Kollektive sexuelle Gewalt. Eine gewaltsoziologische Untersuchung

Forschungsgruppen - Makrogewalt
Projektstart: November 2015

Ziel des Dissertationsprojektes ist es, eine – in der Forschung bislang fehlende – dezidiert gewaltsoziologische Perspektive auf gemeinschaftliche sexuelle Gewalt zu entwickeln. Eine solche Perspektive verspricht in zwei Richtungen neue Einsichten: Erstens sollen damit die Begriffe der sexuellen Gewalt und Vergewaltigung mit Erkenntnissen jüngerer Gewaltforschung präzisiert werden, um so die Spezifik sexueller Gewalt soziologisch in den Griff zu bekommen. Zweitens bietet die bislang in der Gewaltsoziologie nur wenig beachtete Konstellation der sexuellen Gewalt eine Möglichkeit, die Reduktionsmen und Schwächen eine vornehmlich situationistischen Gewaltforschung aufzuzeigen und auch hier präzisierend einzugreifen.

Das Vorgehen entlang ausgewählter empirischer Fälle fokussiert sich dabei auf folgende Aspekte: Zunächst ist insbesondere für einen engen und situationsbezogenen Gewaltbegriff wichtig zu klären, was eigentlich die Merkmale und Besonderheiten sexueller Gewalt sind: Welche Bedeutung hat das Sexuelle in sexueller Gewalt und wie soll sich ein engerer oder phänomenologischer Begriff sexueller Gewalt zu gesellschaftlichen Verhältnissen und strukturellen Fragen des Geschlechts verhalten? Die soziale Konstruktion sexueller Gewalt beinhaltet ein letztlich noch unklares Verhältnis von unmittelbarer körperlicher Erfahrbarkeit und diskursiver Aushandlung, von körperlichem Übergriff und sozialer und politischer Ordnungsherstellung. Die Verschränkungen und Wechselwirkungen beider Ebenen stehen daher im Zentrum des Projekts. Das bedeutet, dass sich die Analyse vor allem auf den situativen Ausdruck jener Normativität konzentriert, die sexueller Gewalt inhärent ist. Der Fokus auf gemeinschaftliche sexuelle Übergriffe macht die soziale Aushandlung dieser Prozesse sichtbar, denn das kollektive Handeln setzt – so die These – die Verständigung über situativ geltende Normen voraus, die so sicht- und beobachtbar werden. Bindeglied zwischen Normen und einem gemeinsamen in die Tat umsetzen der Gewalt ist damit die emotionale Übersetzung: Scham, Wut, Kränkung oder Straflust sollen daher nicht als unverfügbare Ausdrücke von Affektivität, sondern als mit normativen Vorstellungen verbundene Emotionen aufgefasst werden, die Gewalthandeln ermöglichen oder erleichtern. Damit ist eine Verschränkung von normativen Überzeugungen, Emotionen/Affekten und Gewalt adressiert, die das Projekt im Bereich der Emotionssoziologie ansiedelt: Gewalt als emotionaler Ausdruck und Umsetzung eigener normativer Überzeugungen oder Konzeptionen des Guten kann als Bindeglied zwischen situativen und strukturellen Theorien der Gewalt verstanden werden und so einige, nach dem situativen Turn unterbeleuchtete Aspekte von Gewalt als sozialer Interaktion in den Mittelpunkt stellen.