Communicating Murder

Die Massenerschießungen von Katyn in der politischen Kommunikation des Kalten Krieges

Die Erschießungen von über 15.000 polnischen Kriegsgefangenen durch das stalinistische NKWD im Frühjahr 1940 sind seit mehr als zwanzig Jahren ein Dauerthema der osteuropäischen Gewaltforschung und ein ständiger Streitpunkt in den nicht spannungsarmen Beziehungen zwischen Polen und Russland. Jahrzehntelang war es undenkbar das Wissen über die geheime Sonderaktion Moskaus öffentlich zu machen, ohne in die Fallstricke einer ideologischen Weltkriegserinnerung zu geraten.

Erst Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion gab die Täterschaft des NKWD zu. Danach gewährten die Archive Zugang zu ihren Beständen und begann die wissenschaftliche Aufarbeitung eines Verbrechens, das zuvor je nach Grad der ideologischen Verhärtung entweder als sowjetisches, deutsches oder ungeklärt rätselhaftes Kriegsverbrechen gehandelt wurde. Gorbatschows Erklärung bewirkte die Aufnahme Katyns  in die Gewaltgeschichte des Stalinismus. So unumgänglich dieser Schritt im Zuge von Glasnost, Perestroika und unter dem wachsenden Druck der polnischen Öffentlichkeit war, so wenig löste er Katyn aus der bewährten Indienstnahme. Das Verbrechen wurde zum Gegenstand der Geschichte Osteuropas.

Mit dem Projekt wird der Versuch unternommen, die ideologisch zwischen Links und Rechts, geographisch zwischen Ost und West und gewaltgeschichtlich zwischen Stalin und Hitler geteilte Geschichte der Massenerschießung von Katyn nach dem Ende des Kalten Krieges neu zu erzählen. Katyn wird dabei als eine mehrere Phasen durchlaufende deutsch-sowjetische Interaktionsgeschichte beschrieben, die in der dichotomischen Kriegserinnerung des Kalten Krieges keinen Platz hatte, ohne die sich aber weder das Verbrechen selbst noch seine fortdauernde Aktualität verstehen lassen. Das Projekt greift hierfür den methodischen Ansatz einer Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte auf, die über den Vergleich hinaus nach den Orten und Ereignissen der Zusammenarbeit, Verschränkungen und gegenseitigen Bezüge von Nationalsozialismus und Stalinismus fragt.

Im ersten Teil wird die Geschichte Katyns rekonstruiert: von der Verhaftung der Offiziere, Ärzte und Intellektuellen bis zu ihrer Erschießung als Resultat des Hitler-Stalin Paktes und des gemeinsamen Besatzungsterrors. Stalins Motive und Hintergründe für den Erschießungsbefehl sind noch immer umstritten. Sie sollen nicht allein aus der sowjetischen, sondern ebenso aus der deutschen Perspektive diskutiert werden. Der Grund für Stalins Entscheidung, 15.000 Menschen erschießen zu lassen, liegt, so die These, in der unmittelbaren Situationslogik des deutsch-sowjetischen Gewaltbündnisses. Auch wenn der Einfluss traditionaler polnisch-sowjetischer Ressentiments, ideologischer Klassenkonstrukte und der persönlichen Polenphobie Stalins nicht zu unterschätzen ist. 

Der zweite Teil befasst sich  - wenn auch unter veränderten Vorzeichen -  wieder aus dem Blickfeld der beiderseitigen Interaktion mit der nationalsozialistischen und der sowjetischen Katynpropaganda im Frühjahr 1943 beziehungsweise im Januar 1944. Geprüft werden soll die These, dass nach dem Einmarsch Hitlers in die Sowjetunion das Wissen um die Erschießungen in Katyn und um die Gewalt des Anderen, zu Waffen in einem Krieg um Kriegsverbrechen wurde, der sowohl unmittelbar strategischen Zielen, wie im Falle Stalins, der Durchsetzung seiner Nachkriegsordnung für Osteuropa, diente. Es wird  beschrieben, wie die Propagandakampagnen den Grundstein für den Umgang mit Katyn nach Kriegsende und im Kalten Krieg legten. Ihnen entstammten wirkungsmächtige Images und Muster der linken und rechten Katynkommunikation im Kalten Krieg – von Goebbels Selbstdarstellung als Aufklärer bol-schewistischer Gräueltaten bis hin zu Stalins hochpolitischem Kollaborationsvorwurf –.  Aus mannigfaltigen Gründen, gelang es weder der nationalsozialistischen Propaganda noch der sowjetischen Inszenierung ihre jeweilige Version des Verbrechens von Katyn vor der Weltöffentlichkeit durchzusetzen.

Die Analyse der ideologisierten Kommunikation über Katyn steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Vor dem Hintergrund einer dichotomischen Weltkriegserinnerung wurde die Entscheidung für die sowjetische oder für die nationalsozialistische Version der Massenerschießungen in Katyn im Kalten Krieg zu einer Positionsbestimmung zwischen Links und Rechts. Die Bedingungslosigkeit dieser Entscheidung, die die Katyngeschichte seit den Propagandainszenierungen begleitet hat, verdeckte jene historischen Interaktionen, die das Projekt zum Ausgangspunkt nimmt. Es zielt darauf ab, die Beschäftigung mit Katyn und anderen sowjetischen Kriegsverbrechen zu "entideologisieren" und in den Kontext einer europäischen Kriegsverbrechengeschichte zu stellen. Sie will, jenseits von Gewalthierarchien und Revisionsappellen, den Blick auf jene komplexen Verschränkungen aufzeigen, die sowohl die Zeit des Hitler-Stalin Paktes als auch die der folgenden Kriegs- und Nachkriegsjahre in Beziehung brachte.

(Stand Mai 2013)