Der Gerstein-Report

Ausgabe, Interpretation, Rezeption

(Stand April 2000)

Im April/Mai 1945 schrieb Kurt Gerstein, Angehöriger des ehemaligen Hygiene-Instituts der Waffen-SS, in französischer Gefangenschaft insgesamt zehn Versionen eines längeren Zeugenberichtes über die Aspekte der "Endlösung der Judenfrage", mit der er im Verlauf des Krieges in Berührung kam. Diese Zeugenberichte, die auch als Autobiographie gelesen werden können, zeigen einen in das Räderwerk der Vernichtung der Juden einbezogenen Akteur, dessen Aufgabe unter anderem die Beschaffung von Zyklon B für Auschwitz war. Gerstein wurde einige Wochen später wegen Mordes und Beteiligung am Mord angeklagt und brachte sich im Juli des gleichen Jahres, noch bevor das Verfahren eröffnet wurde, um.

Gersteins Rechtfertigungsbedürfnis war von dem Willen begleitet, die von den Nazis begangenen Grausamkeiten zu benennen. Davon zeugen seine erfolgreichen Anstrengungen, die neutralen Länder und die Alliierten während des ganzen Krieges über die laufenden Massaker präzise zu informieren.

Der Gerstein-Bericht (zuerst veröffentlicht in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1. Jg. (1953), Heft 2), wurde auch für die Dokumentation der Verbrechen im Nürnberger Prozess benutzt. Er stellt für Historiker eine zentrale Quelle über die Vernichtung der Juden in den Gaskammern dar. Neben den Äußerungen des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, trugen sie wesentlich dazu bei, die Vorstellungen von den Vorgängen in den Vernichtungslagern zu formen.

Die verschiedenen Versionen des Gerstein-Reports stehen im Zentrum des Projekts.

Der erste Teil widmet sich dem Autor des Zeugenberichtes selbst. Bekannt wurde er durch Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter", und durch die Biographie Saul Friedländers, "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten". In Gersteins Lebenslauf zeigt sich das Problem von Verhaltensdiskontinuität zwischen Widerstand und Konformismus. In den dreißiger Jahren opponierte Gerstein aus religiöser Überzeugung gegen das Nazi-Regime, war für kurze Zeit im Konzentrationslager Welzheim interniert, ehe er zum Mitläufer und Täter wurde.

Der zweite Teil untersucht die verschiedenen zwischen dem 26. April und dem 6. Mai 1945 auf französisch oder deutsch geschriebenen Versionen des Berichts. Neben der philologischen Bearbeitung der Texte ist vor allem nach der Bedeutung zu fragen, die einer so großen Anzahl von Versionen in so kurzer Zeit zukommt, den bleibenden und sich verändernden Elementen und den Variationen, die sich von Version zu Version über die vorhergehenden stülpen. Die Gesamtheit der diskursiven Strategien soll erarbeitet werden, die dazu beitragen, das Zeugnis undurchsichtig zu machen und es dennoch zu vereinfachen.

Der dritte Teil vergleicht das Zeugnis Gersteins mit allen zugänglichen Dokumenten zum Vernichtungslager Belzec um eine Rekonstruktion des tatsächlichen Geschehens und der Funktionsweise zu ermöglichen. Gerstein hielt sich im August 1942 in Belzec auf und war an der Ermordung eines Transports Lemberger Juden in den Gaskammern des Lagers beteiligt. Das Vernichtungslager Belzec wurde von März bis Dezember 1942 von den Nazis betrieben, in dieser Zeit wurden 600.000 Menschen ermordet.

Der letzte Teil der Untersuchung beschäftigt sich mit der Chronologie der "Endlösung" am Beispiel des Vernichtungslagers Belzec und der Einführung von Zyklon B in Auschwitz und Majdanek sowie mit der Verantwortung der verschiedenen Akteure, die wie Gerstein auf unterschiedlicher Ebene in das Geschehen integriert waren.