeit erwartet.

Bewerbungsvoraussetzung ist ein überdurchschnittlich abgeschlossenes Masterstudium der Soziologie, Geschichte, Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft, Ökonomie oder eines verwandten Fachs.

Bewerbungen mit  Anschreiben,  Lebenslauf,  einer  wissenschaftlichen  Arbeitsprobe (Abschlussarbeit, Hausarbeit), Zeugnissen mit Einzelnotenübersicht  und  einer Erläuterung des Promotionsvorhabens oder einer Sammlung von Ideenskizzen (bis zu 5 Seiten)  sind gebündelt  in  einem  PDF-Dokument per E-Mail unter monetary-orders(at)his-online.de einzureichen. Der Einsendeschluss ist der 18.11.2018. Die Förderung beginnt frühestens am 01.03.2019.

Inhaltliche Rückfragen können gerne an die angegebene E-Mailadresse gerichtet werden.