Prekarisierte Erwerbsbiographien

Projektstart: November 2004

Die qualitative Paneluntersuchung mit dem Titel "Prekarisierte Erwerbsbiographien" wurde von 2007 bis 2012  am Hamburger Institut für Sozialforschung durchgeführt. Sie war Teil des Verbundprojektes "Armutsdynamik und Arbeitsmarkt", das vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg konzipiert, drittmittelfinanziert und koordiniert wurde. Das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München war mit dem Auswertungsschwerpunkt "Entwicklung von Arbeitsvermögen und Beschäftigungsfähigkeit" ebenfalls an dem Verbund beteiligt.

Im Mittelpunkt der fünfjährigen Forschungsarbeit standen jährlich wiederholte biographisch- narrative Interviews mit 152 Personen, die sich in prekären, unsicheren und wechselhaften Erwerbssituationen befinden. Insgesamt wurden im Verbundprojekt über vier Befragungswellen gut 450 Interviews mit erwerbslosen und erwerbstätigen Personen geführt, die alle schon einmal Erfahrungen mit wohlfahrtstaatlichen Grundsicherungsleistungen gemacht haben. Die Erhebungen fanden in sieben Regionen Deutschlands mit unterschiedlichen Strukturmerkmalen und Arbeitsmarktbedingungen statt.

Die Befunde des Projekts zeigen, dass die Grenzen zwischen den sicheren und den unsicheren Zonen der Arbeitswelt an Klarheit verlieren. Die Frage nach der Integrationskraft der Erwerbsarbeit muss daher neu gestellt werden und kann nicht mehr ausschließlich entlang der Schnittstelle "ohne Arbeit" oder "in Arbeit" beantwortet werden. Ein arbeitssoziologisches Denken in Kategorien von "Ausschluss" versus "Zugehörigkeit" scheint den empirischen Realitäten der Arbeitswelt zunehmend  unangemessen zu sein. Vielmehr zeigt sich entlang der Forschungsergebnisse, dass sich eine Zwischenzone am Arbeitsmarkt etabliert, in der biographisch verwundbare und brüchige Beschäftigungsformen dominieren. Diese Formen der Erwerbstätigkeit gewähren zwar den Zugang zum Arbeitsleben, aber eben nur periodisch, unregelmäßig und unverbindlich. Mehr als die Hälfte der 152 Befragten bewegen sich als erwerbsgesellschaftliche Grenzgänger regelmäßig zwischen Minijobs, Leiharbeit, Praktika, befristeten Tätigkeiten und staatlicher Grundsicherung. Die Grenzgänger sind geradezu Repräsentanten eines "rasenden Stillstands" in der Arbeitswelt. Nicht Verfestigung kennzeichnet ihr Erwerbsleben, sondern Mobilität, Varianz und Flexibilität. Diese Veränderungen fordern das soziologische Denken über die Arbeitswelt heraus. Neue Ungleichheiten werden sichtbar. Eine Zone der Instabilität beginnt sich zu stabilisieren, sie prägt Lebensläufe und verändert Sichtweisen auf die Gesellschaft.

Unter zahlreichen Befragten entwickelt sich eine Haltung und Orientierung, die wir als "Zwischenzonenbewusstsein" beschreiben können. Dieses ist gekennzeichnet durch Deutungen der Lebenssituation, die den Kontroll- bzw. Autonomieverlust der Plan- und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens in den Vordergrund stellen. Für sehr viele Befragte wird die Unsicherheit zum Regelfall. Um Ziele erreichen zu können, ihrem Zustand einen Sinn zu geben und aktiv zu sein, ist ihre Perspektive mittlerweile häufig auf die Zwischenzone fokussiert, in der sich kaum Zukunftspläne machen lassen. Die Konzentration auf die Gegenwart ist so stark, das Zukunftsperspektiven jenseits der Vorstellung sind.

Die staatliche Aktivierungspolitik hat, wie die Paneluntersuchung zeigt, keinen nachhaltigen Ausstieg aus der Zwischenzone der Arbeitswelt zur Folge. Vielmehr stellen wir eine Verstetigung von Prekarität fest: Die Befragten werden in "Bewegung" und permanenter Anspannung gehalten bzw. halten diese von sich aus aufrecht, getragen von der Sorge und dem Bemühen, nicht dauerhaft an den unteren Rand der Zwischenzone abgedrängt zu werden.

(Stand Oktober 2012)