Soziale Medien, Livestreams und Gewalt im Rechtsextremismus

Forschungsgruppen - Makrogewalt
Projektstart: März 2019

Nach Gewalttaten bei denen den Gewaltausübenden rechtsextreme Motivlagen nachgewiesen werden können, wird immer wieder die Bedeutung von sozialen Medien und des Internets für die gewaltsamen Attacken diskutiert. Während innerhalb der Rechtsextremismusforschung die geposteten Inhalte und Kommunikationsdynamiken auf unterschiedlichsten Plattformen gut erforscht sind, gilt dies weniger dafür wie sich diese Onlinekommunikation jenseits des Internets fortsetzt und welche Effekte dies für die Ausübung von Gewalt hat. Ziel des Promotionsprojekts ist es daher zu untersuchen, wie sich digitale Praktiken auf den Verlauf von Gewaltsituationen auswirken. Bei den ausgewählten empirischen Fällen sind solche von besonderem Interesse, bei denen die Anwesenden mittels eines Video-Livestreams in Verbindung mit einem abwesenden Publikum stehen. Hierbei handelt es sich u.a. um Anschläge von Einzeltätern oder Ausschreitungen während Demonstrationen. Die bei der Analyse eingenommene Forschungsperspektive ist von aktuellen Entwicklungen innerhalb der Gewaltsoziologie inspiriert. Dies bedeutet, dass mit detaillierten Situationsbeschreibungen das tatsächliche Gewalthandeln in den Mittelpunkt gerückt wird. Methodische Orientierung bieten hier einerseits Ansätze der Videoanalyse, andererseits aber auch Methoden der digitalen Ethnographie, um der emischen Perspektive der Anwesenden Rechnung zu tragen. Somit bleibt die Analyse nicht bei einer reinen mikrosoziologischen Rekonstruktion stehen, sondern kontextualisiert das Geschehen hinsichtlich der parallel verlaufenden gesellschaftlichen Prozesse, in denen sich die zu untersuchenden Ereignisse realisieren.
Dieser Forschungsansatz ermöglicht es, Impulse aus der soziologischen Gewaltforschung sowie der Mediensoziologie zu verbinden und weiterzuentwickeln. In beiden Disziplinen wird immer wieder auf die explanatorische Relevanz von abwesenden bzw. imaginierten Dritten für das Handeln der Anwesenden hingewiesen. Jedoch besteht bis heute kein nennenswerter Austausch zwischen beiden Forschungsfeldern. Das Projekt soll somit erste Schritte hin zu einem produktiven Verhältnis dieser beiden unverbundenen Disziplinen gehen, um die adressierte Forschungslücke zu bearbeiten. Durch dieses Vorgehen kann erklärt werden, welche Bedeutung soziale Medien und die dort stattfindenden Handlungen für die Anwesenden während der Interaktion selbst haben und wie sie sich auf soziale Medien im Geschehen beziehen. Somit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag für die Rechtsextremismusforschung, indem es nicht zwischen einer Online- und einer Offline-Welt unterscheidet, sondern zeigt, wie die Dynamiken gewaltsamer Situationen durch soziale Medien beeinflusst werden.