Körpergeschichte der Demokratie - Schutz des Leibes, Materialität und nationalstaatliche Biopolitik

Forschungsgruppen - Demokratie & Staatlichkeit
Projektstart: September 2016

Ist Demokratie eine Idee, ein Diskurs oder gar eine Fiktion? Gewiss.
Doch vermutlich steht Demokratie auch in einem engen Verhältnis zum menschlichen Körper, da wesentliche Elemente moderner Demokratie wie Freiheit, Gleichheit oder Partizipationsmöglichkeiten ohne Schutz des Leibes nicht möglich sind. Peter Blickle konnte zeigen, wie die schiere Empörung gegen körperliche Erniedrigung die Menschen immer wieder aufgebracht hat und damit wesentlich beitrug zur Konstruktion der Menschenrechte – einem essentiellen Bestandteil des demokratischen Gleichheitsversprechens.

Die zentrale Fragestellung lautet daher: Inwiefern hängen die Entwicklung von demokratischen Praktiken und Normen mit den Veränderungen des Körperregimes zusammen? Aus aktueller Perspektive ließe sich fragen, ob nicht etwa das Problem inhumaner Körperregimes wesentlicher für die Demokratie ist als das vieldiskutierte Problem sozialer Ungleichheit. Die theoretisch-methodische Rahmung bildet eine Kombination aus Arbeiter- und Industriegeschichte, modernisierungstheoretischen Annahmen, aber auch Überlegungen zur Biopolitik, Materialität und Genderforschung.

Nationalstaat

Um 1800 entwickelte sich ein neues Körperregime, das – so die Annahme – in Verbindung stand mit der Nationalstaatsbildung. Der Staat bedurfte der Körper als Subjekte, als Arbeitskraft und als Steuerzahler oder als Soldaten – war also primär am männlichen Körper interessiert. Leibeigenschaft und Körperstrafen wurden in diesen Jahren sukzessive abgeschafft. Die Reformer jener Zeit waren von aufklärerischen Gleichheitsidealen befeuert und erkannten, wie nützlich die Idee des gleichen Staatsbürgers für einen effizienten Staat war. Die Gleichheitsdiskurse und -praktiken ließen folgerichtig jene Menschen unberücksichtigt, deren Körper weiterhin fremder Herrschaft unterworfen blieben: etwa Frauen oder Sklaven. Biopolitik war jedoch kein einseitiger Herrschaftsakt von oben nach unten. Im Gegenzug für das totale körperliche Engagement, wie sie die Wehrpflicht dem Mann auferlegte, bot der Nationalstaat bürgerliche Gleichheit, Rechtssicherheit (ohne die körperliche Sicherheit nicht möglich ist) und Partizipationsrechte. Auch die Anfänge des Sozialstaates gehören in diese Analyse.

In dem Projekt soll untersucht werden, wie das nationale Körperregime zwischen Sicherung des Körpers und seiner Indienstnahme funktionierte, wie es zu Inklusion und Exklusion beitrug und wie Bürgerinnen und Bürger sich darauf einließen oder sich dagegen zur Wehr setzten.

Materialität

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich die Einstellung zur Würde des Körpers. Mitleid mit den Schmerzen der anderen, Scham oder körperliche Distinktion ermöglichten das Postulat der universellen Menschenwürde, wie Lynn Hunt zeigt. Die Industrialisierung bot die Möglichkeit zur Konkretisierung der Menschenwürde, denn der wachsende Wohlstand erlaubte einen besseren Zugang zu Dingen wie Kleidung, Wohnung, ein eigenes Bett oder sauberes Wasser. Um 1900 dann stiegen erstmals auch für die unteren Schichten die Reallöhne an, so dass immer mehr Menschen diese Dinge bezahlen konnten. Allerdings zwang die industrielle Produktion zugleich vielfach die Leiber in entwürdigende, gefährliche Arbeit. Die Körper, die sich zur Lohnarbeit verkauften, verweisen auf die Ambivalenzen der Entwicklungen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts gelangte der Körper der Frau in die öffentliche Aufmerksamkeit. Schwangerschaft und Prostitution wurden ebenso heftig diskutiert, wie Kleiderreformen, die den Frauenkörper aus „unnatürlichen“ Zwängen befreien sollte. In einer internationalen Reformbewegung um 1900 gingen Bürgerinnen und Bürger gegen Gewaltverherrlichung vor, sie waren beseelt von Hygiene-Reformen und forderten ein Alkoholverbot, sie installierten Arbeitsschutzgesetze und Frauenrechte; eine moderne Pädagogik sprach sich gegen körperliche Züchtigung der Kinder aus. Neue Konzepte in der Architektur sorgten sich um die Gesundheit der Bewohner. Zu diesen Entwicklungen gehörte allerdings auch das weltweite Aufblühen des Rassismus an der Wende zum 20. Jahrhundert: die Sorge um den rassisch reinen Körper.

Der Frage nach dem neuen Körperregime, nach Schutz des Leibes einerseits und seiner Unterwerfung andererseits, soll in dem Projekt am Beispiel ländlicher Regionen nachgegangen werden, weil sie im 19. Jahrhundert markieren, inwiefern Entwicklungen für die Mehrheit der Bevölkerung an Relevanz gewannen. Neben der preußischen Region Brandenburg und New Jersey in den USA soll auch eine Region in den Blick kommen, die als Randregion im südlichen Europa beschrieben werden kann: Korsika in Frankreich.