Aus Liebe zum Vaterland

Die Idee der Nation im 18. Jahrhundert

(Stand Februar 2000)

Schon im 18. Jahrhundert gab es eine beachtliche Reihe von Texten mit nationaler Thematik. Hermannsdramen und Heldenepen, Vaterlandsgedichte und Soldatenlieder, Flugschriften, Predigten sowie Briefe zum Siebenjährigen Krieg, patriotische Zeitschriften und publizistische Nationalgeist-Schriften. Deutschsprachige Gebildete konstituierten einen frühen Vaterlandsdiskurs, der sich in der seit 1724 erschienenen ersten Patriotischen Zeitschrift nachvollziehen läßt. Eine entscheidende Intensivierung erfuhr dieser Diskurs in den zahlreichen Flugschriften des Siebenjährigen Krieges und erhielt wenige Jahre nach Kriegsende in der Nationalgeist-Debatte sein theoretisches Fundament. Seinen Höhepunkt erlebte er schließlich in der literarischen Bewegung des Sturm und Drang.

Die in der Dissertation diskutierten Imaginationen eines geeinten und machtvollen deutschen Vaterlandes lösten um 1765 den überkommenen Reichspatriotismus ab ohne jedoch bereits den Gedanken des Nationalstaates zu beinhalten, und noch ohne Rückhalt in breiteren Bevölkerungskreisen zu haben. Dennoch prägten die Selbst- und Feindbilder dieses Elitediskurses die Entstehung des deutschen Nationalismus entscheidend mit. Die punktuellen, aber wiederkehrenden Abgrenzungen der erst noch zu etablierenden "deutschen" Nation gegenüber äußeren (vor allem französischen) und inneren (dem bürgerlichen Tugendkodex zuwiderhandelnden) Feinden des Vaterlandes begründeten frühe Konstruktionen kollektiver Identitätsphantasien über die moderne Artikulation von Differenzerfahrungen.

Die Arbeit verbindet in einer umfassenden Rekonstruktion diesen frühen Vaterlandsdiskurs mit Quellen und Methoden der Geschichts- und der Literaturwissenschaft und gewährt dadurch Einblick in das bisher übersehene Wechselspiel freiheitlicher und aggressiver Momente.

Den Ambivalenzen dieser frühen nationalen Gemeinschaftskonstruktionen konnten bisher weder die Nationsforschung des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts (die sich mit den zahlreichen Nationalisierungen des 18. Jahrhunderts befaßte) noch die Patriotismusforschung seit den 1960er Jahren (die sich mit der konsequenten, ebenfalls einseitigen Entnationaliserung des Zeitaltes der Aufklärung befaßte) gerecht werden.

Der Blick zurück ins 18. Jahrhundert bestätigt die These von der "Janusköpfigkeit" des modernen Nationalismus auch für dessen frühen Anfänge und verstärkt zugleich die zunehmenden Zweifel am verabsolutierten Beginn des deutschen Nationalismus mit den sogenannten Befreiungskriegen.