Wissenschaftliche und lebensweltliche Vorstellungen zur Vererbung

Paula Bradish

(Stand 2000)

Mit der Entdeckung von Genen, die vermeintlich Fettleibigkeit oder Homosexualität verursachen, und der Entwicklung von Diagnoseverfahren, die eine Neigung zu Brustkrebs oder Herzinfarkt offenbaren sollen, werden Aussagen über ererbte Eigenschaften zunehmend zum Schicksalsspruch über gesundheitliche, berufliche oder soziale Chancen. Welche individuellen und gesellschaftspolitischen Reaktionen durch die expandierenden Möglichkeiten der Gendiagnostik und -therapie hervorgerufen werden, hängt nicht zuletzt davon ab, welche populären Konzepte von Vererbung und ihrer soziokulturellen Bedeutung dem wissenschaftlich-medizinischen Entwurf der new genetics gegenüberstehen.

Damit ist der zentrale Ansatz des Projekts formuliert. Die Auswertung populärer und wissenschaftlicher Texte, von Interviews und Gruppengesprächen soll Aufschluß geben über die verschiedenen kulturell geformten Diskurse über Vererbung, deren möglichen Quellen und denkbaren Konsequenzen für praktisches Handeln. Die Erkundung der Genetikkonzepte von Laien dient der Frage nach der Bedeutung, die der Vererbung beigemessen wird im Hinblick auf die eigene Identität, auf das Erleben und Erklären von Krankheit und Verhalten oder das Verständnis von Verwandtschaft und sozialen Beziehungen. Die Befragung von Personen aller Altersstufen und unterschiedlicher regionaler und sozialer Herkunft bietet die Möglichkeit, zu prüfen, ob der mehrfach postulierte Prozeß der zunehmenden »Genetifizierung« der Gesellschaft in den Selbstbildern und Erklärungsmodellen von Nichtexperten seinen Niederschlag gefunden hat.

(abgeschlossen im Dezember 2000; das Projekt wurde extern fortgeführt)