RAF-Dokumentation

Projektstart: April 2004

(In Zusammenarbeit mit Bernhard Gierds)

Die meisten der bislang vorgelegten Quellen-Editionen zur Geschichte des linken Terrorismus sind in höchst unterschiedlicher Weise von Eigentümlichkeiten, Einschränkungen und auch offenkundigen Mängeln gekennzeichnet. Entweder verfolgen sie das Interesse, aus einer sympathisierenden Perspektive die Handlungen terroristischer Gruppen in ein legitimatorisches Licht zu rücken, oder aber aus einer staatsnahen Perspektive das Verhalten der damaligen Bundesregierung und der verschiedenen mit der Bekämpfung, der Ermittlung und der Strafverfolgung befaßten staatlichen Behörden zu rechtfertigen. Kriterien für Auswahl, Text-Auslassungen und Annotationen bleiben häufig im Dunkeln und entziehen sich weitgehend ihrer Überprüfbarkeit. Ein wesentliches Ziel des Projekts ist es deshalb, eine Dokumentation vorzulegen, die den in der Geschichtsschreibung üblichen Standards genügt. Die bislang publizierten Quellen sollen deshalb möglichst bis auf ihren Ursprung zurückverfolgt und anhand des Originals überprüft werden. Die Abfolge der Dokumentengruppen leitet sich zunächst aus der Prämisse ab, daß die "Rote Armee Fraktion" (RAF) ein Produkt der Zerfalls- und Transformationsgeschichte der 68er-Bewegung war. Von der RAF wird deshalb nicht isoliert, sondern im Kontext gesprochen. Die Sammlung ordnet das Material nach den an der Auseinandersetzung beteiligten Akteursgruppen und innerhalb dieser Gruppen chronologisch. Das ermöglicht, Kontinuitäten, Veränderungen und Charakteristika in den jeweiligen Artikulationsmustern wiederzugeben. Als Akteure gelten dabei einerseits zunächst einmal die terroristischen Gruppen und ihre Mitglieder, andererseits die staatlichen Ermittlungs- und Anklagebehörden, dann der justizielle Apparat mit Anwälten und Gerichten. Akteure sind aber auch jene gesellschaftlichen Instanzen, die als politische Entscheidungsträger den Verlauf des Konflikts maßgeblich bestimmten und die Bedingungen der Konfliktaustragung kontrollierten, Bundes- und Landesregierungen sowie die Parlamente. Komplettiert wird die Palette durch jene, die an der medialen Vermittlung teilnahmen, die aus ihrer politischen oder beruflichen Perspektive in die öffentliche Debatte eingriffen. In Betracht gezogen werden alle Arten von Printmedien und schriftliche Archivalien; eine Einbeziehung von Rundfunk und Fernsehen sind nicht vorgesehen, da dies den Rahmen des Möglichen gesprengt hätte. Die erste Abteilung versammelt Texte, die als zentrale Begründungen von Guerilla-Konzepten angesehen werden können. Die zweite Abteilung umfasst Erklärungen, Beiträge und Wortmeldungen im Kontext der 68er-Bewegung und der Linken, die vor dem Auftreten bewaffneter Gruppen in der Bundesrepublik erschienen sind. Die dritte Abteilung dokumentiert die Selbstexplikationen terroristischer Gruppen in der Reihenfolge ihres zeitlichen Auftretens. Sie beginnt mit den "Tupamaros West-Berlin", gibt Texte der daraus entstandenen "Bewegung 2. Juni" wieder und enthält im Hauptteil Dokumente der RAF. Den Abschluß bilden Texte der "Revolutionären Zellen" und der "Roten Zora". Die vierte Abteilung liefert eine Auswahl von Texten, die den internationalen Zusammenhang betreffen. Die fünfte Abteilung stellt die bis heute sichtbar gewordene Züge der staatlichen Reaktion auf den linken Terrorismus dar. Die sechste Abteilung präsentiert einzelne Aspekte des justiziellen Handelns, inklusive einzelner Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts; sie enthält auch juristische Kommentare und Analysen des Geschehens. Die siebte Abteilung gibt die Äußerungen von Terroropfern und ihren Angehörigen wieder; die achte parlamentarische Reaktionen und Untersuchungen; dem folgen in der neunten die öffentlichen Kommentare von Journalisten, Kirchenvertretern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und in der letzten, der zehnten Abteilung, schließlich Beiträge zur Auseinandersetzung über den Terrorismus innerhalb der damaligen Linken.

(Stand März 2010)