"Ethnische Säuberungen". Biopolitik und das Recht auf Selbstbestimmung der Völker

(Stand Februar 2007)

Die "ethnischen Säuberungen" im 20. Jahrhundert sind in den vergangenen Jahren Gegenstand verschiedener Studien geworden. Die meisten Studien gehen allerdings wie selbstverständlich von der Voraussetzung aus, dass erstens Völker, was immer auch darunter zu verstehen ist, als historische Akteure anzusehen sind und zweitens die Idee eines ethnisch homogenen Nationalstaates das leitende Handlungsmotiv darstellte. Damit werden jedoch sowohl die Ethnisierung des Politischen seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht näher problematisiert als auch die politische Wirkungsgeschichte der Forderung auf ein Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgeblendet.

Demgegenüber will das Projekt erstens die Überlegung Michel Foucaults aufnehmen, der zufolge sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein neues Machtregime in Europa zu etablieren begann, das nicht mehr vom Konzept der Souveränität geleitet wird als vielmehr von Technologien der Macht, die sich auf das Leben richten, auf Prozesse der Geburtenkontrolle, Fertilitätsraten, Hygiene, Seuchenbekämpfung: "Bio-Politik", wie Foucault die Praxis dieses neuen Machtregimes nennt. "Man könnte sagen, das alte Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen." (Der Wille zum Wissen, Frankfurt am Main 1991, S. 165). Biopolitik stempelt die Andersheit des "Anderen" zu einer Naturtatsache, ruft also unentrinnbar genetische und nicht mehr bloß genealogische Differenzen auf, die per definitionem nicht assimiliert werden können. Damit entsteht die Option (obwohl keineswegs zwangsläufig), daß mörderische Politiken der Segregation und Ausmerzung die vormaligen, nationalen Assimilationsprojekte ablösen.

Zweitens hat in einem solchen veränderten Kontext der Naturalisierung des Politischen die Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht der Völker als Grundprinzip einer postimperialen Nachkriegsordnung Europas, die sowohl von den Bolschewiki wie vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 1917/18 ins Spiel gebracht wurde, eine befeuernde Wirkung. So diplomatisch abgewogen Wilsons Vorschläge waren und deshalb auch als Grundlage für die Friedensverhandlungen in Versailles 1919 dienen konnten, so traf seine Initiative dennoch auf ein Europa, das sich bereits nach dem "Blut" zu ordnen begonnen hatte. Die Formel vom Selbstbestimmungsrecht der Völker fachte zweifellos die völkischen Ambitionen in Europa weiter an.

Unter einer solchen Forschungsperspektive ist bislang weder der Versailler Vertrag als Modell einer politischen Nachkriegsordnung noch das Recht auf Selbstbestimmung der Völker betrachtet worden. Empirische Grundlage des Projekts werden die gewalttätigen Konflikte in Europa, insbesondere die nationalen Unabhängigkeitskämpfe, zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre hinein sein, die daraufhin untersucht werden sollen, ob, in welchem Ausmaß, in welcher Situation, mit welcher Begründung sich ethnische Morde und Vertreibungen auffinden lassen. In einem zweiten Schritt soll die Perzeption dieser gewalttätigen Konflikte insbesondere bei den Akteuren der Versailler Friedenskonferenz analysiert werden, vor allem in Hinsicht auf die Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht der Völker als Problemlösungskonzept. Der dritte Untersuchungsschritt beschäftigt sich dann mit Frage, in welcher Weise die Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht die Ethnisierung des Politischen und Gewaltpraktiken wie Massenmord und Vertreibung angetrieben hat, wie ein biologisiertes, "biopolitisches" Konzept des "Volkes" zur politischen Dominante in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde.

Dieses Forschungsprojekt ist auf drei Jahre veranschlagt; die Ergebnisse sollen im Rahmen des "Synthetisierungsprojekts" des AB Theorie und Geschichte der Gewalt veröffentlicht werden.